Kultur : Der Dichter des Volkes

Zum Tod des weißrussischen Schriftstellers Wasil Bykau

Wolha Ipatawa

Drei Tage nach seinem 79. Geburtstag ist er nun in Minsk, in seiner weißrussischen Heimat, gestorben: Wasil Bykau, ein Dichter des Volkes – der Dichter des Volkes. In den letzten Jahren lebte er in Deutschland, in Frankfurt/Main, in Berlin, im Künstlerhaus Wiepersdorf . Das machte Weißrusslands Machthaber nervös. Er war nicht irgendjemand; die ihm erlaubten, in relativer Ruhe zu leben, waren seine ehemaligen Feinde.

Auch Präsident Havel, der von der Ehre sprach, solch einen Schriftsteller bei sich aufzunehmen, hatte die in Weißrussland entbrannten Leidenschaften nicht beruhigt. Bykaus Ankunft in Tschechien fiel in die Zeit, als man in Weißrussland damit begann, vom Schriftstellerverband gegründete Zeitungen und Zeitschriften zu zerschlagen und in vor der Macht gebeugte Publikationen zu verwandeln. In Weißrussland schenkt man Schriftstellern noch Glauben. Und Bykaus Worte finden Widerhall in den Herzen der Menschen, vor allem in den Herzen der Jungen. Es ist bezeichnend, dass ich, damals noch als Vorsitzende des Schriftstellerverbandes, bei meinen Lesungen in Schulen oder Bibliotheken immer Zettel mit der Bitte bekam, darüber zu erzählen, wie sich seine Beziehungen mit deutschen Schriftstellern gestalten. Manchmal las ich ihm diese Zettel am Telefon vor – so viel Hochachtung und Liebe klang darin. Wie naiv schien die Hoffnung darauf, dass die Machthabenden endlich darauf hören werden, was der Dichter sagt, dessen Bücher in Millionenauflagen gedruckt sind! Aber nein, man versuchte weiterhin, den Namen Bykaus, der hartnäckig über das Handeln des Lukaschenko-Regimes schrieb, zu beschmutzen – umso erfolgreicher, als sich die elektronischen Massenmedien Weißrusslands heute alle in einer Hand befinden.

Schon in seinen ersten Romanen stimmte Bykau mit vielem nicht überein. Mit den sowjetischen Generälen und ihren Wahrheiten über den II. Weltkrieg. Mit der sowjetischen Ideologie, für die es ein Verbrechen war, im Feind einen Menschen zu sehen. Mit der jetzigen Macht, weil der Dichter Falschheit und Gewalt nicht akzeptierte. Wasil Bykau war für mich nicht nur ein älterer Kollege, ein Dichter von Weltformat. Als Literaturberater veröffentlichte er meine ersten Gedichte in der Gebietszeitung „Hrodnenskaja Prauda“ und verhalf mir, einem Kinderheimzögling, zum literarischen Erfolg. Er besuchte mich zur Geburt meines Sohnes, mein kreischendes Kind schlief auf seinem Arm ein, als hätte es seine Herzenswärme gespürt...

Da fand 1973 ein Treffen weißrussischer und litauischer Schriftsteller in Hrodna statt. Das Foto, auf dem er am Rande stand, wurde abgeschnitten, erschien ohne ihn. Wenn ich ihn dann anrief, reagierte er mit bitterem Humor auf so etwas. In den letzten Jahren war die Hetze gegen ihn besonders verbissen. Im Fernsehen empörte sich eine käufliche Journalistin: „Er ist ausgewandert, weil er, sehen Sie, an Asthma leidet! Hier ist es ihm zu kalt! Frieren wir etwa in unseren Wohnungen?" Und die handverlesenen Zuhörer sprachen darüber, wie warm es in den Wohnungen ist, wie gut es allen geht. Bykaus Stimme dringt durch diese neblige Finsternis.

Die Autorin, geb. 1945, ist eine der bedeutendsten Lyrikerinnnen und Erzählerinnen Weißrusslands. – Auf Deutsch liegt Bykaus Werk im Kölner Verlag Pahl-Rugenstein vor.

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