Kultur : Der Goldcontainer

Schimmern und Flimmern: Münchner Lenbachhaus eröffnet wieder mit Anbau von Norman Foster.

Eva Karcher
Wirbelwerk. Olafur Eliassons acht Meter hohes Lichtobjekt im Zentrum des Atriums ist ein Kaleidoskop aus 450 Glasdreiecken. Foto: dpa
Wirbelwerk. Olafur Eliassons acht Meter hohes Lichtobjekt im Zentrum des Atriums ist ein Kaleidoskop aus 450 Glasdreiecken. Foto:...Foto: dpa

Als das Privathaus eines sehr reichen Sammlers habe sich Architekt Norman Foster das nun rundum sanierte und um einen dreistöckigen Anbau erweiterte Lenbachhaus vorgestellt, sagt Mathias Mühling, der künftige Direktor der Städtischen Galerie, beim schnellen Rundgang beinahe flüsternd. Naheliegend, schließlich war Malerfürst Franz von Lenbach, der Besitzer der historischen Villa mit ihrem von Max Kolb gestalteten Garten, ein sehr vermögender Mann. Architekt Gabriel von Seidl entwarf ihm ab 1887 den Ateliertrakt und eine Residenz im toskanischen Stil mit vorgelagerter Freitreppe inklusive Brunnenschale, die ein Element der Villa Medici in Rom zitierte. Ab 1924, dem Jahr, in dem die Stadt München das Ensemble von Lenbachs Witwe Lolo erwarb, erweiterte es Hans Grässel auf der Nordseite um einen zweigeschossigen Baukörper zur Dreiflügelanlage; 1929 begann der Museumsbetrieb – mit ockerfarbenem Anstrich des gesamten Areals.

Diesen satten Sienaton machte das Team um Foster, weithin bekannt für Restaurierung und Umgestaltung historischer Bausubstanz wie des British Museum in London oder des Berliner Reichstags, zu seinem optischen Leitmotiv. Golden strahlt die Metallfassade des neuen Kubus neben der Villa, bündelt die Blicke Ecke Brienner und Luisenstraße und führt so über den weiten Platz vor den Propyläen direkt zum neuen gläsernen Eingang.

Der güldene Luxuscontainer aus messingfarbenem Metall wird über zwei Etagen hinweg von jeweils vier Meter hohen Bronzerohren, zehn Zentimeter im Durchmesser, rhythmisiert und von konkav gebogenen Gelbmetallblechen hinterfangen. Zu viel Leuchtkraft, mäkeln Kritiker, sie finden die Farbe penetrant. Dabei bricht sich das Licht zwischen den Rillen immer wieder neu, legt Schattenmuster über die Stab-Serialität, lässt sie mal matt schimmern und manchmal sonnig gleißen. In Kombination mit der Ornamentik der schmalen insgesamt knapp 900 Röhren wirkt das Messinggold nicht protzig, sondern nonchalant leicht. Es flirtet mit der Kantigkeit des Quaders, die auch zur Rundbogigkeit der Villa in wohlüberlegten Kontrast gesetzt ist.

Ebenso fasziniert, wie Lenbachs Villa als Skulptur in das elf Meter hohe Atrium eingebunden wurde. Beinahe ein wenig surreal ragt die Fassadenwand ins Foyer, wie eine Installation, bei der sich Geschichte und Gegenwart kreuzen und miteinander spielen, statt aufeinanderzuprallen. Zeitgenössisch eklektizistisch legen die Architekten die Schnittstellen von Alt und Neu offen, sie wagen einen Bruch der Stile, der die Wahrnehmung für genau deren Eigenheiten schärft.

