Kultur : "Der Hirt auf dem Felsen": Blaue Blumen

Frederik Hanssen

"Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren / sind Schlüssel aller Kreaturen", hat Novalis sich vorgestellt, "wenn die, so singen oder küssen / mehr als die Tiefgelehrten wissen", dann, ja dann tritt alles Deuten und Analysieren in den Hintergrund, und die pure Musik bricht sich Bahn, frei, ungebunden, mit Worten nicht festzuhalten. So wie am Donnerstag im Konzerthaus, als Sunhae Im und Ralf Forster aufeinander trafen. "Der Hirt auf dem Felsen", diese wundervolle, wunderliche letzte Liedkomposition Schuberts, stand auf dem Programmzettel, doch das war Nebensache. Eine bloße Ausdeutung des Textes, das wäre viel zu erdnah, zu konkret gewesen für diese beiden Stimmen, die hinauf strebten in Sphären reiner Klanglichkeit. Forster, der Solo-Klarinettist des Berliner Sinfonie-Orchesters, singt mit der Herzensstimme des Romantikers, jeder Ton erblüht ihm wie eine blaue Blume. Ganz schlicht, ganz naiv kann das klingen, und ist doch unendlich raffiniert in den Farbvaleurs. Sunhae Im dagegen vertritt das Prinzip des Geistes. Ihr Sopran ist von der makellosen Schönheit marmorner Statuen aus klassischer Zeit. Mit dieser Stimme, die kein Vibrato kennt und keinen Registerbruch, verkündet sie ihre Melodien, über den Spitzentönen wölbt sich ein sommenheller Himmel. Gemeinsam vollbringen die zwei jungen Künstler etwas sehr Seltenes, Bewegendes, das wohl nur dichterische Emphase zu erfassen vermag. "Wenn dann sich Licht und Schatten / zu echter Klarheit werden gatten", schreibt Novalis. Die Normalität ist anders, auch im Kulturbetrieb. So wie das Konzert des Berliner Sinfonie-Orchesters, in dessen Mitte Sunhae Im und Ralf Forster den Saal leuchten ließen.

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