Kultur : Der Himmel bricht auf

Das Staatsballett überzeugt mit einem überraschend modernen Programm.

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Präzise und präsent. Vladimir Malakhov in Marco Goeckes „And the Sky on That Cloudy Old Day“. Foto: Joachim Fieguth Foto: Joachim Fieguth
Präzise und präsent. Vladimir Malakhov in Marco Goeckes „And the Sky on That Cloudy Old Day“. Foto: Joachim FieguthFoto: Joachim Fieguth

Endlich traut er sich was. Vladimir Malakhov hat für den neuen dreiteiligen Ballettabend den Choreografen Marco Goecke mit einer Uraufführung beauftragt. Eine kluge Entscheidung, denn Goecke, Hauschoreograf beim Stuttgarter Ballett und auch sonst sehr gefragt, war bislang noch nicht in Berlin zu sehen.

„And the Sky on That Cloudy Old Day“ist bei aller Düsternis ein Werk, das die Augen öffnet. Kombiniert wurde es mit Nacho Duatos Werk „Arcangelo“, das er 2000 für die Compañía Nacional de Danza in Madrid geschaffen hat, und mit William Forsythes so virtuosem wie witzigem „Herman Schmerman“, das 1992 für das New York City Ballet kreiert wurde.

Allerdings beginnt der moderne Ballettabend mit einer Zumutung – die Barockmusik zu „Arcangelo“ kommt nämlich vom Band. Es ist ein Skandal, dass das Staatsballett hier nicht mit Orchester arbeiten kann. Duato hat die langsamen Sätze der Concerti grossi von Arcangelo Corelli in eine neue Reihenfolge gebracht und mit einer Arie von Scarlatti ergänzt. Die Choreografie, eine Meditation über Himmel und Hölle, besteht fast ausschließlich aus Duetten. Duato lotet die Gegensätze aus, die Duos muten mal sehr erdverbunden und kompakt an, dann wieder leicht und luftig. Manchmal scheinen die Frauen regelrecht gen Himmel zu fliegen. Star-Ballerina Polina Semionova tanzt als Gleiche unter Gleichen – auch wenn sie immer wieder die Blicke auf sich zieht. Die Pas-de-deux-Variationen mit ihren Asymmetrien und Hebefiguren ermüden aber mit der Zeit. Am Ende verschluckt ein schwarzer Vorhang die Körper von Shoko Nakamura und Mikhail Kaniskin – nach dem Kampf mit dem Tuch werden sie schließlich wie Zirkusartisten hochgezogen. Eine recht abgenutzte Metapher für Tod und Transzendenz.

„Herman Schmerman“ von William Forsythe, das aus einem Quintett und einem Duo besteht, verlangt den Tänzern eine hohe Virtuosität und Intelligenz ab. Mit einem Augenzwinkern werden hier die Bewegungen der Danse d’école zerlegt. Die Ballerinen in knappen schwarzen Trikots von Gianni Versace sehen sehr sexy aus – sie verfremden und verdrehen mit Verve die Figuren des akademischen Tanzes. Die überzeugendste Forsythe-Interpretin ist Nadja Saidakova. Unglaublich lässig bewegt sie sich auf Arshak Ghalumyan zu, zieht ihn hinein in einen Pas de deux mit vertrackten Figuren und prekären Balancen. Die komplizierten Verschraubungen absolviert sie mit einer phänomenalen Coolness. Wenn sich dann auch Arshak Ghalumyan ein gelbes Röckchen überstreift, entwickelt sich der Tanz zum lustvollen Wettstreit der Geschlechter.

Marco Goeckes „And the Sky on That Cloudy Old Day“ basiert auf John Adams Komposition „Guide to Strange Places“ – von der Staatskapelle unter Leitung von Paul Connelly kompetent und druckvoll dargeboten. Die musikalische Reise führt durch schroffes Gelände. Und auch die Choreografie durchmisst unbekanntes Terrain. Was Marco Goecke aus den klassisch trainierten Tänzern an Ausdruck herausgeholt hat, ist erstaunlich. Sie verwandeln sich in seltsame Wesen. Wenn ihr Kopf hinter einem Fächer aus Federn verschwindet, mutet das wie ein surreales Gemälde an. Goecke arbeitet mit atomisierten und merkwürdig verschobenen Bewegungen und konzentriert sich vor allem auf Arme und Oberkörper. Die Tänzer bewegen sich in einem aberwitzigen Tempo und schreiben rätselhafte Chiffren in den Raum. Manchmal sieht es aber auch so aus, als wollten sie alles wieder ausstreichen. Malakhov wirkt mal wie ein gehetztes Tier, mal wie ein aufgeregt flatterndes Vögelchen. Dabei tanzt er präzise und wirkt sehr präsent. Doch auch die anderen Tänzer sind toll – und verleihen dem Tanz eine dunkle Erotik.

Sie können auch anders: Mit dem modernen Ballettabend beweisen Malakhov und seine Tänzer, dass sie sich in unterschiedliche Stilistiken und Ästhetiken hineinfuchsen können. Und dass sie in der Gegenwart angekommen sind.

Staatsoper im Schillertheater, 29.4.,

19 Uhr, 1., 4., 5., 17. und 19.5.

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