Wie ein kaleidoskopischer Strudel schraubt sich in der Mitte des Atriums das über acht Meter hohe Lichtobjekt „Wirbelwerk“ des dänischen Künstlers Olafur Eliasson aus poliertem Metall und rund 450 Glasdreiecken in Kandinsky-Farben von der Decke nach unten – eine furios grün, türkis, blau, orange, gelb funkelnde, von innen beleuchtete Spirale, gefasst von sich konisch verjüngenden Stahlfäden. Sie ist neben den himmelblauen Antiqua/Grotesklettern, die sich an der Außenfassade zum Namenszug „Lenbachhaus“ fügen – eine Schriftplastik des deutschen Künstlers Thomas Demand – die zweite neue Auftragsarbeit, finanziert mit 700 000 Euro vom Gesamtbudget von knapp 60 Millionen Euro.

Beide Künstler sind mit bedeutenden Arbeiten in den Sammlungen vom 19. Jahrhundert bis zur jüngsten Gegenwart vertreten, deren Schätze jetzt auf 2800 Quadratmetern ausgebreitet werden und dank LED-Technologie und Sheddächern über Tageslicht beziehungsweise blend- und flackerfreie Beleuchtung verfügen, umgesetzt vom Münchner Künstler Dietmar Tanterl.

Herzstück ist die Stiftung von Wassily Kandinskys früher Lebensgefährtin Gabriele Münter. Die damals Achtzigjährige überließ dem Lenbachhaus 1957 über tausend Werke aus der revolutionären Phase des Blauen Reiters vor 1914, darunter allein 90 Ölgemälde von Kandinsky, 25 ihrer eigenen Werke und Bilder der Freunde August Macke, Franz Marc, Alexej Jawlensky, Marianne von Werefkin und Paul Klee. Der Rechtsstreit mit der Stadt um dessen kleines Tableau „Sumpflegende“ aus dem Jahr 1919, das die Erben der ehemaligen Eigentümerin Sophie Lissitzky-Küppers zurückfordern, wurde übrigens erneut vertagt. Diese Ikonen der Avantgarde hängen im gesamten zweiten Obergeschoss auf schwarzer Atlasseide, japanischem Lehmputz mit Glimmereffekt und farbigen Wänden, was den Sehgenuss zusätzlich steigert.

In intimen Kabinetten entfalten sich hingegen die überwiegend kleinformatigen Schätze der „Münchner Schule“, darunter Werke von Wilhelm von Kobell, Carl Spitzweg oder Wilhelm Leibl und seinem Kreis. Eine Entdeckung sind die Gemälde der deutschen Romantik und der Schule von Barbizon, die der Kunsthistoriker Christoph Heilmann dem Lenbachhaus überließ, gekrönt von einem Hauptwerk von Gustave Courbet. In der Romantik statt in der Gegenwart wollte sich auch der Welt berühmtester Maler Gerhard Richter verankern, weshalb seine Arbeit „Zwei Skulpturen für einen Raum von Palermo“ – mit grauer Ölfarbe bemalte Bronzeabgüsse der beiden Heroenköpfe auf hohen Sockeln einander gegenüber platziert – nun in der 19. Jahrhundert-Sektion installiert ist.

Genau solche Abweichungen von der Chronologie zeichnen auch die großartigen Räume mit den zeitgenössischen Werkgruppen aus. Dort werden etwa Roman Opalkas und On Kawaras konzeptionelle Selbstporträts mit Cerith Wyn Evans italienischem Kronleuchter aus Muranoglas „,La Monnaie Vivante’ by Pierre Klossowski“ kombiniert oder Maria Lassnigs expressive Selbstzerfleischungsbilder mit dem Sexpop von William N. Copley.

Ein Höhepunkt schließlich sind die vier neuen Beuys-Räume, die das längst legendäre, 1979 erworbene Environment „Zeige deine Wunde“ ergänzen. Lothar Schirmer, einer der wichtigsten Sammler des großen Schamanen, schenkte dem Haus 15 frühe Arbeiten. Das Schlüsselwerk „Aufbruch aus dem Lager I“ wurde hingegen aus seiner Sammlung erworben. Zweifellos ist das neue Lenbachhaus mit seiner substanziellen Qualität im Inneren und seiner ironischen Glamourhülle zum Besuchermagneten prädestiniert.

Mehr Informationen unter:

www.lenbachhaus.de

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