Kultur : Der große Schmelztiegel

An der Wiege unserer Kultur: Das Alte Museum Berlin zeigt Kunst und Geschichte Jordaniens

Ulrich Clewing

Ein besonderes Lüftchen weht hier, ein Fluidum mit stark relativierender Wirkung. Die antiken Statuen in der Rotunde des Alten Museums, so Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin – sie sähen „plötzlich so jung aus“. Verglichen mit den Altertümern, die nun in einer Sonderschau im Stockwerk darüber gezeigt werden, sind die Standbilder aus Griechenland und dem kaiserzeitlichen Rom tatsächlich jugendfrisch. „Gesichter des Orients – 10000 Jahre Kunst und Kultur aus Jordanien“ lautet der Ausstellungstitel – was zeitlich noch eine Untertreibung ist. Denn hier zieht die Geschichte der menschlichen Zivilisation vorüber.

Jordanien, das östliche Nachbarland Israels und Ägyptens, ist die Wiege unserer Kultur. So gliedert sich die von der Bundeskunsthalle Bonn und dem Berliner Vorderasiatischen Museum organisierte Schau mit ihren 700 Objekten aus jordanischen Museen in zwölf Kapitel, die wahrhaft Fundamentales verhandeln. Der Übergang von der nomadischen zur sesshaften Gesellschaft, die Gründung von Dörfern und Städten, das Entstehen von Handwerk, die Entwicklung von Schrift, die Rolle der Religion – das sind die Eckpfeiler, zwischen denen sich ein atemberaubendes Panorama aufspannt.

Im ersten Saal begegnet man etwas unvermittelt einem Höhepunkt: den so genannten „Statuen von Ain Ghazal“. Die etwa ein Meter großen Tonplastiken entstanden im frühen 7. Jahrtausend vor Christus und sind damit um mehrere tausend Jahre älter als alles, was bisher in Mitteleuropa an ähnlichen Figuren gefunden wurde. Wozu sie dienten – ob als Grabbeigabe, zum Gedenken an die Ahnen, zur kultischen oder herrschaftlich-feudalen Verehrung –, ist nicht genau bekannt. Mit Gewissheit besaßen sie jedoch eine rituelle Funktion: Die vor knapp zwanzig Jahren beim Autobahnbau nahe Amman entdeckten Plastiken verströmen nach ihrer aufwändigen Restaurierung wieder eine Aura, die sie in weit entfernte Sphären hebt. Besonders rätselhaft erscheinen jene Stücke, bei denen zwei dieser hoch aufgereckten Köpfe zu einem Körper verschmelzen. Es ist die Darstellung eines Ehepaares vielleicht, zweifellos aber eine entzückend entrückte Erscheinung, die durch die dunkel eingefassten Augen entsteht und ein hintergründiges Lächeln.

Ain Ghazal selbst war eine der ersten Siedlungen im heutigen Jordanien. Mit einer Ausdehnung von 14 bis 15 Hektar war Ain Ghazal für damalige Verhältnisse ungewöhnlich groß. In Vitrinen sind Steinwerkzeuge, Tierknochen und Getreidereste zu sehen, durch die sich der Alltag der frühen Ackerbauern rekonstruieren läßt. Die Grundrissnachbildung eines ihrer Haustein-Häuser zeigt, wie beengt es in dem Bauerndorf zuging, das auf dem Sprung zur Großstadt war.

Für diese rasante Entwicklung spielten verschiedene Faktoren eine Rolle. Das alte Jordanien lag geografisch günstig am Schnittpunkt der Handelswege von Nord nach Süd und Ost nach West. Hier wurden die Techniken für den Kupferbergbau erfunden. Die Folge war wachsende Prosperität und eine bis in byzantinische Zeit andauernde Vermischung der Kulturen und Kunststile. Ägyptische und griechische, römische und arabische Einflüsse lassen sich feststellen – sei es bei Keramiken aus dem 3. Jahrtausend wie dem bauchigen, 30 Zentimeter hohen Gefäss aus Khirbet az-Zeiraqun oder den Elfenbein-Intarsien eines (rekonstruierten) Holzkästchens aus dem antiken Pella aus dem 14./13. Jahrhundert v. Chr.. Ebenfalls nur in einer Nachbildung (das Original befindet sich unverrückbar im Louvre in Paris) wird ein weiterer Höhepunkt der Ausstellung präsentiert: die „Mescha-Stele“. Diese längste bekannte Inschrift aus dem 9. Jahrhundert v. Chr., schildert Ereignisse, die auch im Alten Testament vorkommen: etwa die Befreiung der Moabiter von der israelitischen Oberherrschaft im Jahre 845 v. Chr.

Natürlich ist das Verhältnis zwischen Objekt und erläuterndem Text bei kulturhistorischen Ausstellungen immer eine Gratwanderung. Hier jedoch fehlen die notwendigen Erklärungen zu oft. Die meisten Beschriftungen beschränken sich auf eine Beschreibung der Objekte, weiteres ist nur aus dem umfangreichen Katalog zu erfahren. Das erhöht zwar den Lesespaß, schmälert aber das Schauvergnügen.

Altes Museum, Bodestr. 1-3, bis 9. Januar 2005; Di-So 10–18 Uhr. Katalog 25 €.

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