Kultur : Der Himmel über Breslau

Max Bergs kühne Jahrhunderthalle in einer Berliner Ausstellung

Michael Zajonz

Ein Raum, der direkt in die Beine geht. Architektur, die den Bauch beglückt und den Kopf auf Trab bringt. Man muss kein Experte sein und wird sofort einsehen, dass die 1911 bis 1913 errichtete Jahrhunderthalle in Breslau ein ganz und gar außergewöhnliches Werk der Baukunst ist. Entworfen hat den kühnen Kuppelbau der damalige Breslauer Stadtbaurat Max Berg. Gebaut wurde die Messe-, Ausstellungs- und Veranstaltungshalle der schlesischen Provinzialhauptstadt zum 100. Jahrestag der Befreiungskriege gegen Napoleon. Zur festlichen Einweihung am 20. Mai 1913 erschien der Kronprinz des Deutschen Reichs. Anders als etwa beim Leipziger Völkerschlachtdenkmal allerdings sieht man der Jahrhunderthalle den nationalen Furor ihrer Zeit nicht an.

Schon bald zählte das ausladende Ruhmeshaus zu den Ikonen der Moderne. Heute gehört der Stahlbetonbau mit einer Kuppelspannweite von 65 Metern und einer Höhe von 41 Metern zu den größten Herausforderungen der polnischen Denkmalpflege. Weniger wegen seiner Maße, als wegen der angegriffenen Betonoberflächen. Nun steht der Bau im Mittelpunkt einer ebenso sinnlichen wie informativen Ausstellung des Breslauer Architekturmuseums, die in Berlin am Schinkel-Zentrum der TU gezeigt wird. Max Berg studierte hier, an der damaligen Hochburg des Historismus, zwischen 1889 und 1893. Sein Nachlass liegt heute am Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung in Erkner, das kostbare Originalpläne beigesteuert hat. Die TU-Plansammlung wiederum entlieh wunderbare Zeichnungen von Bergs Breslauer Kollegen Hans Poelzig, der den benachbarten Pavillon für die Historische Ausstellung entworfen hat.

Berg verwirklichte seinen Raumtraum östlich des Stadtzentrums, deshalb blieb der Betonriese vom Krieg verschont. Dem Architekten schwebte allerdings eine Art Gesamtkunstwerk vor. Mit dem Maler Oskar Kokoschka plante er die Ausmalung und farbige Verglasung des Kuppelraums. Aus Geldmangel blieb es dann beim Sichtbeton.

Im vergangenen Jahr wurden die „Hala Ludowa“ (Volkshalle), in der noch immer Messen, Sportturniere und Konzerte stattfinden, und das 1913 von Berg und Poelzig um sie herum gemeinsam gestaltete Ausstellungsgelände als Bau- und Gartendenkmale von nationalem Rang anerkannt. Der Eintrag in die Unesco- Welterbeliste soll folgen. Zum Ensemble gehört auch die Mustersiedlung der Werkbund-Ausstellung „Wohnung und Werkraum“ von 1929, an der Architekten wie Hans Scharoun und Adolf Rading mitgebaut haben. Oder die 1913 eigens für die Jahrhundertausstellung umgesetzte oberschlesische Holzkirche des 16. Jahrhunderts. All das ist unbedingt eine Reise wert. Und die darf ruhig erst einmal in die Berliner Ausstellung führen.

Architekturgebäude der TU, Ernst-Reuter-Platz/Straße des 17. Juni 152, bis 31. Mai. Buchempfehlung: Jerzy Ilkosz, Die Jahrhunderthalle und das Ausstellungsgelände in Breslau, R. Oldenbourg Verlag 2006, 39,80 Euro.

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