Kultur : Der Kita-Kampf

Frauen, Familie, Arbeit und das bisschen Haushaltsgeld: Warum Ursula von der Leyen heftige Debatten entfacht

Caroline Fetscher

„Was will das Weib?“ fragte Freud, der es studiert hatte und kraulte sich ratlos am Bart. Das Weib selbst, wenngleich immer noch häufig rätselhaft, weiß auf pragmatischer Ebene inzwischen sehr wohl, was es will: Lohnarbeit und Kinderbetreuung. Frauen fordern Teilhabe an der Gesellschaft, sexuelle und familiäre Erfüllung, Chancengleichheit, potenzielle Unabhängigkeit von einem Versorger. Das weiß auch Familienministerin Ursula von der Leyen, die christdemokratische Tochter eines christdemokratischen Politikers. Die virulenten Fragen „Warum so wenig Kinder?“ und „Wohin mit den Kindern, während die Eltern arbeiten?“ sollen nun ausgerechnet unter der Ägide einer CDUFrau sehr konkret beantwortet werden. Ihre Politik knüpft an die der Amtsvorgängerin Schmidt an, die Milliarden für Ganztagsschulen erkämpft hatte. Von der Leyen will die Betreuung von Kleinkindern massiv „ausbauen“, wie es in der Baumarktsprache der Volksvertreter heißt.

Ausgerechnet von der Leyen. Ein Bild ihrer eigenen Familie gleicht dem Standfoto einer vergnüglichen TV-Vorabendserie: sieben fröhliche Kinder in frischgebügelter Kleidung, zierliche, blonde Mutter, die Medizin studiert hat, erfolgreicher Vater, ein Pony, ein Hund. Damit konnte die CDU wunderbar leben. Doch das politische Familienbild der Frau, die eine halbe Million Krippenplätze fordert, entsetzt das Traditionsmilieu ihrer eigenen Partei. Empört erklärt Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm, „Millionen von Männern“ werde damit unrecht getan. Indes meint der Augsburger Bischof Walter Mixa, so rekrutiere man „junge Frauen als Arbeitskräftereserve für die Industrie“ und degradiere die Frau zur „Gebärmaschine“. In der FAZ, dem Hausorgan des Konservativismus, fechten die Fraktionen, männliche wie weibliche, heftig mit dem Meinungsflorett – gegeneinander, aber auch für und gegen die Mütter.

Das Thema Frau und Arbeitsmarkt ist ein deutscher Zankapfel, so alt wie die Industriegesellschaft selbst. Das Ansinnen der Frauen stieß dabei stets auf den Widerstand von Männern, keineswegs nur von konservativen. 1867, in einem Protokoll des Allgemeinen deutschen Arbeitervereins, klang das so: „Unter der Herrschaft des Kapitals heute die Frauen den Männern in allen Beziehungen gleichzustellen, hieße den letzten Rest von Glück und Wohlsein den Arbeiterklassen nehmen und die letzte Schranke des Kapitals hinwegreißen.“ Unser streitbarer Bischof sagt 2007 erstaunlich Ähnliches. Vollends auf Mutterschaft reduziert und dafür prämiert („Mutterkreuz“) wurden die Frauen in der NS-Zeit, was die breite Bevölkerung mittrug, auch die weibliche.

Auch für Deutschlands Christdemokraten war das erwerbstätige Weib jahrzehntelang ein Problem. In ihrer politischen Autobiographie („Wer nicht kämpft, hat schon verloren“, München, 2000) erinnert sich die frühere Familienministerin Rita Süssmuth an das Klima noch der achtziger Jahre: „Vehement war das ,Nein!’ der Altvorderen, wenn es etwa um den Ausbau der Kleinkinderbetreuung unter drei Jahren ging. Wer das begrüßte“, schreibt Süssmuth, der „galt sofort als ,Sozialist’ und hätte gleich in die DDR übersiedeln können. Eine Mutter, hieß es, gehört zwingend und uneingeschränkt zum Kleinkind.“ Auch Tagesmütter als Alternative zur Krippe galten als „höchst schädlich für die Entwicklung des Kleinkindes“.

Neuen Ufern schien die CDU auf dem Essener Parteitag von 1985 entgegenzusegeln, der sich dem Rollenwandel der Frau widmete. Aber dem Vorsatz, Frauen die gleichen Möglichkeiten zur Lebensgestaltung zu eröffnen wie Männern, folgten nur halbherzige Taten. In Wellen kam es in Parteienlandschaft und Öffentlichkeit zu Vorstößen in Richtung Gleichberechtigung, Feministinnen des grün-alternativen Spektrums oder des Arbeitskreises sozialdemokratischer Frauen plagten die Herren mit ihrem „Gedöns“. Publizisten ärgerten und ängstigten sich wegen der wachsenden „Medienmacht“ der Frauen, wie etwa Frank Schirrmacher, der in von Gastgeberinnen geleiteten Tele-Salons (Christiansen, Illner, Maischberger etc.) eine heimliche weibliche Deutungshoheit heraufdämmern sah. Trotzdem rief die karge Heim-und-Herd-Prosa der Eva Herrmann im vergangenen Jahr bei Zeitgenossen beiderlei Geschlechts eher Spott als Zustimmung hervor.

