Kultur : Der englische Patient Das UK Film Council

soll aufgelöst werden

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Nach nicht einmal drei Monaten im Amt ist der neue britische Kulturminister Jeremy Hunt vielen Leuten auf die Füße getreten. Mit seiner Ankündigung, die halbstaatliche Filmförderungsanstalt UK Film Council bis April 2012 aufzulösen, hat er in der Kulturwelt für Empörung gesorgt. Der konservative Multimillionär, der unter anderem mit einer Spesenrechnung über einen Penny für ein Telefongespräch von sich reden machte, hält den Filmrat für überflüssig.

Nun protestieren renommierte britische Schauspieler wie James McAvoy („Der letzte König von Schottland“), Pete Postlethwaite („Inception“) und Ian Holm („Der Herr der Ringe“). John Woodward, der Leiter des Councils, für den der Beschluss aus heiterem Himmel kam, erhält nun sogar aus Hollywood Unterstützung. Clint Eastwood und Steven Spielberg haben Beschwerdebriefe geschickt, direkt an den britischen Schatzkanzler George Osborne.

Als Leiter des Finanz- und Wirtschaftsministeriums wird sich Osborne so seine Gedanken machen. Schließlich ist die Filmindustrie ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Jährlich 4,5 Milliarden Pfund nimmt der britische Staat allein durch diese Branche ein, die in den letzten zehn Jahren um dreißig Prozent gewachsen ist. Darüber hinaus stammt ein Großteil der Fördermittel, mit denen der Council auch das British Film Institute und die Ausbildung neuer Talente unterstützt, aus der staatlichen Lotterie.

In den zehn Jahren seit seiner Gründung hat der Film Council 900 Produktionen mit durchschnittlich rund 180 000 Pfund gefördert, darunter internationale Publikums- und Festivalerfolge wie Mike Leighs „Happy-Go-Lucky“, Robert Altmans „Gosford Park“ oder „The Wind That Shakes the Barley“ von Ken Loach, der 2006 in Cannes die Goldene Palme gewann. Seit der Jahrtausendwende ist der britische Kinofilm insgesamt über die Landesgrenzen hinaus stärker präsent als in den 80er und 90er Jahren.

Damals hatte Margaret Thatchers ausgeprägtes Desinteresse am Kino aufstrebende Filmemacher wie Mike Leigh, Ken Loach und Stephen Frears ins Fernsehen gedrängt, dank Channel 4 kam es deshalb trotz Thatcher zur Blüte des New British Cinema. Privatisierungen, Kürzungen und die Abschaffung von Quoten: Unter der „Eisernen Lady“ erlebte das britische Kino seine schwerste Zeit seit dem Ersten Weltkrieg, trotz Erfolgen wie „Die Stunde des Siegers“ und „Gandhi“.

Möchte Jeremy Hunt, dass das Kino wieder am Boden liegt? Das Fördern von Filmen will er zwar nicht aufgeben. Wie dies aber ohne das Council funktionieren soll, das hat der 43-jährige Minister aus Surrey noch nicht verraten. Sicher ist nur, dass seine Entscheidung politische Gründe hat: Das UK Film Council war ein Projekt von Tony Blairs New Labour und ist der konservativen Regierung von David Cameron ein Dorn im Auge.

Zahlreiche Filme der letzten Jahre – „East Is East“, „Fish Tank“, „It's a Free World“, oder „Kleine schmutzige Tricks“ – thematisieren gesellschaftliche Missstände und geben dem britischen Kino seine sozialkritische Sprengkraft zurück. Die dürfte nach der Auflösung der Institution der Vergangenheit angehören. Und nochmals: Auch aus wirtschaftlicher Sicht ist die Entscheidung nicht nachzuvollziehen. Die geförderten Filme spielten weltweit viermal soviel Geld ein, wie sie gekostet haben. Daniel Grinsted

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