Kultur : Der bulgarische Politiker bewahrte 48 000 bulgarische Juden vor der Deportation

Wolfgang Thierse

Der italienische Publizist Gabriele Nissim hat ein faszinierendes Buch geschrieben. Es zeichnet den Lebensweg jenes Mannes nach, der Hitlers Pläne zur Vernichtung der bulgarischen Juden durchkreuzte und 1943 die Deportation von 48 000 Juden nach Auschwitz verhinderte. Gleichwohl hat sich der damalige Vizepräsident des bulgarischen Parlamentes, Dimitar Pesev, selbst niemals als Held gesehen. Im Alter sagte er, dass er zur Rettung der Juden nichts besonderes getan habe. Es sei eine menschliche, normale Tat gewesen, die jeder an seiner Stelle hätte tun können.

Das klingt einleuchtend. Wer jedoch das eindringliche Buch von Gabriele Nissim gelesen hat, wird Pesevs Auffassung nicht zustimmen können. Die Studie verdeutlicht, dass auch viele andere die Möglichkeit zum Helfen gehabt hätten, jedoch zögerten oder aus Angst und Opportunismus schwiegen, wegschauten, Unwissenheit vortäuschten.

Das Beispiel Pesev belegt deshalb eindrucksvoll, wie entscheidend der Schritt vom "Hätte-Tun-Können" zum wirklichen Handeln war und ist. Was damals für die Rettung der bulgarischen Juden galt, gilt unverändert für heutige Bedrohungen der parlamentarischen Demokratie, des Rechtsstaates und der Menschenrechte: Das Gefährlichste ist das Schweigen, das Wegsehen, die Legende, man hätte nichts gewusst und die Behauptung, man hätte nichts tun können.

Das Buch über Dimitar Pesevs ist eines gegen das Vergessen. Es erinnert an das Schicksal des Retters der bulgarischen Juden, dessen Verdienste bis vor wenigen Jahren nicht einmal die meisten der Geretteten kannten. Es ist ein Buch gegen gezielte Geschichtsfälschungen, wie sie von den Kommunisten nach 1945 unternommen wurden. In schlimmster Manier von Orwells Roman "1984" erfanden sie die Legende eines eigenen Retters - weil ihre Ideologie nicht zulassen wollte, dass ein "Systemfeind" der Retter der bulgarischen Juden war. Vor allem ist das Buch ein Plädoyer für die Verantwortung jedes Einzelnen, insbesondere jedes demokratisch gewählten Abgeordneten.

Nissims verständliche und klar geschriebene Studie weiß historisch zu differenzieren. Sie widersteht der Versuchung, Dimitar Pesev zu einem Heiligen zu stilisieren. Vielmehr zeigt der italienische Essayist sehr eindringlich und kritisch auf, welchen Täuschungen und Irrtümern Pesev lange Zeit unterlegen war. So hatte er dem Beitritt Bulgariens zu Hitlers Drei-Mächte-Pakt ebenso zugestimmt wie Bulgariens antijüdischen Rassegesetzen - in der Illusion, sie würden nicht angewendet werden. Erst die Enteignungen der bulgarischen Juden stimmten ihn nachdenklich. Als er Anfang März 1943 von jüdischen Bürgern seines Wahlbezirks über die heimlich geplanten Deportationen der bulgarischen Juden informiert wurde, handelte er schnell und entschlossen. Zunächst mobilisierte er andere Abgeordnete. Dann zwang er - unter Hinweis auf die eindeutige Gesetzwidrigkeit - den Innenminister, die unmittelbar bevorstehenden Deportationen auszusetzen. Wie dramatisch die Situation am 9. März 1943 war, illustriert der Umstand, dass der Aussetzungsbefehl des Innenministers um 20 Uhr abends erging. Viele jüdische Bulgaren standen zu diesem Zeitpunkt mit gepackten Koffern vor ihren Häusern oder auf den Bahnhöfen. Die Deportation nach Auschwitz sollten im ganzen Land um 23 Uhr beginnen.

