Kultur : Der Gewissensohrwurm

GREGOR SCHMITZ-STEVENS

"Dietrich Bonhoeffer war für mich zunächst so etwas wie ein moderner Prophet.Mit der Zeit sah ich ihn mehr und mehr als Märtyrer.Heute ist Bonhoeffer für mich zu etwas anderem geworden: er ist das deutsche Gewissen." So beschreibt der amerikanische Minimal-Komponist Tom Johnson seine Begegnung mit den Schriften des evangelischen Theologen, der 1945 als Widerstandskämpfer im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde.In jahrelanger Arbeit hat Tomson ein Oratorium von zweieinhalb Stunden Dauer komponiert, für Sprecher, vier Solisten, zwei Chöre und großes Orchester.Nach der Uraufführung 1996 in Maastricht spielten und sangen nun in der Philharmonie der Ernst Senff Chor und das DSO.

Wie gestaltet ein Komponist der Gegenwart umfangreiche Auszüge aus Bonhoeffers Predigten, Büchern und Briefen musikalisch zu einem abendfüllenden Oratorium? Johnson arbeitet mit den einfachsten melodischen und rhythmischen Motiven - es ist ein schier endloses Exerzitium aus durchschrittenen Terzen und Quintfällen, das bald an evangelische Kirchentage, bald an Carl Orff erinnert.Hat Johnson in früheren Werken versucht, durch konsequente Anwendung logisch-rationaler, ja mathematischer Prinzipien die Musik - ähnlich wie John Cage - vom Willen des Komponisten zu befreien, so ist in seinem "Bonhoeffer-Oratorium" hiervon nur noch wenig zu spüren.Johnson strebt nach Ausdruck, will den Text und seine Botschaft transportieren, Bonhoeffer als Person nahebringen.Mit minimalem Aufwand will er maximale Wirkung erzielen.Gemahnt der erste Teil ("Frühe Predigten") mit seiner zentraltönigen Textrezitation an die europäische Kirche, so erinnert der abschließende vierte Teil ("Letzte Worte") an die flotten Wechselgesänge, die in amerikanischen Gotteshäusern zu hören sind.Musikalisch nur durch Haltetöne untermalt, las hier Bischof Wolfgang Huber Ausschnitte aus Bonhoeffers letzten, in Gefangenschaft geschriebenen Briefen - ein sparsames Melodram, das mit schöner Regelmäßigkeit in doppelchörige Ohrwürmer mündete."Es ist zum Katholisch-Werden", ulkte ein Konzertbesucher beim Nachhausegehen, entnervt über das musikalisch ziemlich poppig geratene protestantische Schlußbekenntnis.So pfiffig und ökonomisch die Musik auch gemacht ist, über lange Strecken ist sie unerträglich langweilig.Vor allem der zweite Teil ("Ein Jahr"), der mit musikalischen Einfällen besonders geizig ist und ungeheure Textmengen transportiert, stellt den Zuhörer vor eine harte Geduldsprobe.Die Interpreten gaben ihr Bestes: Ingrid Schmithüsen, Renée Morloc, Lothar Odinius und Yaron Windmüller sangen tapfer gegen die insistierenden Rhythmen an, gelegentlich auch gegen die gewaltigen Klangmassen des Ernst Senff Chores.Claus Peter Flor schiffte das Orchester glücklich durch die rhythmischen Vertracktheiten - dem DSO gebührt für das geduldige Abspulen der immergleichen Begleitfiguren ein besonderes Lob.

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