Kultur : Der horizontale Dichter

Schöngeist, Paradiesvogel, Erotiker: Zum Tod des Berliner Schriftstellers Nicolaus Sombart

Alexander Cammann

Der Junge liebte seinen Diwan über alles. Aus Matratze und Kelim hatte er ihn sich gebastelt und verschlang dort liegend seine Romane. Dem Vater musste das suspekt sein: Denn der weltberühmte Gelehrte las schließlich am Schreibtisch, mit gespitztem Bleistift in der Hand. Eines Tages war also der Diwan verschwunden, zur wütenden Empörung des Sohnes. „Die Tugend ist aufrecht, das Laster ist horizontal. Und ich lag schrecklich gern“: So sah es der älter gewordene Junge Jahrzehnte später, nachdem ihn längst wieder solch eine orientalische Lagerstatt erfreut hatte. Nicolaus Sombart, jener Künstler horizontaler Welterkenntnis, ist jetzt im Alter von 85 Jahren am Freitagmorgen in einem Sanatorium unweit von Straßburg gestorben.

Wie armselig sähe unsere Kulturgeschichte aus ohne ihre unseriösen Gestalten, die schillernden Figuren, die scheinbar am Rand ihre effektvollen Schamanentänze tanzen und von engherzigen Naturen als Scharlatane verkannt werden. Die Naserümpfer übersehen, dass gerade die frivolen Seelen enorm inspirierende Wirkung auf ihre Zeit haben: Nicht nur weil sie an- und aufregen, verknüpfen und verführen, sondern weil sich in ihnen selbst die gegensätzlichsten Ideen und Traditionen diverser Epochen neu mischen wie in einem Kaleidoskop.

Nicolaus Sombart war so eine frivole Mischung. Dass so jemand auftauchte, war eigentlich nicht vorgesehen im 20. Jahrhundert mit seinen streng abgezirkelten Bauplänen aus politischen Lagern, sozialen Klassen sowie geistig-ästhetischen Weltanschauungen. Aber der Grenzgänger Sombart kam auch von weiter her.

Geboren wurde er am 10. Mai 1923 in Berlin als Sohn des bedeutenden Soziologen Werner Sombart (1863-1941) und dessen zweiter, aus einer rumänischen Großbürgerfamilie stammenden Frau Corina Léon, die dreißig Jahre jünger war als ihr Mann. Der kleine Nicolaus wuchs in dieser west-östlichen, selbstverständlich bildungsbürgerlichen Atmosphäre im Grunewaldviertel auf: eine hochherrschaftliche Villa mit väterlicher Bibliothek und mütterlichem Salon, inklusive Diwan. Der junge Rumäne Sergiu Celibidache verkehrte im Haus; mit Carl Schmitt spazierte der angehende Student Nicolaus durch den Grunewald. In seinem zauberhaften Erinnerungsbuch „Jugend in Berlin“ (1986) hat er von jener trügerischen Idylle seines Heranwachsens im Nationalsozialismus erzählt. Der Vater wusste um die tatsächliche Lage. Als am 1. September 1939 sein Sohn ins Arbeitszimmer stürzte und ihm aufgeregt-begeistert vom Kriegsausbruch berichtete, diagnostizierte der Alte ruhig: „Das ist das Ende Deutschlands!“ Nicolaus im Rückblick: „Alles, was ich seitdem in meinem Leben getan habe, kann eigentlich als der Versuch angesehen werden, die Bedeutung dieser apokalyptischen Worte meines Vaters zu ergründen.“

