Kultur : „Der Brief kam am 11. September“

Thomas Flierl über die Vorgeschichte und die Bedingungen zur Wiederaufführung von „Idomeneo“

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Herr Flierl, Ihre Erklärung zur Absetzung von „Idomeneo“ ist befremdlich. Einerseits sagen Sie, Frau Harms habe verantwortungsvoll gehandelt, andererseits schränken Sie ein, die Sicherheitsbedenken seien nicht substantiiert genug gewesen. Heißt das, Sie halten die Entscheidung der Intendantin für falsch?

Der Innensenator hat Frau Harms eine Einschätzung der Lage vermittelt, aufgrund derer die Intendantin der Deutschen Oper von einer akuten Bedrohungssituation ausgehen musste. Sie hat daraufhin alleine entschieden, „Idomeneo“ abzusetzen. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass diese Bedrohungssituation so nicht existiert. Das war auch das Ergebnis der von mir angeregten Erörterung am Dienstag im Senat. Frau Harms’ Entscheidung ist subjektiv verständlich, da sie die ihr vermittelten Bedrohungsszenarien für real halten musste. Aber objektiv ist die Entscheidung falsch.

Sie halten es für wünschenswert, dass „Idomeneo“ wieder gespielt wird?

Genau. Deshalb habe ich am Donnerstag mit dem Innensenator telefoniert, war mit dem Integrationsbeauftragten Günter Piening bei Frau Harms und habe sie für den Versuch gewonnen, eine zivilgesellschaftliche Initiative zu starten, die es möglich macht, die Oper wieder zu zeigen – entsprechend der weitgehend einhelligen öffentlichen Meinung. Es geht darum, dass wir vier gemeinsam etwa mit dem Islamforum und den Kirchen einen Konsens erarbeiten, dass wir in Berlin diese Aufführung brauchen. Mein Ziel ist es, Bedingungen zu schaffen, unter denen die Oper wie geplant oder jedenfalls in absehbarer Zeit wieder gespielt werden kann. Dazu muss der Innensenator eine Sicherheitseinschätzung abgeben, die dies ermöglicht. Wir müssen die Herausforderung annehmen und dürfen der fatalen Entscheidung nicht erliegen.

Welche Bedingungen müssen geschaffen werden? Genügen nicht Sicherheitsvorkehrungen wie am Flughafen? Eine schriftliche Garantie von Islamisten, dass die Oper unversehrt bleibt, wird es nicht geben.

Das sind zwei Ebenen. Bei der einen habe ich keine eigenen Kompetenzen: Die Sicherheitsbehörden müssen nach menschlichem und fachlichem Ermessen beurteilen, dass mögliche Risiken beherrschbar sind. Der andere Punkt ist: Wir brauchen eine Bekräftigung des Konsenses, dass „Idomeneo“ gespielt wird, dass Berlinerinnen und Berliner aller Kulturen und Religionen dies wollen und darauf bestehen, selbst wenn sie die Inszenierung vielleicht nicht mögen. Die Äußerung von Kenan Kolat und anderen Berliner Moslems ermutigt mich sehr, denn es gibt offenbar viele zivilgesellschaftlich verankerte Menschen aus anderen Kulturen in dieser Stadt, die genau dies auch wollen.

Noch einmal: Unter welcher konkreten Bedingung wird Hans Neuenfels’ Inszenierung wieder aufgenommen?

Wenn alle Beteiligten – der Innensenator, der Integrationsbeauftragte, der Kultursenator und die Oper – gemeinsam zu der Einschätzung kommen, dass die Aufführung nicht nur wünschenswert und verfassungsrechtlich geboten, sondern auch sicherheitstechnisch und zivilgesellschaftlich realisierbar ist. Das kann bedeuten, dass Vorkehrungen wie am Flughafen getroffen werden. Es kann nicht bedeuten, dass auf jede diffuse Befürchtung, irgendwo in der Welt könnten sich Moslems an einer Opernszene stören, Rücksicht genommen wird.

Wann haben Sie eigentlich von der Programmänderung erfahren?

Nachdem Frau Harms ihre Entscheidung zur Presseinformation vorgelegt hat.

Also erst am Montag dieser Woche?

Ja. Es gab vorher einen Brief von Frau Harms, in dem sie die ihre Entscheidung mitteilte, „Idomeneo“ abzusetzen. Der Brief vom 7. September traf am 11. September in der Kulturbehörde ein, ich habe ihn am 21. gesehen. Eine Sicherheitseinschätzung vom Landeskriminalamt lag uns nicht vor, da sie von Ehrhart Körting direkt an die Deutsche Oper ging.

Ein Brief dieses Inhalts lag zehn Tage in Ihrer Behörde, ohne dass jemand Alarm geschrien hat?

Das ist die Woche vor der Wahl gewesen. Davon abgesehen, war für mich entscheidend, dass der Innensenator in einem persönlichen Gespräch der Intendantin den Eindruck vermittelte, dass es eine akute Gefahr gibt. Da ist es nicht an mir, dies infrage zu stellen. Ich bin nicht dazu da, den Innensenator zu kontrollieren, ich respektiere seine Gefahrenanalyse. Aber ich wurde sofort tätig, als klar war, es gibt keine konkrete Attentatsgefahr. Und als sich für mich erschlossen hat, dass die Gefahreneinschätzung nicht sachgerecht ist.

Warum hat der Innensenator Sie nicht zeitgleich mit Frau Harms in Kenntnis gesetzt?

Das habe ich im Senat auch gefragt. Aber es ist müßig, sich zu beschweren. Es geht jetzt darum, ein Sicherheitsmanagement auszuarbeiten. Künftig müssen die Verantwortlichkeiten klar sein, damit nicht einsame Entscheidungen getroffen werden wie in diesem Fall von Frau Harms.

Die Intendantin hätte sich doch jederzeit an Sie wenden können.

Ja sicher, auch wenn sie die alleinige Verantwortung für die Programmgestaltung ihres Hauses hat. Ich hätte vermutlich das LKA hinzugezogen, wäre vielleicht zum Regierenden Bürgermeister gegangen, und wir hätten gemeinsam das Für und Wider einer Absetzung abwägen können.

Welche Folgen hat der „Idomeneo“-Fall für die Debatte um die Finanzierung der drei Musiktheater der Stadt?

Da sehe ich keinen Zusammenhang und schon gar kein böses Omen für die Deutsche Oper.

— Das Gespräch führte Christiane Peitz.

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