Kultur : Der Frauen-Verdreher

Kartografien des Körpers: Die Münchner Pinakothek der Moderne zeigt Hans Bellmers Gesamtwerk

Nicola Kuhn

Hans Bellmer als besessen zu bezeichnen, wäre ein viel zu schwaches Adjektiv. Sein Leben lang hat der Künstler kein anderes Motiv gekannt als den verdrehten, vervielfältigten, anatomisch aus der Form gebrachten Frauenkörper. Dies ist auch der Grund, warum der Beschäftigung mit dem neben Max Ernst wichtigsten deutschen Surrealisten bis heute etwas Anrüchiges anhaftet. Vierzig Jahre nach seiner letzten Ausstellung in der Bundesrepublik, damals im Kestner-Museum Hannover, und über ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod widmet sich in Deutschland erstmals wieder eine größere Institution dem Werk dieses Erotomanen, der im Alter von 73 Jahren völlig verarmt in Paris verstarb.

Die Münchner Pinakothek der Moderne geht dieses Wagnis ein – und traut sich doch nicht recht. In einem Labyrinth aus Stellwänden und Kabinetten inszeniert sie fast zaghaft ihre Retrospektive, als müsse man Bellmers kunstvolle Obszönitäten noch immer verstecken. Allerdings entfalten die Fotografien, Zeichnungen und jene berühmten Puppenmodelle, die als Vorlage für all seine zu Papier gebrachten Fantastereien dienten, bis heute eine Kraft, die wohl nur im Verborgenen blühen kann. Den Kuratoren vom Pariser Centre Pompidou, von denen die Ausstellung eingerichtet wurde, ist es mit viel Überzeugungskraft gelungen, den vornehmlich französischen Sammlern zumindest vorübergehend ihre im Stillen gehüteten Trouvaillen abzujagen.

Ein ganzer Kosmos an Obsessionen offenbart sich hier, eine „Anatomie des Begehrens“, wie Hans Bellmer es selber nennt. Deren Zwanghaftigkeit bleibt nicht verborgen, der Künstler selbst beschäftigte sich mit den in Mode gekommenen Schriften Siegmund Freuds. Und doch stellt gerade die manische Wiederholung des immer Gleichen einen Befreiungsschlag dar: von den Erwartungen des autoritären Vaters, vom auf Gleichmaß gedrillten Körperkult der Nationalsozialisten sowie der eigenen Triebhaftigkeit. „Die Herkunft meiner Bilder ist skandalös, weil für mich die Welt ein Sknadal ist,“ hat der aus Kattowitz stammende Künstler einmal gesagt.

Dieser Akt der Befreiung lässt sich präzise datieren, auf das Jahr 1933, als der junge, renitente Künstler, der nach zwei Jahren das vom Vater angeordnete Ingenieursstudium in Berlin abgebrochen und sich seinen Lebensunterhalt nun als Grafiker in Wieland Herzfeldes Malik-Verlag verdiente, seine berühmte Puppe erfand. Animiert wurde er zu dieser Geste der Rebellion in Gestalt einer lebensgroßen, gipsernen Figurine aus Holz und Metall durch die Puppe Olimpia in Jacques Offenbachs Operette „Hoffmanns Erzählungen“, die er 1932 in einer Inszenierung von Max Reinhardts gemeinsam mit seiner frühreifen, verführerischen Kusine Ursula sah.

Bellmers Olimpia war ein Ausweg, um sich der Avancen der bei ihm zuhause in Karlshorst einquartierten Lolita zu entziehen, die geweckten Gelüste umzulenken und zugleich mit den Erwartungen von Vater und Staat zu brechen. Gleichwohl sind Kunstfiguren und die Vereinzelung körperlicher Gliedmaßen typische Chiffren der Zeit, die nicht nur in den Ateliers der Künstler zugegen waren; die Invaliden des Ersten Weltkriegs mit ihren Prothesen gehörten damals zum Straßenbild. Bellmer war darüber hinaus mit der lebensgroßen Puppe Oskar Kokoschkas vertraut, die in seinen Gemälden für die Geliebte Alma Mahler stand, und hat sicher auch den Roboter Maria aus Fritz Langs Film „Metropolis“ gekannt. Befreundet mit den in Berlin wirkenden Dadaisten Grosz, Dix, Haussmann und Heartfield, dürften ihm auch deren unorthodoxe Kombinationen von Körperteilen mittels Collage geläufig gewesen sein.

