Kultur : Der Gast mit der Luftgitarre

Mirko Weber

Mit der Musik fängt alles an. Wie sich da aus gesampeltem Material die Orgelakkorde von "Child in Time" hinter der Bühne hervortasten, sind die Personen aus Marieluise Fleißers Stück "Der starke Stamm" bereits in einem Raster, ohne dass sie vorher erkennbar eine Form gehabt hätten. Mit Hilfe der wiederkehrenden Klängen von Deep Purple transportiert Thomas Ostermeier das Drama, dessen erste Fassung von 1944 datiert, in die Jahre, die er kennt - seine eigene Jugend. Mit Musik fängt immer alles an. Also auch Ostermeiers erste Regie außerhalb der Schaubühne, seitdem er dort die künstlerische Leitung übernahm.

Es sind die Siebziger: Man sieht es an den Pullovern (Synthetik), an den Absätzen (hoch) und an den Wänden (Florales, flächig; Bühne: Rufus Didwiszus). Es fehlen lediglich die Pril-Blumen an den Küchenkacheln, aber die Küche riecht man (Leberkäs, leicht angebrannt). Der gebürtige Bayer Ostermeier (Jahrgang 68) ist an den Mühcner Kammerspielen sozusagen ganz bei sich. Wirklich im Stück ist er nicht.

Historisch liegen die Dinge so, dass Marieluise Fleißer selber Zweifel plagten, ob ein größeres Publikum ihre ursprünglich im so genannten Schanzer Dialekt geschriebene finstere Komödie "Der starke Stamm" verkraften könne, in der Kleinbürgertypen wiederkommen, die mit Horváth verschwunden schienen und später erst wieder bei Kroetz ähnlich auftauchen: der Witwer, der die Magd schwängert; der Sohn, der nicht gut tut; die Schwägerin, die, wenn sie schon nicht den Schwager bekommt, andere ausnimmt. Am Ende taucht der reiche Onkel auf und enterbt alle - bis auf den Enkel.

Das letzte Wort heißt "sparen", aber das versteht sich in diesen Verhältnissen von selbst. Die Kunst der Fleißer besteht darin, dass sie - selbst in der entschärften hochdeutschen Fassung - ihr Personal nicht auf den Boulevard oder in den Komödienstadl schickt, sondern stilsicher da ansiedelt, wo normalerweise das Trottoir schon längst aufgehört hat. Da gibt es nicht viel zu lachen. Sattlermeister Bitterwolf und seine Anverwandten sind so ziemlich der letzte Dreck. Und trotzdem fallen Sätze wie diese: "Legts euch nur aufn Bauch vorm Geld. I sag a net, dass ma koans braucht. Aber zu so was (er meint die Automatenaufstellerei) gib i mi net her."

Marieluise Fleißer hat bessere Stücke geschrieben als der "Der starke Stamm", aber manchmal trifft sie auch hier, in ihrer letzten Theaterarbeit, wie mit dem Beil. Und auf Hochdeutsch blitzt zumindest der ein oder andere Satz wie ein Messer auf. Thomas Ostermeier aber hantiert nur vorsichtig damit herum. Im Zweifelsfall legt er es weg und versucht sich in Kunstfertigkeit zu retten. So beginnt und endet die Inszenierung mit dem Auftauchen von zwei Kindern, die lange vom Fenster zum Hof aus in das Innere der Wohnstube schauen. Ostermeier will glauben machen, man habe so etwas wie ein Rondo erlebt. Aber dafür gibt es zu viele unrunde Stellen während dieser zwei Stunden auf der Bühne 2 der neuen Münchner Kammerspiele. Ostermeier schleift sie mit Musik ab.

Im Herrgottswinkel hinter der Küchenbank steht das Hauptrequisit: ein Kofferradio. Es kann "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" von Christian Anders spielen. Oder "Manchmal möchte ich schon mit dir" von Roland Kaiser (und von hinten wieder "Child in Time"). Oder "Ganz in Weiß" von Roy Black - und dann macht sich das ein bisschen zu sehr auf Marieluise Fleißer zurechtgemachte Annerl (Katharina Schubert) in überbetonter Verzweiflung auf dem Küchentisch lang. Den jungen Bitterwolf hätte sie geschenkt bekommen, die Launen des Alten wird sie noch teuer bezahlen. Aber die (auch komische) Tragik, die in der Szene liegt, verwischt hinter den Sounds, mit denen Ostermeier die Szene zuwebt.

Selbst als Martin Schwab, der als Witwer Bitterwolf ein wenig zu eindimensional und fast pastörlich herumschlurft, seiner Magd einen verzweifelt leisen Antrag macht, geht es nicht ohne Untermalung, diesmal ist es Bach, wohltemperiert. Weniger als für solche Stimmungen interessiert sich Ostermeier für die Menschen im "Stamm". Sie führt er, wenn, an der langen Leine und so schert ihm Hildegard Schmahl als Balbina in Richtung Atriden aus, wenn sie sich kuppelnd versucht. Das hat seine grandiosen Momente, ist aber insgesamt am Ende genauso verfehlt wie der Auftritt des Rottenegg-Onkels, der in der Manier des Schillerschen Großinquisitors mit dem Krückstock den Schluss des Stückes herbeifuchtelt. Wirklich sorgfältig geht der Regisseur eigentlich nur mit dem überhysterischen Hubert von Paul Herwig um. Sein ist Ostermeiers ganzes Herz. Und deshalb bekommt er einen großen Auftritt an der Luftgitarre spendiert: Minutenlang produziert sich Hubert zu "Speed King" (erneut von Deep Purple) und küsst den unsichtbaren Gitarrenhals wie einst Ritchie Blackmore. Nett, wirklich. Aber dafür muss man nicht in die Münchner Kammerspiele kommen.

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