Kultur : Der Holocaust auf Augenhöhe

ROBERT VON RIMSCHA

Erfahrungen kommen hoch.Unglaubliche, unpassende, ungebührliche Wertungen, Eindrücke, die zu äußern sich eigentlich nicht ziemt.Da ruft Helene aus Kalifornien an und sagt im amerikanischen Radio, wie sie die Welt erlebt hat."Ich wurde 1928 in München geboren.Mein Vater war schwarzer Afrikaner, meine Mutter weiße Deutsche.Ich bin bis 1948 in Deutschland geblieben, bis ich einen US-Soldaten geheiratet habe und nach Chicago umgezogen bin.Auf die 20 Jahre in Deutschland folgten zwei Jahrzehnte in Chicago.Und wenn ich darüber nachdenke, dann muß ich sagen, daß ich zu Kriegszeiten in Hitlerdeutschland glücklicher war als später in Chicago.Ich habe in Deutschland viel weniger Vorurteile und Druck verspürt als in den USA.Die Deutschen waren viel weniger gegen die Juden eingestellt, als die Amerikaner es gegen Schwarze sind.Was die NS-Regierung dachte, war klar, aber was die Leute dachten - das war sehr widersprüchlich."

Es ist ein Buch aus Deutschland, das die alte Dame namens Helene dazu bringt, ihre Bilanz öffentlich zu machen.Der Autor des Buches ist Victor Klemperer, Romanistik-Professor aus Dresden.Die aus seinem Nachlaß veröffentlichten Tagebücher wurden 1995 und 1996 in der Bundesrepublik zu einem überraschenden Bestseller; die 13teilige Verfilmung soll ab Herbst in der ARD zu sehen sein.Jetzt erobert Klemperers Buch unter dem Titel "I will bear witness" die USA."Er ist ein besserer Historiker als Daniel Jonah Goldhagen", sagt Martin Chalmers, Klemperers Übersetzer ins Englische.

"Weil dies ein detailliertes Porträt eines Staates ist, der nicht plötzlich verrückt wird, sondern in tausend kleinen Schritten, hat dieses Buch das amerikanische Gespräch über den Holocaust neu eröffnet", meint Ray Suarez, dessen Gesprächsrunde "Talk of the Nation" die zweitpopulärste Sendung im seriösen, öffentlich-rechtlichen Radio NPR ist."Der Grund: Hier wird nicht irgendwelchen entrückten Gestalten in Uniform Schuld zugeschrieben oder Anerkennung gezollt, hier geht es um ein Geschehen, das sich zwischen Ladentheken, Kopfsteinpflaster und Schulzimmern ereignet.Der unbegreifbare Holocaust findet auf Augenhöhe statt."

Im April 1996 hatte der Berliner Aufbau-Verlag die US-Rechte an Random House in New York verkauft und dafür angeblich 500 000 Dollar erhalten - die höchste Summe, die je für eine Übersetzung aus dem Deutschen bezahlt wurde.Zu Weihnachten kam das Buch heraus.Es ist kein Solitär.Peter Gay, emeritierter Yale-Historiker, hat 1998 unter dem Titel "Meine deutsche Frage" ein Buch veröffentlicht, das in Rückblenden aus späteren Deutschland-Reisen von Gays Jugendjahren 1933 bis 1939 in Berlin berichtet."Meines Vaters Zitat von Burke, daß man nicht berechtigterweise eine ganze Nation verdammen kann, klingt noch in meinen Ohren.Dies war die Haltung, die ich langsam, zögerlich und niemals vollständig zu meiner eigenen machen würde", schreibt Gay.

Klemperer, Gay, dazu das Buch des Ex-US-Ministers und heutigen Direktors des Berliner Jüdischen Museums Michael Blumenthal über 300 Jahre brandenburgisch-jüdische Geschichte, "Die unsichtbare Mauer" - diese Beiträge und die Debatten, die sie entfacht haben, verschieben Amerikas Wahrnehmung deutscher Geschichte.Jene, die es mit der Identität am schwersten haben, melden sich zu Wort.Es gibt nicht mehr länger vorrangig die Stimmen osteuropäischer Opfer, für die die Gleichsetzung Deutsche gleich Täter eine offensichtliche ist, sondern nun Bücher von assimilierten deutschen Juden aus der Intelligenz, für die das Ableiten ihrer eigenen Opfer-Biographie aus dem Kontext ihrer deutschen Identität viel schwerer ist.

Klemperer, Gay und Blumenthal haben - ersterer als Protokollant im Geheimen, letztere als Rückblickende nach über 50 Jahren - versucht, auseinanderzudividieren, was für sie lange selbstverständlich zusammengehörte und dann auf brutalste Weise auseinandergerissen wurde.Ihr Frage lautet: Wie kann ich mich weiter auf meine deutschen Wurzeln berufen und dies mit meiner Opfer-Biographie zusammenbringen - "in Einklang bringen" wäre sicherlich nicht der richtige Begriff.

