Kultur : Der germanisierte Beduine

Abdallah Frangi, der langjährige PLO-Vertreter in Deutschland, blickt zurück auf sein Leben mit Jassir Arafat, Joschka Fischer und Erich Fried.

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Jassir Arafat war das Gesicht der Palästinenser. Doch in Westdeutschland und anschließend im vereinten      Deutschland hatte die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) jahrzehntelang ein weiteres Gesicht: Das von Abdallah Frangi, dessen feine Züge und diplomatisches Auftreten ihn von Arafat unterschieden und ihn für das deutsche Publikum annehmbarer machten. Über 30 Jahre lang, von 1974 bis 2005, vertrat Frangi offiziell die Belange der Palästinenser in Deutschland. Er war ein Glücksfall für die PLO, und seine nun erschienenen Memoiren sind ein Glücksfall für die Leser: Nicht nur fasziniert der Werdegang des Sohnes eines mächtigen beduinischen Stammesführers, der in Frankfurt Medizin und Politik studierte; Frangi gibt in dem glänzend (mithilfe von Leo G. Linder) geschriebenen Buch auch interessante Einblicke in die bundesdeutsche Gesellschaft und ihren Umgang mit Fremden und der palästinensischen Sache. Vor allem aber besticht Frangis Lebensrückblick durch seine Intellektualität, sein Abwägen, seine ständige Selbstreflexion über den Sinn des bewaffneten Kampfes, die unterschiedliche Rhetorik von Deutschen und Arabern, die Auseinandersetzung mit dem Judentum und die deutsche Psyche nach Kriegsende. Wohl nie hat ein Vertreter der Palästinenser so nuanciert und mit so viel Verständnis für die andere Seite über den Konflikt geschrieben – sein gleichwohl entschiedenes Eintreten für das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat bekommt dadurch umso mehr Gewicht.

Geboren 1943 als Sohn eines Großgrundbesitzers bei Beersheva (heute Israel), wächst Frangi in einem wohlhabenden und politisierten Haushalt auf. Sein Vater kämpfte gegen die Briten, die Mandatsmacht in Palästina, bis er schließlich resigniert aufgab. Mit fünf Jahren war die Kindheit Frangis jäh beendet, als sein Lieblingsonkel von jüdischen Kämpfern erschossen wird. Im November 1948, nach der Staatsgründung Israels und zahlreichen Massakern an Arabern, floh schließlich auch die Familie Frangi: An eine lange Karawane aus Kamelen und Mauleseln kann sich der heute 69-Jährige erinnern. Ziel war der Gazastreifen, der damals noch nicht von Israel besetzt war und hunderttausende Flüchtlinge auffing. In diesem Schmelztiegel aller Gesellschaftsschichten wurde laut Frangi die palästinensische Identität geboren. Zuvor war man eher der Sippe, dem Stamm, einer Region zugehörig. Hier wurde aus dem gemeinsamen Leid auch die Idee des Befreiungskampfes geboren – teilweise im Orangenhain seines Vaters. Nach Ansicht Frangis hat Israels fortgesetzte „Entrechtungspolitik“, beispielsweise die Enteignung des Landes von Palästinensern, die geflohen waren, maßgeblich dazu beigetragen. Im Westjordanland dagegen, das von Jordanien verwaltet wurde, trat ein Palästinenser damals eher einer der florierenden panarabischen Parteien bei.

Frangi geht auf die inneren Widersprüche der Befreiungsbewegung PLO ein, die „Frieden und Legalität anstrebt, auf dem Weg dahin aber Gewalt – militärische Gewalt – als unverzichtbares Mittel zum Zweck einsetzt“. Frangi erklärt die Notwendigkeit der Gewaltanwendung damit, dass man es mit einem Gegner zu tun hatte, „der sich allein durch militärische Stärke beeindrucken ließ“. Interessanterweise benutzt umgekehrt Israel das gleiche Argument. Ansonsten würden die Palästinenser bis heute laut Frangi als reines Flüchtlingsproblem wahrgenommen.

