Kultur : Der Himmel über L. A.

Jan Schulz-Ojala

Der neue Film von Wim Wenders, eröffnet heute die 50. BerlinaleJan Schulz-Ojala

Was für ein Anfang: Vom Himmel hoch über Los Angeles träumt sich die Kamera langsam hinunter, umspielt die glatten Fassaden der Hochhäuser downtown, sinkt und sinkt, bis sie innehält vor dem riesigen Schriftzug auf dem Flachdach eines Hotels. Eine Überblendung wie ein Wimpernschlag, und da steht der junge Mann im Licht des frühen Morgens, hält inne, holt Luft, ein Blick wie ganz nach innen für immer, und nimmt Anlauf für den Sprung. Sein Laufen in Zeitlupe über die lange, lange Längsseite dieses Dachs, die Kamera vor ihm, die Kamera neben ihm her, er dreht den Kopf zur Seite, hat mich jemand gerufen?, er läuft weiter, sein Erkennen, sein Lächeln und Winken sind eins. Und er springt ...

Was für ein Anfang für einen Film. Und für ein Filmfestival. Erst das Innehalten, das hat jeder für sich, am Anfang dieses langen, langen Tages der Bilder. Dann der Anlauf. Schnell noch zuwinken jemandem, bevor man springt. Und schließlich der Sturz, der sich sogleich in ein Schweben verwandelt: vor den Fenstern der Filme und in sie hinein.

Tom Tom ist vom Dach gesprungen. Und im Fallen, das sich in ein Fliegen verwandelt, erzählt er uns seine Geschichte, genauer: die letzten vierzehn, die glücklichsten Tage seines nicht besonders langen Lebens. So wie uns der ein bisschen ältere Lester in "American Beauty" gerade sein letztes Jahr erzählte, auch sein glücklichstes. Tote Helden von Anfang an, und unsterbliche Helden. Vielleicht weil unsterblich Verliebtsein unsterblich macht? Lester hat sich in ein Schulmädchen verguckt und dabei das pure Glück wiedergefunden, Tom Tom hat sich in Eloise verliebt, Tom Tom, von dem sie sagen, er sei ein bisschen langsam im Kopf. Und Eloise, sie hat ein paar Jahre in der Klinik mitgemacht, wie lang weiß sie nicht mehr so genau, und jetzt taumelt sie durch die Zeit - "als lebte sie nur tags in ihrem Körper", denkt Tom Tom, "und nachts überlässt sie ihn anderen."

Ja, eine Liebesgeschichte, das zuerst. Ein fotoromanzo für Träumer, eine telenovela für Intellektuelle aus der Welt da ganz unten, wo Penner, Stricher, Fixer, Säufer und Irre ein letztes Bollwerk gegen die Straße bauen, ein letztes Dach überm Kopf namens "Million Dollar Hotel". Dessen Name ist natürlich ein Witz. Das Leben dort ist auch ein Witz. Man kann entweder dran kaputtgehen oder ein Heiliger werden, ein unterschiedslos zu allen Kreaturen zärtlicher Spinner wie Tom Tom oder eine ins Eigene - und in "Hundert Jahre Einsamkeit" - Versponnene wie Eloise. Ja, wenn man sich nicht irgendwann verliebt in diesem verrückten Leben, dann kann man von hier aus nur noch in den Himmel fliegen.

Wim Wenders erzählt das nicht. Vielleicht hat Wenders noch nie so richtig erzählt. Oder sich immer ablenken lassen durch eine Einstellung, ein Bild, eine Schönheit en passant, eine Musik oder zwei. Tom Tom und Eloise: Klingt nicht das wie zwei Instrumente, die sich von selbst zum Klingen bringen? Man muss sie nur wahrnehmen, wie sie sich das erste Mal aufeinander einstimmen, im versifftesten Treppenhaus der Welt. Tom Tom tänzelt vor Eloise, die ihm ausweicht. Er spricht, aber er könnte auch schweigen. Sein Körper: eine einzige Lust, vor ihren Augen zu sein. Und auch später: Wie sie spielen miteinander, kleine Säugetierlaute ausstoßend, junge Katzen, umeinanderspringend in seltsamen grauen Klamotten, blasse, hungrige Gesichter unter struppigem Haar. Das kann Wenders wunderbar zeigen: diese scheue Choreografie der Liebe. Das kommt immer wieder in diesem Film wie ein schöner Schauder und vergeht. Das verschwendet sich. Überhaupt verschwendet sich dieser Film, verletzlich wie seine Figuren. Man möchte ihn fast in Schutz nehmen gegen die wachsende Erkenntnis, dass er seine Kraft auch gegen sich selbst wendet und verschwendet. Man möchte, wenn man erst einmal diese allerseltsamste Liebe in seiner Mitte zu fühlen beginnt, sein großartiges Scheitern nicht sehen.