Klemperer selbst hat am 10.Januar 1939 in sein Tagebuch notiert: "Es gibt keine deutsche oder westeuropäische Judenfrage.Wer eine zu erkennen glaubt, adoptiert und bestätigt nur die falsche These der NSDAP und dient ihr.Bis 1933 und mindestens ein gutes Jahrhundert lang bis zu diesem Datum waren die deutschen Juden vollständig deutsch und sonst nichts." Als Beleg führt der Romanist, der 1960 als Professor in der DDR starb, die vielen Ehen zwischen christlichen und jüdischen Deutschen und die seiner Ansicht nach reibungslose Zusammenarbeit beider an."Der Antisemitismus, den es schon immer gegeben hat, ist kein Beweis des Gegenteils, weil die Spannung zwischen Juden und Ariern nicht halb so groß war wie jene zwischen Protestanten und Katholiken, Unternehmern und Proletariat oder Ostpreußen und Bayern."

Klemperers Einzug in Amerika ist einer durch das Hauptportal: Titelgeschichte im "New York Times Book Review", Sondersendungen der Nischenprogramme, vierspaltige, gerahmte Berichte selbst in den "Denver Rocky Mountain News".Er fällt in eine Phase, in der die Begriffe "Normalisierung" und "Realismus" die Leitworte sind, wenn über das gegenwärtige Deutschland berichtet wird.Die Debatte über das Berliner Holocaust-Mahnmal und der Streit zwischen Walser und Bubis über die Übermacht der Geschichte, die Ritualisierung des Gedenkens und die Instrumentalisierung des Holocaust wurden verzeichnet, aber interessieren nur ein kleines Fachpublikum.Mehr Aufmerksamkeit gilt der Schröderschen Nachkriegsgeneration.Deren Anspruch auf "Normalität" wurde in den USA überraschend positiv aufgenommen.Es mag daran liegen, daß die rot-grünen Signale in der Ausländerpolitik als deutliches Zeichen verstanden und entsprechend gelobt wurden, daß die Berliner Republik ihre eigene, auch durch jahrzehntelange Einwanderung geprägte Gesellschaft anzuerkennen sich anschickt.Diese Symbolsetzung würdigt Amerika; Details wie die doppelte Staatsbürgerschaft bleiben dabei unerwähnt.

Vielleicht wegen des Zusammenfalls der Publikation deutsch-jüdischer Erinnerungen mit den ersten Schritten der neuen, von Politikern der Nachkriegsgeneration geführten Regierung wendet sich Amerika offenbar ab von Thesen wie dem Goldhagenschen "eliminatorischen Antisemitismus", der nur Deutschland innewohne.Die "gewöhnlichen Deutschen", die Goldhagen im Untertitel hat, sind nicht dieselben, die Klemperer, Gay und Blumenthal sehen.

Nun gibt es keine Floskel, die derzeit in den USA häufiger benutzt wird als jene vom "heranbrechenden Jahrtausendwechsel".Der Rückblick auf das 20.Jahrhundert ist düster.Pol Pots Verbrechen wurden nicht geahndet, Karadzic ist frei, Idi Amin praßt weiter, Pinochet wartet.Schlußstriche sind schwer, vor allem, wenn es um die 30er und 40er Jahre geht.Klemperer, der sich der Theoriebildung verweigert und lieber als Chronist festhält, wann die ersten Hakenkreuze auf Zahnpasta-Schachteln auftauchen, wird in den USA als jemand gelesen, der gerade wegen seiner Betonung der Alltäglichkeit des Terrors eine bleibende Lektion erteilt.

"Der Holocaust, so legen Victor Klemperers Tagebücher nahe, lehrt uns ein wenig über die Deutschen, ein wenig über Juden - aber verdammt viel über uns alle", hat Richard Cohen, Stamm-Kolumnist der "Washington Post", geschrieben.Dies sind erstaunlich distanzierte und entspannte Töne.Sie kommen indes mit einer Warnung."Weil es eben nicht diese verrückten Deutschen waren, die irgendeinen exotischen und unerklärlichen Akt begingen, heißt die Lehre auch, daß es anders und anderswo erneut passieren kann."

Martin Walser hat Ähnliches über Klemperers Tagebücher gesagt: "Bei ihm kann man lernen, mit dem eigenen Gewissen umzugehen, statt auf das der anderen aufzupassen." Was das Aufpassen angeht, muß man ja nicht sehr weit blicken, um ein Beispiel für die Schwierigkeit des Lehren-Ziehens zu entdecken.Klemperer entkam der Tyrannei der Nazis.Und wurde zum angepaßten Bürger der Stalinschen DDR.Auch solche Biographien geben in Amerika zu denken.

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