Dieser Versuch folgte einem instinktiven Programm: Sombart betrachtete die deutschen Dinge stets so undeutsch wie möglich – und natürlich häufig aus der Horizontale, also unter Einbeziehung von (Lust-)Träumen, Phantasien und politischen Utopien. Nach dem Krieg, den er als Soldat in Frankreich und an der Ostfront überlebte, stürzte er sich ins intellektuelle Getümmel. Er gab mit Alfred Andersch und Hans Werner Richter die Zeitschrift „Der Ruf“ heraus und war bei den ersten Treffen der Gruppe 47 dabei; Richter bescheinigte dem Gelehrtenspross ein „beträchtliches Maß an Arroganz“. „Capriccio Nr. 1“ hieß 1947 sein literarischer Erstling, in dem er den Soldatenalltag verarbeitete. Während des Soziologiestudiums in Heidelberg befreundete er sich mit Reinhart Koselleck, dem späteren Begründer der Begriffsgeschichte. Der verehrte Carl Schmitt war beiden stets präsent. 1963 hielt Sombart zu Schmitts 75. Geburtstag „im Namen der jungen Freunde“ die Rede „Der Obergefreite – Herrschaft und Gestalt“. Doch Sombart emanzipierte sich später – Schmitt hat das kaum verwinden können. Noch 1977 mokierte sich der Greis über den „Euro-Erotiker“ Sombart, der seit 1954 als Beamter beim Europarat arbeitete, bis 1984 schließlich als Leiter der Kulturabteilung. Seine Schmitt-Kritik „Die deutschen Männer und ihre Feinde“ erschien 1991; fünf Jahre darauf seine seltsame Verteidigung Kaiser Wilhelms II.

Die Einflüsse und Stationen offenbaren einen unorthodoxen deutschen Lebensweg, irrlichternd zwischen Kunst, Wissenschaft und, im Rückblick kaum vorstellbar, Verwaltung. Die wahre Neigung Sombarts galt jedoch stets seinem irritierend naiven wie missionarisch beschworenen Lebensreformprogramm: der Selbstbefreiung des Menschen durch den Eros, so wie es seiner Meinung nach die großen französischen Linksutopisten des 19. Jahrhunderts im Sinn hatten. Noch sein letztes Buch, die seiner Mutter gewidmete „Rumänische Reise“ (2006), durchziehen zahllose Exkurse über den Utopisten Charles Fourier und dessen Erotikplanungen. Die für viele Leser schwer erträgliche Zurschaustellung von Sombarts eigenen sexuellen Obsessionen beruht im Grunde auf einem Missverständnis: An ihnen ist sicher mehr Dichtung als Wahrheit. Der linke, gänzlich undeutsche Dandy Sombart kokettierte mit einem von den französischen Surrealisten oder George Batailles inspirierten obszönen Phantasiehaushalt.

1982 kehrte Nicolaus Sombart in seine Heimatstadt zurück. Am Wissenschaftskolleg verbrachte er ein eskapadenreiches Jahr; dorthin hatte ihn Gründungsrektor Peter Wapnewski geholt, den er 1941 in einem Reichsarbeitsdienstlager kennengelernt hatte. Sombarts 2003 erschienenes „Journal intime“ über sein Jahr als Fellow am Kolleg ist eine aberwitzige, sexuell-intellektuelle Burleske und zugleich ein Sittengemälde des alten West-Berlins. Und er fand schließlich seine Form der Vergemeinschaftungsutopie: In der Wilmersdorfer Ludwigkirchstraße, hielt dieser aristokratische Freigeist zwanzig Jahre Sonntagnachmittags seinen Salon ab, bis es das Alter nicht mehr zuließ. Die Lücke, die dieser Paradiesvogel hinterlässt, wird sich nicht mehr schließen. Seine Erinnerungsbücher – zu den erwähnten kommen noch „Rendezvous mit dem Weltgeist“ über die Heidelberger Jahre 1945 bis 1951 und die „Pariser Lehrjahre“ 1951-1954 werden als Satyrspiele des bürgerlichen Zeitalters überdauern.

Nicolaus Sombart selbst hingegen führt von nun an dort oben seinen Salon: umgeben von den originellsten Artgenoss(inn)en, hingelagert auf einem himmlischen Diwan, sich eitel und zugleich selbstironisch geistreichen Plaudereien hingebend. Und natürlich schaut er dabei den schönsten Engeln tief in die Augen.

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