Spannend sind die Schilderungen der zahlreichen, teilweise sehr persönlichen Begegnungen mit Jassir Arafat, dessen Stärken Frangi ein Denkmal setzt, ohne dessen Versagen in der Phase der Staatsbildung nach dem Oslo-Abkommen zu verschweigen. Erschütternd ist die Aufzählung der Freunde und Weggenossen Frangis, die die PLO in Paris, London, Brüssel und Rom vertraten („brillante Intellektuelle“) und die wie viele andere PLO-Funktionäre allesamt ermordet wurden. Vom israelischen Mossad oder von der palästinensischen Terrorgruppe Abu Nidals, welche der PLO zu große Kompromissbereitschaft vorwarf.

Für den deutschen Leser besonders aufschlussreich ist der Blick Frangis auf seine Wahlheimat. Bei seiner Ankunft 1962 empfand er Deutschland – im Gegensatz zu heute – als tolerant, zurückhaltend, bescheiden, offen und hilfsbereit. Insbesondere im Kreis der Vertriebenen, aus dem seine spätere Ehefrau stammt, schlug Palästinensern großes Verständnis entgegen. Doch schnell merkte Frangi, dass es „wohl in keinem Land schwieriger gewesen sein dürfte, um Verständnis für Palästina zu werben“. In der linken Szene wurden die Palästinenser aufgenommen, die Ostermärsche 1968 waren die erste Gelegenheit, sich einer größeren deutschen Öffentlichkeit vorzustellen. Als Coup erwies sich die Idee, für wenige Groschen erworbene Palästinensertücher zu verkaufen: „Sie wurden uns regelrecht aus den Händen gerissen, wir hatten damit fast eine Mode kreiert.“ Damals lernte er auch Joschka Fischer kennen, der mit einer SDS-Delegation 1969 zu der berüchtigten Reise nach Algier mitfuhr – dann aber laut Frangi nicht am Symposium teilnahm, auf dem Arafat den bewaffneten Kampf gegen das zionistische System rechtfertigte, sondern stattdessen algerische Oppositionelle traf. Das „kumpelhafte“ Verhältnis, zu der Umarmungen zur Begrüßung gehörten, war schlagartig vorbei, als Fischer Minister in der Bundesregierung wurde.

Daniel Cohn-Bendit hat Frangi einmal scherzend einen „germanisierten Palästinenser“ genannt. Der Beduinensohn fand das passend und verweist immer wieder darauf, wie viel er von beiden Kulturen gelernt hat: „Die Beherrschung der schönen Rede verdanke ich den Arabern, die Fähigkeit zur sachlichen Rede den Deutschen.“ Interessant vor dem Hintergrund der Debatte um das Grass-Gedicht sind Frangis Erinnerungen an Erich Fried, mit dem er eng befreundet war. Frangi glaubt, dass einige von dessen israelkritischen Gedichten wie „Höre Israel“ heute in Deutschland nicht mehr öffentlich zitiert werden könnten, ohne Entrüstung auszulösen, „weil der Zeithintergrund der 70er und 80er Jahre mit ihrer ernsthaft um Wahrheit bemühten Debattenkultur nicht mehr gegeben ist“.

Frangi hat sowohl die bundesrepublikanische Entwicklung als auch die der PLO mehr als ein halbes Jahrhundert von Innen erlebt und mitgestaltet. Der Leser erfährt von den internen Debatten in der PLO-Führung und wie israelische Politik auf palästinensischer Seite wirkte. Damit sind die Memoiren ein außergewöhnlich wertvolles Dokument der Zeitgeschichte, das zum Nachdenken und auch zum Widerspruch anregt.

Abdallah Frangi: Der Gesandte. Mein Leben für Palästina. Hinter den Kulissen der Nahost-Politik. Heyne-Verlag, München 2011. 432 Seiten, 21,99 Euro.

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