Bellmer unterscheidet sich allerdings damit, dass er seine Puppe nur als Vorlage für fotografische Erkundungen nahm. Deren Publikation war immer nur für einen kleinen Kreis von Kennern bestimmt, deshalb auch die winzigen Formate, durch die sich die Intimität noch verstärkt. Seine Meisterwerke schuf er mit der 1935/36 entstandenen Kunstfigur, die mittels Kugelgelenk in jegliche Richtung verdrehbar war und deren Brüste beliebig platziert werden konnten. Die Begegnung mit der originalen Figur im Ausstellungsparcour verstört noch einmal neu, denn diese Puppe ist alles andere als ein erotisches Objekt, sind die zwei Paar weiß bestrumpften Beine auch noch so kokett, deren Füße in kindlichen schwarzen Lackschuhen stecken. Die großen dunklen Augen, die eindeutig porträthaften Züge des Gesichts vermitteln eine Tristesse, die genau jene Balance zwischen Eros und Thanatos, Sex und Tod hält, die auch über den zart kolorierten Fotografien Bellmers liegt.

Die aberwitzigen Posen seiner „Poupée“ im Wald, im Treppenhaus, vor der Abstellkammer haben die Pariser Surrealisten elektrisiert. Hier holte einer aus dem Unbewussten an die fotografische Oberfläche, was sie seit Jahren umtrieb. In ihrer Publikation „Minotaure“ wurden mehrfach Fotografien abgedruckt, die Bellmers Ruhm begründeten; in Paris endlich erfuhr er jene Aufmerksamkeit, die ihm in Deutschland versagt geblieben war. Nach Ausstellungsteilnahmen, weiteren Publikationen und von den neuen Freunden gedrängt, siedelte er schließlich 1938 über und wurde doch schon ein Jahr später als feindlicher Ausländer unter anderem zusammen mit Max Ernst ins Les Milles internierte.

Der Künstler reagiert auf die Lagersituation mit Zeichnungen, in denen das ihn umgebende Backsteingemäuer zur körperlichen Hülle auch seiner gezeichneten Figuren wird. Erneut bricht er mit den Möglichkeiten der Fantasie die Grenzen des Physischen auf. An die bildhauerischen Anfänge kehrt er nie mehr zurück; fortan probiert er nur noch mittels Zeichenstift seine Ungehörigkeiten aus, die in bizarrem Kontrast zur zarten, altmeisterlichen Linienführung stehen. Das in der Pinakothek der Moderne ausgebreitete gigantische Konvolut belegt Bellmers Position als die eines großen Zeichners des 20. Jahrhunderts.

Zur Kamera griff er noch einmal für eine Serie, die 1958 in Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin, der Künstlerin Unica Zürn, entstand. Er fotografierte sie als gefesselten Torso, den nackten Oberkörper brutal verschnürt, wie man es heute von den Aufnahmen des japanischen Fotokünstlers Nobuyoshi Araki kennt. Schlagartig erweist sich die Aktualität des kühnen Körper-Kartografen. Auch eine Cindy Sherman, Paul McCarthy, Patricia Piccini oder die Brüder Jake und Dinos Chapman spielen alle möglichen vorstellbaren Kombinationen durch. Wo Bellmer seine Obsessionen allerdings zu objektivieren, seine „Anatomie des körperlichen Unbewussten“ zu vervollständigen sucht, ist in der zeitgenössischen Kunst meist nur das Skandalon intendiert. Die weitaus größere Benunruhigung verursacht ihr Vorläufer.

Pinakothek der Moderne, München, bis 27. 8. ; Whitechapel Gallery, London, 18. 9. bis 19. 11.. Katalog (HatjeCantz) 39,80 €.

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