Kultur : Der Clown auf der Geriatriestation Brandauer spielt Beckett in Neuhardenberg

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Hört sich zu. Klaus Maria Brandauer als Krapp in „Das letzte Band“. Foto: dpa
Hört sich zu. Klaus Maria Brandauer als Krapp in „Das letzte Band“. Foto: dpaFoto: dpa

Nicht weniger als ein Theaterhochamt steht in der Schinkelkirche zu Neuhardenberg auf dem Programm – zumindest den Namen nach. Eine Beckett-Messe. Peter Stein inszeniert „Das letzte Band“ mit Klaus Maria Brandauer als Krapp. Die beiden Weihebrüder der Werktreue, die Hüter des rechten Glaubens an die Kunst: mal wieder vereint. Brandauer sitzt schon beim Einlass zusammengesunken über dem metallenen Schreibtisch voller Kassetten mit Tonbandspulen, der hier den Altar ersetzt. Momente des Sammelns. Dann erhebt er sein Haupt – und kommt als Clown zum Vorschein. Ein voluminöser roter Zinken leuchtet im Gesicht, das Seitenhaar wuchert zuckerwattig aus, der Bauch wölbt sich beträchtlich. Donnerwetter. Eigentlich müsste jetzt weißer Rauch über der Schinkelkirche aufsteigen: Habemus Popanz.

Man hatte es schon raunen hören: Die ersten zwanzig Minuten sind reine Pantomime! Und so kommt es. Brandauers Krapp, dieser vom Leben und von unruhiger Darmtätigkeit gezeichnete Harlekin, schleppt sich mit gebeugtem Rücken ausgiebig und stumm durch allerlei Mühsal-Verrichtungen und liefert sich mit einer Schar bronchial angeschlagener Zuschauer muntere Husten-Duette. Seine ersten Worte tropfen umso bedeutungsschwerer: „Schachtel drei, Spule fünf“. Wobei der sprachgewaltige Streitherr der Wahrhaftigkeit sich die bevorstehenden Aufzeichnungen auf der Zunge zergehen lässt. „Spuuuuuule“, singsangt er.

In Becketts Stück lauscht der 69-Jährige, schwer vom Verfall bedrohte Krapp einem der Tonbänder, die er sein Leben lang besprochen hat, zum Zwecke der jederzeit möglichen Selbstvergegenwärtigung. Der Senior-Krapp aber hat nur wegwerfende Papperlapapp-Gesten für das Psalmodieren seines 39-jährigen Alter Ego übrig. Was aber wiederum nicht als Zeichen gereifter Weisheit zu werten wäre. Der Mann ist am Ende, in Auflösung begriffen und dabei der Qual der Erinnerung ausgeliefert.

Lächerlich, natürlich. Die Existenz ist ein Witz ohne Pointe, wer hätte das besser als Beckett gewusst. Aber die fatale Setzung Steins – das Grotesk-Absurde des fortschreitenden Selbstverlustes in Clownsgestalt zu entäußern – verleiht dem Abend den Appeal einer Zaubervorführung auf der Geriatriestation. Wie soll denn die abgründige Komik spürbar werden, wenn man diesen Krapp nicht mehr ernst nehmen kann? Geschenkt, dass Brandauer ein großer Schauspieler ist. Klar wie das Amen, dass am Ende die obligatorischen Bravos kommen. Aber zu hörenswerter Klarheit dringt er nur als Tonbandstimme.Patrick Wildermann

wieder 22. bis 24. März, 20 Uhr

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