Immerhin dreht sich auch in Deutschland das Rad ja allmählich weiter. Warum einzelne Speichen weiterhin knirschen, lässt sich am besten im internationalen Vergleich verstehen. Skandinavien etwa ist uns weit voraus – übrigens ohne dabei Generationen neurotischer Kinder zu produzieren. Erhellend sind unter anderem die Studien der Politologin Teresa Kulawik zu Geschlecht und Sozialstaat (so in der Zeitschrift „Leviathan“, 28. Jg., Heft 4). Sozialwissenschaftler unterscheiden drei Typen des Wohlfahrtskapitalismus. In Skandinavien dominiert der sozialdemokratische Typus, in Deutschland der konservative, in den USA der liberale. Jedes Modell hat Konsequenzen für die Partizipation der Geschlechter am Arbeitsmarkt, jedes geht auf kulturelle Deutungen der Geschlechterrollen zurück.

Deutschland repräsentiert dabei ein „starkes männliches Ernährermodell“, Schweden das einer „Zwei-Verdiener-Familie“, besonders gefördert durch umfassende Kinderbetreuung. Schon ab dem frühen 19. Jahrhundert erhielten Schwedens Frauen schrittweise regionale Wahlrechte und Zugang zum niederen Staatsdienst, ab 1873 konnten sie Universitäten besuchen. „Das universelle männliche Subjekt“, also der Mann als der Prototyp des Bürgers und Wählers, war ein erstes Resultat der Konflikte zwischen Adel, Landwirten, merkantilen Eliten und Großbourgeoisie und setzte sich in Deutschland massiver durch als in Schweden. Einfach deshalb, weil Frauen dort früher einen gewissen Subjektstatus errungen hatten als in Deutschland, wo die Sozialdemokratie sie erst zur Jahrhundertwende „entdeckten“, während sich der politische Katholizismus weiter zu ihrem „Schutz“ verwendete. Quer durch alle politischen Richtungen, so Kulawik, hielt sich in Deutschland die Vorstellung der physisch schwächeren, für Sittlichkeit zuständigen Frau. Das hiesige Vereinsleben war männlich, militärisch und national gesonnen, organisiert in Sänger-, Schützen- und Turnvereinen.

Jetzt sind es, dialektische Ironie der Geschichte, ausgerechnet die CDU-Frauen, die dem hartnäckigen konservativen Modell einerseits sozialdemokratische, andererseits liberale Elemente hinzufügen wollen – und überdies die erste Kanzlerin der Republik stellen. Nicht „Emma“-Leserinnen oder Kampflesben ölen das Rad der Zeitgeschichte, sondern patente Frauen wie von der Leyen, die sich im „Stern“-Interview so schlagfertig und selbstbewusst gab, wie sie weiblich diskret blieb, und die vorzugsweise nüchtern und wirtschaftsorientiert argumentiert. Krippenplätze? Da gehe es nicht um feministisches „Gutmenschentum“, sagt sie, sondern um moderne wirtschaftliche Erwägungen.

Nächster Kampfplatz in der Sache wird die Finanzierung sein. In die Kindergeldkasse, die Mütter zu Hause halten und Wähler günstig stimmen soll, wollen die CDU-Männer nicht hineingreifen. Dabei wäre es sinnvoll. Denn ob das Kindergeld in Sixpacks investiert wird, in das Fotohandy für Vati oder in Bilderbücher für die Kleinen, weiß niemand genau. Werden allerdings Kinder öffentlich betreut, sehen wir, wo die Steuergelder landen. Wer sich dabei um die Nestwärme sorgt, sollte sich daran erinnern, dass gute Kindererziehung viele Ursachen – und Hindernisse – haben kann. Ob Mütter und Väter fantasievoll und empathisch sein können, ob sie rigide sind oder seelisch verwahrlost, in Kindern Sündenböcke suchen, Ersatzpartner oder Puppen, all das unterliegt komplexen Faktoren. Der Hallenser Chefarzt und Psychiater Hans Joachim Maaz, fordert daher in seinem 2003 erschienenen Buch „Der Lilith-Komplex“ einen „Eltern-Führerschein“ vor der Familiengründung. Das ist unrealistisch. Wenn aber Hunderttausende Kinder „in professionelle Hände“ kommen, wie von der Leyen sagt, von der Kanzlerin und anderen unterstützt, dann käme es darauf an, jeglichen DDR-Kollektivismus zu vermeiden. Erstklassig müssen die „professionellen Hände“ sein, schöpferische Kleinkindpädagogen werden dann gebraucht. Kreative Hochschulabsolventen, Frauen und Männer mit Kenntnis der Kinderseele und der kognitiven Entwicklungsschritte von Kleinkindern.

„Was will die Frau?“ darf nicht die einzige Leitfrage bleiben, auch nicht die Frage „Was will die Wirtschaft?“. Ebenso muss uns beschäftigen: „Was braucht das Kind?“ – und damit die Gesellschaft, die sich ohnehin keine weiteren Brutstätten von Rütlirasselbanden leisten kann.

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