„Der Fall Wilhelm Reich“ : Brandauer im Kino

Im Kino: „Der Fall Wilhelm Reich“ mit Klaus Maria Brandauer.

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Foto: Eva Kees
Foto: Eva Kees

Menschen, die eine Theorie des Orgasmus entwickeln, müssen damit rechnen, von ihrer Umwelt ein wenig fragend angesehen zu werden. Und als Wilhelm Reich, der junge Mann aus dem östlichsten Österreich, schließlich daran ging, Freuds Libidotheorie zu verbessern, ja überhaupt erst – wie er fand – etwas daraus zu machen, nämlich die Orgasmustheorie, hob das die Stimmung seines einstigen Förderers nicht. Im Gegenteil, er ließ ihn am Ende, im August 1934 aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung werfen.

Kein guter Zeitpunkt. 1930 war Reich von Wien nach Berlin gegangen und hatte dort den „Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik“ gegründet, die „Sexpol“. Den Nationalsozialisten und Sigmund Freud war die „Sexpol“ gleichermaßen verdächtig, nur aus verschiedenen Gründen. Und die Kommunisten ließen ihn gleich wieder aus der KPD ausschließen, wahrscheinlich hielten sie „Proletarische Sexualpolitik“ nicht für die Hauptaufgabe der Gegenwart und hatten auch Reichs „Massenpsychologie des Faschismus“ nicht verstanden.

Wilhelm Reich, Gutsherrensohn aus der Bukowina – der Vater wurde depressiv nach dem frühen Suizid seiner Mutter –, besaß lebenslang das staunenswerte Talent, sich umgeben von Feinden in immer neue, vollkommen unhaltbare Situationen zu bringen.

Klaus Maria Brandauer ist Wilhelm Reich. Wahrscheinlich gefiel Brandauer die Kompromisslosigkeit dieses Menschen. Egal, wie verloren du bist, zu einem musst du immer halten: zu dir selbst. Und so spielt er diesen Mann, ein Grenzgänger, der an nichts irre werden kann, schon gar nicht an sich selbst. Sollten wir nicht alle so sein?

Der Österreicher Antonin Svoboda hatte zuerst eine Dokumentation über Wilhelm Reich gemacht, um frei genug zu werden für diesen Film. Als „Der Fall Wilhelm Reich“ beginnt, befindet sich die Hauptperson schon im US-Exil. Die erste Szene: Reich hält einen Vortrag, und den Mienen der umsitzenden Akademiker ist zu entnehmen, dass sie einen solchen Vortrag noch nie gehört haben und auch nicht die Absicht haben, es wieder zu tun.

Die Orgasmustheorie hatte einst die orgastische Potenz als Therapieziel eingeführt. Die befreite Gesellschaft ist die Gesellschaft, die sich zu ihren Orgasmen bekennt. Dem Amerika McCarthys muss das gleich als besonders fatale Spielart des Kommunismus erschienen sein.

Aber Wilhelm Reich geht seinen Weg. Svobodas Bilder sind so ruhig und gefasst wie Reich-Brandauer, wenn er irgendwo draußen in den amerikanischen Wäldern an seinem „Orgon-Akkumulator“ arbeitet. Beim Orgon handele es sich um die Urenergie des Lebens, die sich in Kästen einfangen lässt, die innen mit Metall und außen mit organischem Material beschichtet sind, dem Akkumulator eben. Wer sich hineinsetzt, wird im besten Fall spannungsfrei und das Orgon beginnt ihn zu durchfließen. Leider wollten sich nicht viele Menschen in einen Orgon-Akkumulator setzen. Und die amerikanische Gesundheitsbehörde rät auch dringend davon ab, ja sie wird den Erfinder zwingen, sein Werk eigenhändig zu zerstören. Reichs Bücher verbrannten – zum zweiten Mal – andere für ihn.

Brandauers große Filmgestalten waren immer Getriebene; neben ihm werden alle, etwa die zurückkehrende Tochter Eva (Julia Jentsch) oder eine spionierende Mitarbeiterin (Birgit Minichmayr) zu Randfiguren.

Es geht in diesem verhaltenen, sehenswerten Film nicht darum, den Wissenschaftler Reich, dessen Orgon schließlich auch von Einstein für inexistent erklärt wird, zu rehabilitieren. Aber Regisseur und Hauptdarsteller gelingt es, dem Menschen, dem Forscher Reich ein Denk-Mal zu errichten. Einem, der ein Leben lang unbeirrbar unterwegs war zu sich. Und da haben wir vom Cloudbuster, Wilhelm Reichs Regenmaschine, noch gar nicht gesprochen. Kerstin Decker

CinemaxX Potsdamer Platz, Eva-Lichtspiele, Filmtheater am Friedrichshain, Kant Kino, Passage

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