Kultur : Der Kaiman frisst sie alle

Resignation schon vor der Wahl: Italiens Künstler und Intellektuelle fühlen sich machtlos gegenüber Silvio Berlusconi

Marco Benedettelli

Alle sind gegen ihn: Schriftsteller, Philosophen, Regisseure, Hochschullehrer. In der intellektuellen Öffentlichkeit Italiens hat Ministerpräsident Silvio Berlusconi kaum noch Sympathisanten. Doch Vorsicht: Das Linksbündnis Unione unter Romano Prodi mag in den Umfragen noch immer einige Prozentpunkte vor Berlusconis Mitte-Rechts-Koalition liegen, doch die bevorstehende Parlamentswahl verspricht dramatisch zu werden. Die klügsten Köpfe des Landes finden hierfür aufrüttelnde Worte: „9. April. Retten wir die Demokratie“, schrieb Umberto Eco Anfang März in der „Repubblica“. Sein Fazit: „Weitere fünf Jahre unter dieser Regierung, und der Niedergang unseres Landes ist unaufhaltsam.“ Drei Wochen später kam Nanni Morettis Film „Il Caimano“ heraus – ein Porträt Berlusconis als blutrünstiges Reptil, das durch ein versumpftes Italien zieht.

Morettis Film hat sich in der ersten Woche als Riesenerfolg an den italienischen Kinokassen erwiesen – aber ist das ein Indikator für den linken Sieg? Der Schleier jahrelanger Lügen Berlusconis hat den klaren Blick Italiens auf sich selbst vernebelt. Im Mediendschungel, den der Kaiman beherrscht, versickert jede intellektuelle Kritik – in einem Maß, das für eine funktionierende westliche Demokratie beispiellos ist. Paul Ginsborg, Historiker in Florenz und Autor der 2003 erschienenen Streitschrift „Berlusconi“, sieht die italienischen Probleme als das drastischste Vorzeichen einer geradezu anthropologisch wirksamen Veränderung, der alle westlichen Länder unterworfen sind. „Die Zivilisation, die sich immer stärker aus visuellen Daten speist, hat sich in Italien extrem auf das Fernsehen fokussiert“, sagt Ginsborg gegenüber dem Tagesspiegel. Und dieses Fernsehen nennt er inhaltsleer – in jedem Fall „unvereinbar“ mit kultureller Breitenbildung. Die Folge: Viele Intellektuelle weigern sich inzwischen, darin aufzutreten.

Das hat nicht nur ästhetische, sondern auch politische Gründe. Welche Chancen hat der Versuch einer Einflussnahme, wenn man auf Sender angewiesen ist, die der politische Gegner beherrscht? Schon in den 80er Jahren drückte Berlusconi ernsthafte Kultursendungen aus den Programmen der von ihm kontrollierten Sender – zugunsten von Werbespots und vulgären Unterhaltungsshows. Unterdessen nutzt er die Meinungsmacht, die ihm sein gewaltiger Medienapparat verleiht, immer skrupelloser politisch aus.

Der Dramatiker Dario Fo, die renommierten Publizisten Enzo Biagi und Michele Santoro sowie die Kabarettisten Daniele Luttazzi, Sabina Guzzanti und Paolo Rossi sind die berühmtesten Zensur-Opfer in fünf Jahren Berlusconi-Regierung. „Die meisten Italiener nehmen Informationen nur noch über das Fernsehen wahr, doch dort herrscht Unkenntnis“, meint Paolo Flores D’Arcais, Philosoph und Direktor des Magazins MicroMega, das 2003 auch die von Nanni Moretti angeführte Protestbewegung „Girotondi“ unterstützte. „Alles im Fernsehen ist kontrolliert, gefiltert von Berlusconis Männern“, sagt er gegenüber dem Tagesspiegel. „Umberto Ecos Appell wurde einfach totgeschwiegen. Wer keine Zeitungen liest, erfährt davon nichts mehr.“

Der Bruch zwischen den Intellektuellen und der Bevölkerung ist nicht allein die Schuld Berlusconis. Auch die Linke selbst hat Fehler gemacht. Die Bewegung des „Girotondi“ fühlt sich von den Parteien verraten. Für die Wahl bedeutet dies: Das Risiko der Stimmenthaltung auch seitens der Linken ist hoch. Viele Intellektuelle, die an der „Girotondi“-Bewegung beteiligt waren, sehen sich vom Linksbündnis Unione getäuscht; dessen Repräsentanten hätten zu kraftlos gegen Berlusconi opponiert.

Auch aus den Linksparteien sind die Intellektuellen heute weitgehend verschwunden. „Bis in die Achtziger hinein konnte der italienische Sozialismus auf die militante Unterstützung der großen Intellektuellen zählen“, erklärt Ginsborg. „Doch die Linksunion hat über das Phänomen Berlusconi nicht genug nachgedacht. Auch ihr Politikverständnis hat keine Zeit mehr für intellektuelle Arbeit, für Recherche, für die Analyse der Realität.“

Berlusconis Partei „Forza Italia“ muss sich darüber kaum Sorgen machen. Wo keine Intellektuellen sind, entsteht auch kein Streit. Der einzige rechte Vorzeige-Intellektuelle ist der Sachbuchautor Marcello Veneziani, ein Nietzsche-Fan. Für ihn entscheidet sich am 9. April eine „Wahlschlacht“ zwischen dem Populisten Berlusconi und den traditionellen wirtschaftlichen und institutionellen „Oligarchen“, deren Ansichten bis in Universitäten und Zeitungen hineinstrahlen. „Für die rechte Wählerschaft“, sagt Veneziani, „bringt Berlusconi frischen Wind in die politisch-kulturelle Ordnung unseres Landes.“

Und die Kirche? Fuß fassen in Italien derzeit die so genannten „Teocons“, eine eng an die katholische Kirche gekoppelte Bewegung, die der Rechtskoalition nahe steht und Familie und Abendland als Werte hochhält. Zu ihnen gehört Antonio Socci, der in RAI 2 das Nachrichtenmagazin „Excalibur“ moderiert. Wie Veneziani sieht er einen Riss zwischen den Werten der Linken und dem, „was die Menschen wollen“. Als es beim Volksentscheid im Juni darum ging, die liberale Regelung des Gesetzes zur künstlichen Befruchtung wiederherzustellen, gab es dafür zwar die Unterstützung aller wichtigen italienischen Künstler und Intellektuellen. Doch nur 20 Prozent der Italiener nahmen am Referendum teil, und so wurde das Quorum nicht erreicht. „Die einflussreichen Kulturleute sind unendlich weit weg vom einfachen Volk“, sagt Socci. „Ich selber habe Berlusconi oft kritisiert. Aber er steht wenigstens gegen die Diktatur des Relativismus, wie Papst Benedikt es nennt. Und die wird auch von vielen Menschen abgelehnt.“

Andererseits: Wenig spricht gegen Relativität in demokratischen Verhältnissen. Welcher absoluten – oder gar absolutistischen – Zukunft Italien entgegensteuert, werden die Wahlen weisen müssen.

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