Kultur : „Der Chilene an sich ist eine Mimose“

Isabel Allende stellt ihre Autobiografie „Mein erfundenes Land“ auf dem Berliner Literaturfestival vor

Doris Meierhenrich

Isabel Allende hat sich vorgenommen, jedes Jahr ein Buch zu schreiben, was ihr persönlich sicher ausgezeichnet bekommt. Literarisch aber – das soll gleich gesagt sein – sind die Folgen desaströs. Man darf vermuten, dass auch ihr deutscher Verlag das mitunter ähnlich sieht, weshalb die Übersetzungen, etwas verlegen, dem Schaffensdrang der Autorin um drei bis vier Werke hinterherhinken. Für volle Kassen sorgt Allende augenscheinlich dennoch: jubelnde Stimmung im ausverkauften Haus der Festspiele, fotografierende Zuschauer, Fernsehkameras und das Geschäft der Saison für den Bücherstand im Foyer. Wie gern hätte man die vielen Käufer vor dem Investment in die Autobiografie „Mein erfundenes Land“ noch gewarnt. Doch die PR-Maschine des Abends schwenkte schon in der Schlusskurve.

Die famose Hannelore Hoger las nachdenklich, gelassen, mit rauchig gebrochener Stimme ein so geschickt zusammengestrichenes Kondensat dieses im Reinformat unbändig fahrigen Textes, dass sogar noch eine Wendung wie „mein Schreiben ist eine beständige Übung der Sehnsucht“ intelligent klang. Jede zusammenhängende Passage von mindestens zwei Seiten hätte, wäre sie gelesen worden, die haarsträubende Inkonsistenz und Geschwätzigkeit dieses Buches entlarvt. So aber konnte die quirlige Chilenin mit dem „flotten Mundwerk“ (Allende) unbefangen zu der seriös geschminkten Textfassade den Partyclown spielen. Pointenreich plauderte sie aus dem privaten Nähkästchen ihrer Ehe mit „Willie“ (all das steht auch im Buch) und beschwor tagesaktuell das „historische Karma“ des 11. September: 1973 putschten an diesem Tag chilenische Militärs ihren Onkel Salvador vom Präsidentenstuhl und jagten die Journalistin Isabel aus dem Land, während die New Yorker Terroranschläge vor fünf Jahren ihr, der Exilantin, eine neue Heimat sichtbar machten: Mit den „verwundeten“ USA, wo sie seit Langem lebte, fühlte sie sich plötzlich solidarisch verbunden. Aus solchen Oberflächeneffekten und Koinzidenzen überhöht Allende ihre Lebens- und Fantasiegeschichte in ein kosmisches Drama.

„Mein erfundenes Land“ soll eine Liebesbotschaft an Chile sein, eine Bestandsaufnahme der eigenen Erinnerung daran und eine Revision des eigenen Schreibens. Tatsächlich aber ist es eine Art trivialanekdotischer Touristenführer Chiles, der zwischen sozialpolitischer Broschüre, schwankender historischer Zuordnung und Telenovela mäandert. Munter wechselt Allende zwischen kontrastreichen Landschaftsbildern (immer mit praktischen Tipps für Touristen), Kochrezepten und bizarren Schnurren aus der Familiensaga der Allendes und Barros. Zusätzlich wird dieses Fakten-FiktionenGemisch in die karikierenden Schablonen gepresst, durch die eine „linke Feministin“ der siebziger Jahre die Welt sieht.

Isabel Allende ist eine Schriftstellerin, die meint, indem sie „ich bin Schriftstellerin“ schreibt, auch schon Literatur fabriziert zu haben. Dabei treiben ihre Stereotypisierungen („Wir Chilenen“ sind die „reinsten Mimosen“) nicht nur sinnlose, sondern geradezu fragwürdige Blüten. Sie wettert gegen die Klassifizierungswut ihrer Landsleute und macht selbst nichts anderes als das. Einen „homo chilensis“ will sie entwerfen und malt doch nur ein Album voller Strichmännchen. „Die Eigenheiten der Chilenen erkenne ich aus dem Effeff“, schreibt sie, „nichts überrascht mich, ich kann die Reaktionen der anderen voraussehen.“ Vergessen sind da schon die hehren Schriftstellertugenden, derer sie sich noch wenige Seiten zuvor rühmt: „Nichts erscheint mir selbstverständlich“, „Ich passe nirgends hinein“. Keinerlei Reflexionsspur, geschweige denn „subjektive Erinnerungen“, wie die Autorin hartnäckig behauptet, führen ihr hier die Feder. Sie lässt sich schlicht treiben im unkontrollierten Geschwätz.

Isabel Allende: Mein erfundenes Land. Aus dem

Spanischen von Svenja Becker,

Suhrkamp Verlag,

202 Seiten, 16,80 Euro

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