Kultur : Der Clown, das Baby und der Bus

15 Personen auf der Suche nach dem Stück: Wie Absolventen der Ernst-Busch-Schule durch Indien reisten

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Im März 2003 gründete sich um den Regisseur Harry Fuhrmann die 15-köpfige Theatertruppe Fliegende Fische, deren Mitglieder ihre Engagements an Stadt- und Staatstheatern aufgaben, um im August 2005 auf eine achtmonatige Forschungsreise durch Indien und Nepal zu gehen. Mit der Produktion „Götter, Guru, Germany“ kehrte die Compagnie zurück. Was sie erlebt hat, erzählen die Tagebücher.

Sven (Schauspieler), 19. August, mittags im Flugzeug: Die Reise hat begonnen. Wir haben uns lange auf diesen Augenblick vorbereitet mit Briefen, E-Mails, Telefonaten, schlaflosen Nächten, Monaten des Planens, Stunden des Diskutierens. Trotzdem hab ich so ’nen unbestimmten Schiss. Irgendwie kann ich die Dimension nicht einschätzen, fast ein Dreivierteljahr fort zu sein.

Thomas (Schauspieler), Delhi: Wir wohnen in der elterlichen 3-Zimmer-Wohnung unseres indischen Schauspielers, Ashwath, und in einem Schlafsaal der Nachbarn. Es ist sehr heiß. In der Regel fällt nachts zwischen 4 und 8 Uhr der Strom aus, kein Ventilator geht, und man wacht schweißgebadet auf.

Basti (Musiker): Irgendwann kehren die lauten Rotationsgeräusche der Ventilatoren zurück – ah, Strom. Seit dem Morgen arbeiten zwei Tischler am Holz für die Bühne. Ich bin kurz vorm Ausrasten, es ist unmöglich, mit Puschkar als Übersetzer zu arbeiten, er weiß alles besser. Mit wenigen Gesten verständige ich mich mit den Tischlern, zwei jungen, schmalen Kerlen, sie nutzen das gleiche Werkzeug, die gleichen Tricks. Zwischendurch renne ich immer wieder aufs Klo.

Basti, 31. August: Der Zoll weigert sich, unsere Instrumente, Puppen, Kostüme, das Werkzeug und die Nähmaschine herauszugeben. Seit fünf Tagen jeden Morgen zum Flughafen, um zu verhandeln.

Mattes (Schauspieler), 1. September: Wir sind on the road.

Yvonne (Schauspielerin): Alle waren ganz gut drauf und in dem Übermut haben wir Omelett in einem kleinen Bistro bestellt. Schon kurz nach der nepalesischen Grenze fingen Mattes und Basti zu kotzen an. Das war nicht nur für die Busfahrer sehr anstrengend, da man im Gebirge nicht überall halten darf. Hinzu kamen die Straßenkontrollen des Militärs (wegen der Maoisten). Wenn diese Herren den Bus mit Maschinengewehren betreten, wird einem schon mulmig. Am nächsten Morgen sind wir mit Mattes, Basti und Andi in die Notaufnahme.

Mattes: Ärzte und Krankenschwestern wuselten um uns herum.

Harry (Regisseur), 13. September: Die fliegenden Engel Yvonne, Fanny, Helen, Veronika, Anne und Lutz kümmerten sich wunderbar um die Kranken. Einige von ihnen gaben, was sie noch an Energiereserven hatten, sodass sie selbst krank wurden. Anne lag vier Tage im Bett, hat viel geweint, Angst gehabt und alles infrage gestellt. Veronika, schockiert von der Taxifahrt mit dem zuckenden Andi ins Krankenhaus hat sich ebenfalls gefragt, hat mir viele Dinge an den Kopf geschleudert. Ich kann niemanden halten, wer nach Hause möchte, muss fahren. Ich fühle, dass ich am richtigen Ort bin. Am meisten strengt mich das „Infragestellen“ an und die fehlende bedingungslose Bereitschaft, für dieses Projekt einzutreten und zu ringen. Ich muss aufpassen, mich nicht kaputt zu machen.

Harry, 16. September: An uns Deutschen klebt Hitler. Über Hitler wollen alle ganz viel wissen. Probin mag ihn, weil er so eine traurige Kindheit hatte und nur deshalb so geworden ist. Außerdem zeigt seine Karriere, dass aus einem armen Schlucker ein Weltbeherrscher werden kann. Vielleicht macht das den vielen armen Indern und Nepalesen Mut. Ich find’s furchtbar. Übrigens, kaum einer wusste, dass es die DDR gab und nun nicht mehr gibt.

Yvonne: Ich werde hier selten mit meinem Namen angesprochen, sondern als bausu. Das heißt: Frau meines Bruders.

