Kultur : Der Kater aller Dinge

Wie wir leben, was wir trinken, was wir denken: Falk Richter inszeniert an der Berliner Schaubühne sein Stück „Hotel Palestine“

Peter Laudenbach

Seit Beginn dieser Spielzeit widmet sich Falk Richter mit einer Serie von Theaterabenden an der Schaubühne dem neuen Kapitalismus und den neuen Kriegen: „Das System“. Man konnte bisher auf der Bühne durchdrehende Manager besichtigen, Medien-Profis, die ihre Kapitalismuskritik zum Trend-Beruf gemacht haben, depressive und regressive Unternehmensberater, Szenen aus globalen Bürgerkriegen. Es ging, mit einem Zitat Gerhard Schröders, um „unsere Art zu leben“. Uns um die Hilflosigkeit der Kritik. Unheimlich waren diese Inszenierungen, weil es Falk Richter gelang, dokumentarisches Material und genaue Beobachtungen mit Paranoia, Fieberfantasien und einer Dosis Apokalypse kurzzuschließen. Plötzlich schimmerten die bekannten Phänomene in unheimlichen Farben.

Die vierte und letzte Lieferung von Falk Richters „System“-Serie heißt „Hotel Palestine“, ein Text, den der Autor und Regisseur vorsichtshalber nur unverbindlich "ein Projekt" nennt. Das Setting ist übersichtlich: Zwei gelangweilte Pressesprecher des amerikanischen Präsidenten, Linda Olsansky und, sehr ölig, Robert Beyer, ihnen gegenüber vier Journalisten, zwei kritische und zwei auf Bush-Linie. Was aussieht wie die Parodie einer Pressekonferenz, ist nichts als ein Vorwand, bekannte Statements abzufeuern. Das hat in der ersten Szene etwa die theatralische Kraft und Differenziertheit eines Doku-Dramas von Rolf Hochhuth. Hier werden sauber ausgestanzte Feindbilder bedient.

Was Ivan Nagel in seinem aktuellen Buch mit wütender Brillanz als Rhetorik aus dem „Falschwörterbuch“ analysiert, die Propagandafloskeln eines westlich-amerikanischen Fundamentalismus, das wird hier lediglich abgebildet und auf das simpelste Klischee verkleinert. Richter und sein Co-Autor Marcel Luxinger benutzen ihre Figuren ausschließlich als Thesen-Lieferanten, als Kellner, die Meinungen, Polit-Talk, Leit- und Leid-Artikel servieren. Doch dann wird es gemütlich. Und damit gefährlich. Nach dem Job bei der Pressekonferenz sitzen Journalisten und Pressesprecher, Propagandisten und gemäßigte Linke alle am selben Tresen (Bühne: Jan Pappelbaum), schlürfen Whisky, mixen Drinks, werfen müde Flirt-Blicke, schlaffen ab. Das ist ein harmloses Bild und eine bösartige Aussage. Egal wie systemkritisch wir sind, am Ende leben wir in der gleichen Bar, im gleichen reichen Teil der Welt wie der US-Präsident und seine Propaganda-Leute. Diese Sorte Irritation bohrt Richter mit trockenem Sarkasmus in den Phrasenmüll der öffentlichen Rede.

Zwischen die Szenen, die der Routine des Pressekonferenz-Kauderwelschs gehören, sind Monologe montiert, die seltsam schräg die bekannten Freund-Feind-Schemata variieren. Zum Beispiel das Selbstgespräch eines gewissen Ron (Ronald Kukulies), der für den europäischen Pazifismus nur kalte Verachtung übrig hat und sich mit Lust über deutsche Klischees vom kulturlosen Ami lustig macht: „Was ist denn so unkultiviert an Miles Davis, Thomas Pynchon und David Lynch im Vergleich zu Dieter Bohlen, Martin Walser und Hark Bohm?“ Oder die kurze Polemik einer Parteigängerin Bushs (wunderbar unterkühlt arrogant: Judith Engel), die über simple US-kritische Weltbilder nur den Kopf schütteln kann. („Offensichtlich reicht es in der Linken aus, die Worte Öl, USA und Krieg in beliebiger Reihenfolge zu arrangieren.“) Im gleichen Tresen-Monolog verwandelt sich die kühle Bush-Bewunderin in ein schön verlogenes Bündel Sentimentalität, das sich wohlig im eigenen Mitgefühl aalt und bekennt, dass ihr „die Menschen im Irak“ etwas bedeuten, ja sie sind ihr „eine Herzensangelegenheit“. Seltsame Aussage von einer Frau, die wirkt, als würde sie ihr Herz vor allem für ein vom Infarkt bedrohtes Hochleistungsorgan halten. Die offenkundige Schwäche des Textes, über weite Strecken lediglich ideologische Versatzstücke aneinander zu montieren, ist auch seine Stärke: Gerade durch diese Montage werden die Ideologien demontiert. Im klassischen Drama kommt es zur Katastrophe, weil beide Antagonisten auf ihre Weise im Recht sind. Hier sind beide Seiten im Unrecht. Kein schöner Anblick. Aber ein schön böses Gedankenspiel.

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