Der feine Unterschied : Sein oder Nichtsein

Rüdiger Schaper auf den Spuren von Ernst Lubitsch und Tom Cruise

Rüdiger Schaper

Lassen wir Shakespeare mal weg und reden über Lubitsch. Der drehte 1942 in Amerika diesen unfassbar komischen Film. Warschau in Trümmern, in den Straßen überall Wehrmacht, auch im Theater dröhnende Stiefel, wo eine Schauspieltruppe (oder sind es polnische Widerstandskämpfer, hier fängt der Schlamassel schon an) den Klassiker mit dem zaudernden Prinzen aufführen will.

Vollkommen unmöglich aber, den Plot zu erzählen. Weil immer die Falschen am richtigen Bart zupfen, oder umgekehrt. Weil die deutschen Offiziere dümmer sind, als der Führer erlaubt; Kenner denken dabei an den infernalischen Aufschrei Schuuuulz! Weil Hitler plötzlich ein Pole ist – und der Hamlet-Darsteller, entsetzlich eitel, eifersüchtig, ein Schmierentragöde, stets einen Hänger hat in seinem Monolog. Jedesmal steht an der Stelle ein gut aussehender Mann im Parkett auf, drängt sich durch die Reihe und verschwindet in der Garderobe der schönen Schauspielerin, die Pause hat, weil ihr Mann im Moment auf der Bühne steht und sich an der berühmten Zeile versucht: „Sein oder . . .“

Geben wir’s auf. Filmhistoriker haben sich den Kopf darüber zerbrochen, ob Ernst Lubitsch den Film gedreht hätte, wäre 1942 das wahre Ausmaß der Nazi-Gräuel bekannt gewesen. Das ist eine philosophische Frage. Adorno, dem „Nichtsein“ entkommen, saß damals auch im Exil, das amerikanische „Sein“ stürzte ihn in tiefe intellektuelle Verzweiflung. Die „Minima Moralia“, so fies kompliziert ist Geschichte, bieten zum Teil absurde Antiamerikanismen. Die Rede ist vom „Mangel der amerikanischen Landschaft“, sie sei „ungetröstet und trostlos“. Und die Straßen: „Diese sind allemal unvermittelt in die Landschaft gesprengt“, und „sie kennen keinen Ausdruck“.

Wenn Tom Cruise in diesen Wochen in den getrösteten Wäldern um Königs Wusterhausen Stauffenberg spielt, hat man die Befürchtung, diese Top-Gun finde nicht den richtigen Ton. Hollywood, Wolfsschanze, ein Scientologe gegen Hitler? Mission Impossible, jetzt aber wirklich?! Sieht Tom of Germany auf dem ersten offiziellen Production-Foto nicht unglaublich fesch aus in Wehrmachtsuniform, genau so, wie Adorno meinte – „unvermittelt in die Landschaft gesprengt“!

Die Sache mit Cruise, Stauffenberg und der Scientology stellt sich als ein deutsches, als deutsch-amerikanisches Problem dar: Im Grunde sehnen wir uns nach einem makellosen, unerschrockenen, in Vollzug erfolgreichen Helden und Widerstandskämpfer, made in Germany. Diesen Wilhelm Tell im „Dritten Reich“ gab es bekanntlich nicht. Wer aber kennt hierzulande Stauffenberg, wer weiß, was für ein schwärmerischer Jüngling, Offizier, politischer Kopf oder Wirrkopf er war?

Es fanden auch viele „Das Leben der Anderen“, den Stasi-Film, zu oberflächlich, zu drehbuchhaft, zu hollywoodisch. Bei Henckel von Donnersmarck wie bei Tom Cruise macht sich ein hamletisches Unbehagen an der eigenen Geschichte bemerkbar. Auch Stauffenberg war: eine Figur wie Hamlet. Handelt zu spät, macht zu viel – und zugleich zu wenig. Cruise bringt den – Adorno würde sagen: trostlosen – Aktionsüberschuss mit, dieses unreflektierte Gesicht. Aber kein Drehbuch dieser Welt, und säßen sämtliche Hollywood- und Scientology-Strategen dran, kann das Ende der Walkürenoperation umschreiben. Ein furchtbarer Trost.

Lubitsch sollte man immer im Kopf und vor Augen haben, wenn man Filme über die Nazi-Zeit sieht, egal von wem, mit wem. Wie sagt der Nazi in „To Be Or Not To Be“: Was die Schauspieler mit Shakespeare machen, das machen wir mit Polen. Auch ein feiner Unterschied: zwischen Kunst und Krieg.

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