Denn Tom Tom und Eloise, wunderbar vergeistert, beseelt und verkörpert von Jeremy Davies und Milla Jovovich, sie sind ja nicht allein in dieser Welt. Wenders - und U2-Sänger Bono mit der Musik und der Anfangsidee und Drehbuchautor Nicholas Klein - haben sie mit einem Menschenzoo umstellt, mit einer Art Handlung, die sie auch zu einandertreibt, mit Nebenleuten, Abseitsbildern und Sackgassenplots, so zeitraubend und nervenzehrend, dass man manchmal am liebsten den Blick von der Leinwand wendet. "The Million Dollar Hotel" ist nicht einfach ein Film. Er ist zwei, oder drei. Der zweite: die Freakshow all der Randexistenzen, die in dieser vielstöckigen Läusepension überwintern - und das vielleicht schon 20 Jahre lang. Der dritte: Mel Gibson als FBI-Alien, beauftragt, einen vermeintlichen Mord aufzuklären - und selbst ein Freak, nach einer Operation vor Jahrzehnten eingerüstet bis zum Hals. Wieder hat sich Wenders verführen lassen, hat sich weggespielt, wegverspielt, drauf und dran, wieder einen Film zu verspielen.

Das erzählen? Fast müßig. Wenders folgt jeder Fährte. Da ist Izzy, ein dichtender Junkie: auch er vom Dach gestürzt, vierzehn Tage vor Tom Tom. Selbstmord? Das wäre fast Alltag im "Million Dollar Hotel". Oder Mord, wie sein Vater es gedeutet, ermittelt, aufgeklärt sehen will, ein jüdischer Medien-Tycoon, der Freitod für blasphemisch hält? Natürlich führt das nirgendwohin, nicht wirklich. Lässt nur Mel Gibson auftreten in diesem Alltagshöllenlicht, sich blinzelnd umsehen, schnüffeln, unseren merkwürdigen Lotsen spielen. Wer will, mag auch den Nebenweg in eine milde Kunst- und Mediensatire nehmen, Veralberung eines Schickimicki-Galeristen und routiniert aufgeregter TV-Reporterinnen inklusive. Oder mit Dixie (Peter Stormare) den Beatles nachtrauern: den Beatles, deren fünftes Mitglied er hätte gewesen sein können oder vielleicht war, das weiß man bald nicht mehr so genau. Und es ist auch ein bisschen egal, oder? Hauptsache, her mit einer Lebensgeschichte oder was sie hätte sein können, irgendeiner.

Zwischen den Zeilen des Pressehefts kann man lesen, dass das Team am Set ziemlich viel Spaß hatte. Die als Freaks verkleideten Schauspieler, von Amanda Plummer bis zur "Titanic"-Oma Gloria Stuart, haben drauflos improvisiert, und Wenders fand das gut. Peter Stormare soll sich ganz in seinen John Lennon redivivus hineinfantasiert haben, und Wenders fand das bestimmt auch gut, jedenfalls hat er viel von Stormare-Lennon dringelassen im fertigen Film, zu viel. Überhaupt: Zu viel von alledem. Wie ein Kind, das keine Angst vorm Bauklötzchenturm hat, weil es bauen will, traumwandlerisch verkantet, schief und krumm, nur hoch hinaus. Drehbuch? Lass gut sein. Dramaturgie? Frag mich nicht. Irgendwann wird Eloise leise ins Bild zurücktreiben, wird ihren Tom Tom mit den Augen ganz umfassen, nur mit den Augen, und sie haben dich wieder gefangen, die Bilder. So geht das. Geht das so?

Was für ein Ende für diesen Film, wenn sein wunderbares Ende nicht wäre. Genauer: die Augenblicke davor. Ein Abschied, eine Nacht im leeren Zimmer, und durch das Fenster fällt das Restlicht der Stadt. Tom Tom wird bald etwas machen, das nicht logisch ist - aber sagten nicht alle, er ist ein bisschen langsam im Kopf? Und plötzlich ist da noch einmal eine große Kino-Szene. Eine der großen schon jetzt dieses Festivals - egal, welche Bilder noch folgen werden. Vielleicht auch mussten all die Umwege sein, die Stillstände, um uns jetzt hineinzuzaubern in diese Szene mit Restlichtgeschwindigkeit. Wenders erzählt sie nicht. Er sieht sie. Und sein Kameramann (Phedon Papamichael) zeigt sie. Und sie spielen sie, da vorn, diese Punkte aus Licht, Gewitterblitze in unserem Allerweltskopf. So eine stille Szene, die alles sagt, war bei Wenders seit "Paris Texas" nicht mehr. Nicht die Schlechtesten werden nachher sagen, sie haben sie nur geträumt.

Dann ist Himmel. Und Tag. Bauklötze, getürmt ins Blau. Stürzen wir voran.

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