Kultur : Der Fahrplan und das Räderwerk Neue Dokumentation zum Holocaust

Thomas Lackmann

Als Alfred Hrdlicka 1987 zur 750-Jahr-

Feier Berlins einen mit Schlachtabfällen gefüllten, stinkenden Eisenbahnwaggon im Martin-Gropius-Bau aufstellen wollte, reagierten die Auftraggeber wenig begeistert. Seine Installation zur Erinnerung an die Deportationszüge der Reichsbahn wurde nicht realisiert. Seit jenem Jubiläumsjahr hat sich die so genannte Vergangenheitsbewältigung in Deutschland erheblich verändert. Über die Beteiligung der Bevölkerung an Verbrechen des Regimes wird viel diskutiert – von der Wehrmachtsausstellung bis zu Götzs Alys Buch „Hitlers Volksstaat“. Mittlerweile gibt es Gedenkstätten an Orten der Verschleppung, in Berlin wird um ein Mahnmal am Bahnhof Grunewald gestritten. Andererseits wurden erst in der Nacht zum vergangenen Freitag, einen Tag nach dem jüdischen Versöhnungstag Yom Kippur, das Brecht-Denkmal am Rosa-Luxemburg-Platz, das Anne-Frank-Zentrum sowie die Grabmäler von Heinrich Mann, Johannes R.Becher und Brecht auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beschmiert – offenbar von Antisemiten.

Eine Gesamtuntersuchung der NS-Deportationen fehlt bislang. Bei dem Stichwort assoziiert das kollektive Bewusstsein vor allem die barbarische Verladung: zusammengepferchte Menschen im Güterwagen. Mit der kommentierten Chronologie „Die ,Judendeportationen’ aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945“, die Alfred Gottwaldt vom Deutschen Technikmuseum Berlin und Diana Schulle vom Centrum Judaicum jetzt vorlegen, wird ein Teil der monströsen Verschleppungs-Geschichte nun differenziert dokumentiert. Begonnen hatte die systematische Verbringung der im „Großdeutschen Reich“ (mit Österreich, Böhmen, Mähren und Luxemburg) verbliebenen Juden „nach Osten“ am 15. Oktober 1941. Der erste Transport mit 391 Männern und 608 Frauen ging vom Wiener Aspangbahnhof in das Ghetto von Lodz; Ankunft am Folgetag. Der vierte Transport – Abfahrt am 18.10. – war der erste aus Berlin und hatte dasselbe Ziel. Viele der 1013 Deportierten mussten im Regen den langen Weg aus der Innenstadt zum Bahnhof Grunewald laufen. Schwache und Kinder kutschierte die SS in offenen Lastwagen. Die Platzverteilung in den alten, aber sauberen Personenwagen organisierte die Jüdische Gemeinde, die auch warmes Essen, heiße Getränke und Proviant verteilte.

Von den fünf bis sechs Millionen jüdischen Opfern des Holocaust wurde die Hälfte in der Nähe ihrer Wohnsitze umgebracht. Die anderen wurden, fast alle auf dem Schienenweg, an ihre Todesorte transportiert, in Ghettos, Erschießungs- und Vergasungsstätten, Arbeits- und Vernichtungslager, davon wiederum 265000 Personen in 547 Transporten aus dem „Großdeutschen Reich“. Der letzte mit 77 Personen aus dem österreichischen Amstetten erreichte am 15. April 1945 Theresienstadt. Besonders nach Theresienstadt wurden auch reguläre Personenzüge in Anspruch genommen – kleinere Gruppen schaffte man in reservierten Wagen 3. Klasse oder in bewachten Abteilen fort. Die politische Funktion der Barbarei: Ohnehin bereits ausgegrenzte Personen sollten unter den Augen der Bürger endgültig aus der Gesellschaft ausgesondert werden.

Die Erforschung der Deportations-Historie könnte das künftige Verständnis des Holocaust prägen. Dass der Mord an Europas Juden nicht durch „die Nazis“, sondern von „den Deutschen“ arbeitsteilig vollzogen oder toleriert wurde, zeigt sich besonders deutlich an dieser vorletzten Phase des Menschheitsverbrechens. Der Zivilisationsbruch erscheint als Projekt einer Moderne im technischen Machbarkeitsrausch. Die Gesamttabelle jener 547 Deportationen bildet ein Räderwerk ab. „Entscheidungsräume und Improvisation“ sollen dennoch das Handeln der Beteiligten gekennzeichnet haben, schreiben die Autoren. Von der Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn ist die Arbeit an dem Buch übrigens nicht behindert worden.

Alfred Gottwaldt, Diana Schulle: Die ,Judendeportationen’ aus dem Deutschen Reich 1941 – 1945, Marixverlag, 509 S., 15 €. Das Technikmuseum in Berlin zeigt ab 24.Oktober eine Ausstellung zum Thema.

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