Kultur : Der Führer bei Tisch

Iris Berben liest Adolf Hitler im Berliner Ensemble

Jörg Plath

Die Berben könnte wahrscheinlich auch das Telefonbuch von Niedermoschel vortragen, und das Berliner Ensemble wäre gut gefüllt. Für die restlos volle Belegung der moralischen Anstalt sorgt Adolf Hitler, aus dessen „Tischgesprächen“ sie diesmal rezitiert. Eingewoben in des Führers größenwahnsinnige Petitessen: Aufzeichnungen von Augenzeugen und Überlebenden des Holocaust. Symbolische Düsternis umhüllt Bühne, Rezitatorin und die gruselbereite Gemeinde. Schwarz sind Tisch und Stuhl, schwarz sind Hose, Gürtel und Rolli der Berben. Nur die Stele, vor der gelesen wird, ist weiß. Hinter der Schauspielerin flackert bisweilen etwas auf, Gruselzeichen, Gruselbilder: die Ziffern „1941“, ein Kurzfilm mit Hitlerjungen oder ein tanzender Führer. Regisseur Carlo Rola will die Seele erschüttern und doch Pietät wahren. Aber wenn Iris Berben der Bramabasiererei des Führers ihre gepflegte Stimme leiht, kehrt anstelle des Entsetzens Kopfschütteln und unfreiwillige Komik ein.

Nach der Pause erreicht die Berben eine gewisse Pflicht-Erschütterung durch Augenzeugenberichte aus KZs. Welche mitfühlende Seele vermag sich nun noch ins kalte Bett zu legen? Auf den Weg bekommt man zum Trost eine Portion O-Mensch-Pathos, man hat es bitter nötig. Verse von Charlotte Delbo: „O ihr Wissenden,/wusstet ihr, dass das Leiden keine Schranke kennt/der Schrecken keine Grenze/Wusstet ihr es/ihr Wissenden.“ Wir wissen und leiden.

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