Kultur : Der Gegen-Mozart

Joseph Martin Kraus zum 250. Geburtstag

Carsten Niemann

Eine Fangfrage zum Jubiläumsjahr. Raten Sie, wen Joseph Haydn mit diesen Worten wohl meinte: „Welcher Verlust ist nicht dieses Mannes Tod! Ich besitze von ihm eine Sinfonie, die ich zur Erinnerung an eines der größten Genies, die ich je gekannt habe, aufbewahre ... ein Werk, welches in allen Jahrhunderten als ein Meisterstück gelten wird.“ Mozart? Falsch! Das Genie, von dem Haydn sprach, hieß Joseph Martin Kraus.

Geboren wurde der Komponist am 20. Juni 1756 in Miltenberg am Main. Als schwedischer Hofkapellmeister starb er mit nur 37 Jahren in Stockholm, die Lebensdaten sind also 1756 bis 1792 . . . hoppla! Schon wieder an Mozart gedacht? Vergleiche mit dem Salzburger Genie sind gewiss unvermeidlich, auch wenn das Etikett des „Odenwälder Mozart“ Kraus nur schlecht charakterisiert. Zwar gibt es bis hin zum notorischen Schuldenmachen viele Parallelen in Persönlichkeit und Werk der Komponisten. Dennoch fasziniert Kraus Leben und Werk mehr als Gegenentwurf.

Es beginnt bei den Eltern der Wunderkinder: Der kurmainzische Beamte Kraus und und seine Frau ermöglichten ihrem Sohn zwar eine fundierte musikalische Ausbildung am Jesuitengymnasium in Mannheim, waren aber selbst nicht sonderlich musikalisch. Als Mozart unter der Protektion seines Vaters schon zielstrebig erste Opernaufträge ergatterte, schwankte Kraus’ noch zwischen diversen Talenten. „Nach jedem Objekte streckte ich meine kleinen Hände, und griff selten zu kurz, aber wohl eine Spanne und oft eine Klafter weit voraus“, so charakterisierte sich der Komponist später selbst.

Der jugendliche Kraus schrieb Schäfergedichte, Oratorien, philosophische Essays, Streitschriften und ein Sturm-und- Drang-Drama; er studierte Jura und komponierte derweil Sinfonien, die in den Amateurkonzerten im Hause seines Göttinger Professors „bei lebendigem Leibe verbrennet“ wurden – „und das von Rechtswegen“, wie er selbstkritisch anmerkte. In Göttingen kam Kraus auch mit der literarischen Avantgarde in Berührung: etwa mit Johann Friedrich Hahn, dem Mitbegründer des Göttinger Hainbunds. Dass er sich auch in Hahn verliebte, lässt sich heute schwer beweisen. Kraus erster Biograph ließ die meisten intimen Briefe des Komponisten kurzerhand verschwinden.

Anders als Haydn und Mozart, die weit stärker der Aufklärung verpflichtet waren, machte Kraus die Ideale des Göttinger Hain und der Sturm-und-Drang-Bewegung ganz zu seinen Leitbildern. Subjektivität, ein in rauschhafter Sprache sich auslebendes individuelles Gefühl, Begeisterung für nordische Mythologie, Originalitätsstreben, gespielte Naivität, Spott für die Nomenklatura – dies alles lässt nicht nur Kraus’ Schriften zu einem faszinierend lebendigen Selbstporträt werden, sondern spiegelt sich auch in seinen besten Kompositionen wider.

Bei der Wiederentdeckung seines Oeuvres hat sich seit dem Jubiläum von 1992 viel, aber längst nicht genug getan.So ist die von der rührigen Kraus-Gesellschaft in Buchen geplante Neuedition der Briefe noch in Arbeit. Am besten sieht es im Bereich der Instrumentalmusik aus: Die Einspielung seiner Sinfonien durch das Concerto Köln brachte Kraus 1992 erstmals aus der Außenseiterecke heraus, seine Kammermusik ist seit kurzem in mehreren Referenzaufnahmen zu haben. Besonders zu erwähnen: das Flötenquintett sowie ausgewählte Streichquartette mit dem Schuppanzigh-Quartett oder auch die jüngste Einspielung der Violinsonaten mit Antoinette Lohmann (Challenge Records). Eine mehr editorische als interpretatorische Pioniertat hingegen ist die just erschienene Ersteinspielung von Kraus’ deutschsprachigen Liedern (Naxos): Neben zahlreichen Vertonungen von Matthias Claudius macht hier eine mit düsterer Leidenschaft geschilderte Abschiedszene zwischen zwei Freunden aufhorchen.

Dass Kraus’ Stücke einmal so überpopulär werden könnten wie die Werke Mozarts, steht nicht zu befürchten: Seine Musik frappiert mit unvermuteten Stimmungsumschwüngen, rhetorischen Pausen und vorromantischen Kantilenen – zum Nebenbeihören ist sie aufgrund dieser Irritationsmomente vollkommen ungeeignet. Auf den Höhepunkt des Kraus- Jahrs indes darf man gespannt sein: An der Stuttgarter Staatsoper findet am 2. Juli die Uraufführung (!) der vollständigen Fassung der Oper „Aeneas i Carthago“ statt. Ein dramaturgisches Monstrum von über vier Stunden Spieldauer – und, glaubt man Kraus-Experten, sein visionäres Hauptwerk.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben