Kultur : Der irische Autor Frank McCourt über die Folgen des plötzlichen Ruhms

Frank Mccourt

Mein New Yorker Verlag druckte von meinem ersten Buch "Die Asche meiner Mutter" 27 000 Exemplare. Er dachte, das reicht. Gestern las ich in der New York Times einen Bericht über Erstausgaben: jedes dieser 27 000 Exemplare ist inzwischen 500 Dollar wert. Ich habe nie erwartet, dass das Buch erfolgreich sein würde, ich habe nie erwartet, dass es auf die Beststellerliste kommen würde. Und ich habe nie erwartet, dass es die Nummer Eins der Bestsellerliste in New York, in Deutschland, in England, in Australien und praktisch überall werden würde. Ich dachte immer, wenn ich "Die Asche meiner Mutter" geschrieben hätte, es gedruckt und verkauft würde, wäre ich zufrieden. Als der Erfolg dann alle meine Erwartungen übertraf, hätte ich sagen können: "Allright, jetzt habe ich genug Geld für den Rest meines Lebens." Es ist nett, viel Geld zu haben, nach all den Jahren als Lehrer mit wenig Geld, aber was mache ich jeden Morgen? Wer bin ich? Und da wurde mir klar, ich muss ein zweites Buch schreiben.

Auf der Straße, im Restaurant und auf dem Flughafen erkennen mich die Leute und sagen: "Oh, ich mag Ihr Buch." Die Leute sind warmherzig und freundlich und das ist in Ordnung. Man hört mir zu, wenn ich über irgend etwas rede. Vorher hat mir keiner zugehört. Also bin ich wohl berühmt. Nicht so berühmt wie ein Filmstar, wie ein Rapper oder Rocker, aber immerhin. Es ist seltsam, sich vorzustellen, dass in diesem Augenblick jemand "Die Asche meiner Mutter" liest, auf ungarisch, polnisch, griechisch, chinesisch, koreanisch oder japanisch. Zu wissen, dass ich mit all diesen Leuten in der Welt in Berührung bin, befremdet mich ein wenig. Ein zwölfjähriger Junge schrieb mir aus Schottland: "Lieber Mr. McCourt. Ich dachte immer, ich hätte ein schreckliches Leben, aber dann las ich Ihr Buch, und ich erkannte, mein Leben ist gar nicht so schrecklich."

Ich wollte immer Schriftsteller werden, aber ich wusste nicht, worüber ich schreiben sollte. Niemand sagte: Schreib doch über dich selbst, über deine Familie. Ich wollte immer Romane schreiben wie Hemingway oder Evelyn Waugh. Ich wusste nicht, dass man über sich selbst schreiben kann, obwohl ich in der Highschool Schreiben unterrichtet und den Studenten immer gepredigt habe: Ihr müsst eure eigene Stimme, euren eigenen Stoff finden. Das hätte ich zu mir selbst sagen sollen. Meine Schüler wollten immer wieder Geschichten aus meiner Kindheit in Irland hören, und sie sagten: "Mr. McCourt, Sie müssen ein Buch schreiben!" Tja, das habe ich getan.

Als ich in Amerika ankam, war ich eine Katastrophe - dünn, hässlich, schüchtern, mit rot entzündeten Augen, die aussahen wie Pisslöcher im Schnee. Und in meinem allerersten Job in New York als Hausdiener im Biltmore Hotel konnte ich jedes Wochenende all diese tollen protestantischen amerikanischen College-Mädchen bei ihren Festivitäten beobachten, und ich begehrte sie alle. Ich dachte: Eines Tages kriege ich so eine. Und ich kriegte sie. Das war meine erste Frau. Es wurde die schlimmste Erfahrung meines Lebens. Da ich Geld verdienen musste, konnte ich nicht auf die Highschool gehen. Während des Korea-Krieges wurde ich zur Armee eingezogen - ich kam nach Deutschland, nach Bayern - und die ganze Zeit über las ich wie ein Besessener. Nach meiner Entlassung arbeitete ich im Port Warehouse als Lagerarbeiter. Das war entsetzlich harte, körperliche Arbeit. Aber ich ärgere mich nicht über diese Zeit, so war es eben. Ich traf die verschiedensten Leute - das echte Amerika, die Arbeiterklasse. Ich habe mir bewiesen, ich kann das, Lastwagen ausladen. Aber vor allem habe ich mir bewiesen: Ich muss hier weg. Wenige Minuten von meinem Arbeitsplatz entfernt lag die New York University. Dort wollte ich hin, und dorthin ging ich. Obwohl ich in Limerick mit dreizehn die Schule verlassen hatte, konnte ich hier dank der "GI Bill" studieren. Das war das Beste, was mir je passiert ist: Dass ich auf die Universität gehen durfte, weil ich gedient hatte.

Der Unterricht an der Highschool war härter als jeder andere Job, den ich gemacht hatte. Jeden Tag fünf Klassen, jeden Tag 170 Kinder, über dreißig Jahre lang. Und niemand sagt einem, wie man das macht. Ich hatte ja nicht einmal selbst eine Highschool besucht. Andererseits kann man Unterrichten nur durch Unterrichten lernen, im Klassenzimmer. Ich habe fünfzehn Jahre gebraucht, bevor ich es konnte. All diese jungen Leute denken nur an Sex und Liebe. Das ist das einzige, was sie interessiert, immerzu sind sie verliebt. 35 Teenager sitzen vor dir, und du musst ihre Aufmerksamkeit fesseln, dann klingelt es, und wieder kommen 35 Teenager und so weiter, und am Ende des Tages willst du nur ins Bett und schlafen. Aber selbst wenn sie ein bisschen verrückt sind, sie erwarten von dir Aufrichtigkeit, du musst immer die Wahrheit sagen. Als Einwanderer gehörte ich weder nicht zu den Iren, ich gehörte nicht noch zu den Amerikanern, aber ich fand meinen Platz in den Schulen, unter den jungen Leuten, als Lehrer.



Dennoch, ich hätte nicht so ein bürgerliches Leben führen sollen - als Lehrer, verheiratet, mit Reihenhaus. Es wäre besser gewesen, ich hätte mich mit Aushilfsjobs in Restaurants oder Bars durchgeschlagen und geschrieben. Aber ich hatte Angst davor, wieder arm zu sein. Am liebsten hätte ich in Greenwich Village gelebt, mit einer Ballettänzerin. Ich sitze zu Hause in einem Loft in Manhattan, trinke Wein und schreibe, während sie sich mit George Balanchine trifft. Das war mein Traum. Aber es macht nichts, dass es nicht so gekommen ist, weil ich jetzt von allem, was mir widerfuhr, berichten kann. Meine bitterarme Kindheit zum Beispiel ist so gesehen ein Geschenk gewesen. Für die Zukunft habe ich allerdings andere Pläne. Ich möchte ein Theaterstück schreiben, und ich möchte Gitarre spielen lernen. Ich will einfach alles machen. Ich möchte Marathon laufen. Ich will nicht gewinnen, ich möchte lediglich einmal in meinem Leben 26 Meilen schaffen.

Wenn ich jünger gewesen wäre, fünfunddreißig, als der Erfolg über mir hereinbrach, ich wäre verrückt geworden, hätte angefangen zu trinken und den Frauen nachzujagen. Das mache ich jetzt nicht. Meine Frau würde es auch gar nicht zulassen. Jetzt bin ich ruhiger. Ich habe ein neues Apartment und ein Haus auf dem Land. Ich brauche nicht viel. Kleidung, Autos und so etwas interessiert mich nicht. Aber es ist gut, dass es nicht passiert ist, als ich fünfunddreißig war. Dann wäre ich jetzt tot. Whiskey und Frauen. Das hätte mich umgebracht.

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