Luhrmann misstraut der Kraft des Romans - und lässt Buchstaben als 3-D-Schnee regnen.

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"Der große Gatsby" : Schall und Rausch
Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio), der Partygastgeber von West Egg, Long Island, und sein prächtiger gelber Wagen mit den grünen Polstern: "An den Wochenenden wurde sein Rolls-Royce zum Omnibus und fuhr von neun Uhr morgens bis lange nach Mitternacht mit Gruppen von Gästen zwischen seinem Haus und der City hin und her", heißt es in F. Scott Fitzgeralds Roman. Im Film ist der Oldtimer allerdings ein Duesenberg.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Bazmark Film
14.05.2013 14:17Jay Gatsby (Leonardo DiCaprio), der Partygastgeber von West Egg, Long Island, und sein prächtiger gelber Wagen mit den grünen...

Vielleicht liegt es am 3-D-Format. Entweder die Figuren erscheinen wie Puppenstubenbewohner oder verzerrt, in Überlebensgröße im Bildvordergrund. Die Technik funktioniert nicht, trotz der Fantasymomente. Obendrein trauen Luhrmann und sein Koautor Craig Pearce der Vorlage nicht über den Weg. Keine Frage, Romanverfilmungen sollen sich nicht brav an die Vorlage halten (wie der 1974er-Film). Sie können einen Aspekt hervorkehren, das soziale Sittengemälde im „Großen Gatsby“ (wie im politisch überkorrekten 1947er-Film), das romantische Melodram oder die Psychologie der Selbsttäuschung. Sie können die Vorlage verraten und kongenial neu erfinden oder sich von der flirrenden Leichtigkeit, dem Swing, der Coolness anstecken lassen, mit der Fitzgerald Gatsbys Tragödie in Worte fasste. Aber dem Roman zu misstrauen und ersatzweise Buchstaben als 3-DSchnee auf die Leinwand regnen zu lassen, ist keine Option.

Warum zur Künstlichkeit, zum Spektakel auch noch das Überdeutliche? Warum Gatsbys Vergangenheit explizit in Rückblenden? In der dramatischen Szene im Plaza-Hotel, in der Daisy Tom den Laufpass geben soll, streckt Gatsby seinen Widersacher mit der Faust nieder. Weil der Zuschauer anders nicht begreift, dass hier ein Gangster im feinen Zwirn steckt? Bei der US-Filmkritik ist Luhrmanns Film jedenfalls weitgehend durchgefallen. Die „Washington Post“ vergleicht ihn mit „vorverdauter“ Babynahrung, David Denby im „New Yorker“ findet das Buch ohnehin zu subtil fürs Kino und die „Village Voice“ freut sich über den Film nur deshalb, weil er den Klassiker von 1925 auf die Bestsellerliste katapultiert hat.

Fitzgeralds famoser Roman erwähnt nebenbei, dass der Icherzähler Nick die Geschichte notiert. Der Film dichtet eine Rahmenhandlung hinzu und unterstellt einen therapeutischen Zweck. Nick ist Alkoholiker, er macht eine Entziehungskur im Sanatorium und schreibt auf Empfehlung des Arztes. „Gatsby“, zurechtgestutzt im Namen der Moral – und die Traumfabrik wird zur Besserungsanstalt.

Leonardo DiCaprio macht dazu eine unglückliche Figur. Das passt gut zum mysteriösen Kindskopf Gatsby: das immer noch knabenhaft flächige Gesicht, die Unmöglichkeit, das Image als Teenieschwarm endgültig hinter sich zu lassen – der Film hätte damit spielen können. Gatsby hadert ja selber mit der Unwiederbringlichkeit der Vergangenheit, stemmt sich gegen den Strom der Zeit. DiCaprio hingegen ist in einem Loop gefangen: Als Romeo traf er seine Julia unter Wasser, in „Titanic“ stirbt er den Kältetod im Eismeer, diesmal liegt er am Ende im Pool. Es ist Herbst, eigentlich wollte der Gärtner längst das Wasser ablassen.

Ein Interview zur Frage, warum "Gatsby" zwar das Filmfest von Cannes eröffnet, aber nicht als Weltpremiere, lesen Sie hier.

Ab Donnerstag in 30 Berliner Kinos. OmU: Babylon Kreuzberg, International, Odeon. OV: Cinestar Sony-Center

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