Sven, 28. September, auf dem Weg nach Sunthakan: Auf dem Dorfplatz warten schon Jungs, die uns helfen, die Bühnen, Kostüme und Instrumente einen schmalen Weg hoch auf eine Art Alm am Felsvorsprung zu tragen. Unser Aufbau geht in unser Stück über. Die Menschen strömen von überallher auf kleinen Wiesenwegen auf den Platz und sitzen im Halbkreis auf mehreren Ebenen. Ein ständiges Gemurmel geht durch die Reihen. Hier wird während des Spielens ausgewertet und kommentiert.

Sven, 20. Oktober, Shangri-la International School, Nepal: Gleich kommen 200 Kinder mit Schulbussen angefahren. Ich hab Angst. So viel Lampenfieber wie vor einem Workshoptag hab ich noch vor keiner Vorstellung gehabt. Was kann ich den Jugendlichen bieten? Einige müssen um halb fünf aufstehen, um für ihre Familie zu arbeiten, und wenn die Schule beginnt, haben sie schon einen ganzen Arbeitstag hinter sich. Die Lebenserfahrung, die mir da in Form Zehn- bis 13-Jähriger gegenübersteht, macht mich ratlos. Können wir da einfach kommen und sagen: „Lasst uns doch für eine Woche Clowns sein.“

Oli (Schauspieler): Wir waren mit unserem Bus auf dem Weg von Darjeeling nach Westbengal und mussten den Bundesstaat Bihar durchqueren. Wieder gerieten wir in eine Polizeikontrolle. Diesmal wollte man allerdings kein Schmiergeld sehen, man wollte mehr, man wollte unseren Bus. In Bihar fanden Wahlen statt. Um die Wähler zu den Wahllokalen zu transportieren, reichte die Zahl der Busse nicht aus, und so verfügte die Regierung, dass die Polizei das Recht hätte, jeden auffindbaren Bus zu beschlagnahmen. Unser Heim für acht Monate sollte uns genommen und wir auf die Straße gesetzt werden. Wir kamen glimpflich davon. Vor Bihar nehmen wir uns von nun an in Acht.

Christiane (Dramaturgin): In einer Probe fragte eine Schauspielerin vom Alternative Living Theatre, ob wir an Gott glauben. Als wir verneinten, erwiderte sie, dass auch sie und alle anderen nicht an Gott glauben. Als ich fragte, an was sie dann glauben, sagte sie: an den Marxismus. Aha, sagten wir und wollten nun Näheres wissen, aber es entstand betretenes, hilfloses Schweigen und als ich dann fragte, was denn die Revolution für sie sei, sagte einer, dass die Menschen genügend anzuziehen und zu essen haben. Auf die Frage, warum er in der Partei sei, sagte er, sie habe erst kürzlich den armen Menschen 200 Rupies gegeben für Essen und Kleidung.

Lutz (Puppenspieler): Ich soll einen Vater darstellen, mein Kind liegt neben mir. Ich zeige es dem Publikum, brauche Milch, sehe eine Frau aus dem Dorf vorbeilaufen, renne zu ihr, frage sie nach Duth (Milch). Verfolge eine Ziege, ohne sie fangen zu können. Dann zurück auf die Bühne, spiele weiter. Ich merke, dass sich die Frau um Milch kümmert. Zwei Männer halten eine Kuh fest, ein Junge wird weggeschickt, einen Becher zu holen. Ich stecke in meinem Spiel fest, weiß nicht mehr weiter, bin still, das Baby auch. Will spielen, dass es gestorben ist, beginne schon damit. In diesem Moment kommt die Milch. Ein Becher mit roher Kuhmilch.

Christiane, 30. November, Kolkata: Indien ist Indien und doch ist Indien nicht Indien. Es ist ein bisschen so, als ob man in ein Ausland mit vielen Auslands geht.

Yvonne: Ich weiß gar nicht, ob ich mich als Schauspielerin fühle. Mehr wie eine Beobachterin.

Sven, 20. März, Kavalam: Gestern haben wir auf einem Schulhof die letzte Vorstellung gegeben. Jeder durfte spielen, was er wollte. Kasper und Gretel, ein durchgeknalltes Jonglierduo, ein Liebesgedichte rezitierender Bischof, Gandhi, der den Salzmarsch als Kahlia tanzt, und einer, der in alle Rollen des Ramayanas schlüpft. Die Zuschauer tauchten wie aus dem Nichts auf, während wir uns durch den Abend improvisierten. Braucht es mehr für Theater? Man darf es niemandem sagen, sonst wird die Probenzeit abgeschafft.

„Götter, Guru, Germany“, heute und morgen in der Akademie der Künste (Hanseatenweg 10, Tiergarten) sowie am 12. Oktober im Bat-Studiotheater (Belforter Str. 15, Prenzlauer Berg), jeweils 20 Uhr.

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