Ein besonderes Verdienst Pesevs ist es, in dieser Situation erkannt zu haben, dass er nur einen Teilerfolg errungen hatte. Deshalb brachte er den Fall vor das bulgarische Parlament und tat alles, um die Regierungspläne zur Deportation der Juden öffentlich zu machen. In einem historischen Brief an den Ministerpräsidenten vom 17. März 1943 prangerte er den geplanten Abtransport der bulgarischen Juden als "einen unwürdigen Schandfleck auf der bulgarischen Ehre" an.

Die Geschichte der nationalsozialistischen Judenverfolgungen kennt auch in Deutschland Fälle, in denen Einzelne - wie die Frauen der Rosenstraße in Berlin - sich zur Wehr setzten und erfolgreich Widerstand leisteten. Pesevs mutige Aktion brachte andere Politiker, Intellektuelle und hohe Repräsentanten der Kirche dazu, ebenfalls öffentlich zu protestieren. Dies führte dazu, dass die Deportation der "altbulgarischen" Juden erst ausgesetzt, dann aufgeschoben und letztlich ganz verhindert wurde.

Das Buch von Gabriele Nissim verschweigt nicht, dass es damals nicht gelang oder auch nicht ernsthaft versucht wurde, die Deportation der 12 000 neubulgarischen Juden aus den von Deutschland beherrschten Gebieten in Thrakien und Makedonien zu verhindern. Sie wurden - über bulgarisches Gebiet - nach Auschwitz gebracht und fanden dort fast alle den Tod.

Gerade weil das Buch über den Mann, der Hitlers Pläne durchkreuzte, historische Wahrheiten differenziert darstellt, ist es ein eindrucksvolles Werk. Auch die Schilderung des weiteren Lebenswegs von Dimitar Pesev - seine Verfolgung und Verurteilung durch das kommunistische Regime, seine Gefängnishaft, die Entlassung sowie das jahrzehntelange Leben unter Hausarrest ist nachlesenswert. Es zeichnet den Lebenswerg eines stillen Helden nach, dessen Verdienste lange Zeit aus dem Gedächtnis verbannt, aber auch verdrängt und vergessen worden sind. Als Dimitar Pesev 1973 starb, haben nur wenige an seine Lebensleistung erinnert.

Erst das Ende des Kommunismus und der Wandel in Europa haben es erlaubt, die Wahrheit in die Öffentlichkeit zu bringen. In Israel und Bulgarien ist Pesevs Leistung in den vergangenen Jahren öffentlich gewürdigt worden. Das bulgarische Parlament ehrt das Andenken seines ehemaligen Vizepräsidenten, indem es die bulgarische Fassung des Buches herausgibt.

Dimitar Pesev ist ein Vorbild - nicht nur für Abgeordnete und Politiker. Vielmehr fordert sein Lebensweg jeden einzelnen von uns auf, nicht wegzuschauen, wenn in unserer Gesellschaft wieder rassistisch motivierte Ausgrenzungen, Hass und Gewalt gepredigt oder praktiziert werden sollen. Der Vizepräsident des damaligen bulgarischen Parlaments hat die Motive für sein Handeln in die Worte gefasst: "Schweigen hätte im Widerspruch zu meinem Gewissen und zu meiner Verantwortung als Abgeordneter und Mensch gestanden."

Dem ist wenig hinzuzufügen - nur der Wunsch, dass Pesevs Mut viele Nachfolger und Nachfolgerinnen finden möge. Ich wünsche dem Buch viele Leser in Deutschland. Es gibt wenige Bücher, die so gut aufklären über die Mechanismen menschenverachtenden Handelns, aber auch über die Chancen jedes Einzelnen, ihnen durch entschlossenes Handeln entgegenzuwirken.Gabriele Nissim: Der Mann, der Hitler stoppte. Dimitar Pesev und die Rettung der bulgarischen Juden. Siedler Verlag, Berlin 2000. 320 Seiten. 48 DM.

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