Kultur : Der karge Weg

Michaela Nolte

Die "Offene Gesellschaft" steht auf dem gleichnamigen Gemälde dicht gedrängt im dunklen Raum, eingepfercht in ein karminrotes Gemäuer - halb Verkaufstresen, halb Verschlag. Der russische Maler, Grafiker und Schriftsteller Maxim Kantor lässt (63 911 Euro) allenfalls den luftleeren Raum über der ringenden Menschenmasse offen. Jeder Anklang an Jean-Paul Sartres "Geschlossene Gesellschaft" scheint beabsichtigt: Der Mensch ist Gefangener seiner selbst, die Welt eine existenzialistische Vorhölle. Pathetisch geht es in Kantors Russland-Bild zu, und mit Vehemenz blendet der 1957 geborene Künstler die Entwicklungen nach der Klassischen Moderne aus. Seine expressionistische Renaissance will "die Kunst nach einem halben Jahrhundert Winterschlaf zum Leben erwecken" und "an die Stelle der Dekadenz die Klassik setzen".

In der Gegenwart Russlands malt Maxim Kantor die Freiheit als Schimäre und entlarvt die Intellektuellen als Gefangene ihrer eigenen Freiheit. Schimmert im aufrechten Gang der "Zwölf" (76 693 Euro) im Jahre 1988 noch eine Spur von Hoffnung, stellt Kantor seine Personnage in matt-dunklem Grün elf Jahre später als "Totengräber" (76 693 Euro) dar. Anlässlich einer Ausstellung in der Moskauer Tretjakow Galerie verglich die Presse den Künstler mit seinem Bildnis "Streunender Hund" (28 121 Euro). In der Darstellung des monumentalen, fahrigen Tiers mit dem traurigen Blick spiegelt sich der einsame Mahner in der Gesellschaft wie auch in der russischen Kunstszene.

So ist es nur konsequent, dass Kantor eine für vergangenen Sonnabend anberaumte Diskussion mit Kuratoren und Kollegen der momentan in Berlin gastierenden Ausstellung "Davaj!" platzen ließ. Mit dieser lebendigen und anarchischen Momentaufnahme aktueller russischer Kunst im Postfuhramt wollte er nicht in Zusammenhang gebracht werden und sagte kurzfristig ab. Die in Berlin lebende russische Kunstkritikerin Irina Kornejewa bedauerte Kantors Absage, denn gerade diese sehr konträren Ausstellungen würden "die zwei Gesichter Russlands" verdeutlichen.

Die Worte des 1803 geborenen Dichters und Diplomaten Fjodor Tjuttschew haben offenbar nichts an Aktualität eingebüßt: "Mit dem Verstand ist Russland nicht zu begreifen, an Russland muss man einfach glauben." Dieser tiefe Glaube an seine Heimat scheint auch Kantor immer wieder zu bewegen. In den Gemälden wirkt der schonungslose Blick auf die einfach und ärmlich anmutenden Figuren geradezu brutal; was Kantor in Moskau nicht nur Freunde einträgt, sondern bisweilen auch den Ruf eines Nestbeschmutzers. Dass Kantor weit davon entfernt ist, sein Land zu denunzieren, zeigen die Aquatinten und farbigen Holzschnitte des Zyklus "Ödland - Ein Atlas" (Portfolio mit 70 Radierungen 34767 Euro; einzeln je 1022 Euro). In den filigranen Strichen sowie in der subtilen Licht- und Schattenführung entwirft Kantor Stillleben und Porträts voller Mitgefühl für die Menschen, die er in "Einsame Masse" tragisch verdichtet, während "Haus und Baum" anrührend klar erscheinen. Der russische Weg ist offen, aber auch karg. Im "Selbstporträt mit rotem Haus" erscheint der Künstler wie ein still leidender, verletzter Liebhaber - Herz und Hoffnung aus dem Leib geschnitten.

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