Kultur : Der Clan schweigt

Ulrich Amling

Um ein sperriges Werk wie Georg Friedrich Händels letztes Oratorium "Jeptha" drei Abende lang in einer ausverkauftem Philharmonie zu spielen, bedarf es starker Reize. Nikolaus Harnoncourt hatte für die von unheilvollen Visionen geplagte Ehefrau des Titelhelden Cecilia Bartoli ausgeguckt - und so Schlangen an der Vorverkaufskasse ausgelöst. Doch die heiß ersehnte Römerin musste erkrankt absagen, wie kurz vor dem Konzert auch Countertenor David Daniels. Für Bartoli sprang Elena Zhidkova ein, für Daniels Christopher Robson. Der aber schien sich im Stück geirrt zu haben. Sicher: Händel verschmilzt gerade im Spätwerk verschiedenste musikalische Elemente, baut opernartige Versatzstücke in seine porös-prächtigen Kompositionen ein. Doch bei Robson siegt die Affektiertheit über den Affekt, bauschen sich die Gefühle des jungen Liebhabers Hamor zur schrillen Travestie auf.

Durch den mit der englischen Diktion allzu fahrlässig umspringenden Bass-Bariton Luca Pisaroni und die während der Ouvertüre nur lose korrespondierenden Philharmoniker wirkte der Auftakt zu "Jeptha" seltsam verwackelt. Doch je mehr die Geschichte des Feldherrn, der Gott jenes Wesen zum Opfer versprach, das ihn nach seiner Rückkehr zuerst begegnet, ihrem emotionalen Zentrum zustrebt, um so stärker der Abend: Stilles Entsetzen bricht aus Jeptha (zart und souverän von James Taylor verköpert), als ihn seine Tochter Iphis begrüßt. Die will sich bereitwillig als Opfer hingeben und haucht in einer Arie schon mal probehalber ihr Leben aus (himmlisch menschlich: Dorothea Röschmann). Der Rias-Kammerchor donnert stoisch: "Whatever is, is right." In Gottergebenheit mischt sich Gewalt, Zorn nagt am Glauben.

Auf diesen bewegenden Gipfel der Zerrissenheit lässt Harnoncourt das wundersame Ende stark verkürzt folgen: Ein Engel weist Iphis den Weg vom Opferblock ins Kloster, der Chor jubiliert. Der Familienclan wird per klugem Strich zum Schweigen verurteilt. Er hätte sich sowieso nur im Lobpreis der erzwungenen Jungfräulichkeit ergangen. Dank Harnoncourt aber überragt "Jeptha" den süßlich-familiären Geschmack von Händels Zeitgenossen.

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