Kultur : Der Klotz am Bein von Mann und Frau

ELFI KREIS

Was für den Maler René Magritte seine Beamten mit schwarzen Bowler-Hüten, das sind für Stephan Balkenhol Männer in weißen Hemden und schwarzen Stoffhosen wie von der Stange.Es ist die Standartbekleidung der männlichen Holzskulpturen des Bildhauers.Immer wieder malt Balkenhol sie ihnen auf den aus einem einzigen Holzblock gehauenen Figurenleib.Auffällig unauffällig steht sein "Großes Männerpaar" von 1999 mit dem Rücken zur Wand und überragt die Köpfe der Galeriebesucher um mehrere Haupteslängen (157 000 Mark).Die beiden wirken bodenständig, im wahrsten Sinne des Wortes - ihre beschuhten Füße sind unverrückbar mit dem Sockel aus Pappelholz verwachsen.

Ein eigenartiges Zusammenspiel von Distanz und Vertrautheit, Abstraktion und Realitätsnähe des Menschenbildes, Statuarik klassischen Zuschnitts bei klarer Zeitgenossenschaft zeichnet Balkenhols Figuren aus.Zum einen lassen sie keinen Zweifel über ihren Charakter als reine Kunstfiguren.Zum anderen erscheinen sie in der Galerie wie erstarrte Verkörperungen von Otto-Normal-Kunstbetrachter beim Vernissagetermin.Mit wenig Fantasie läßt sich in ihren unbeweglichen Minen die Unentschlossenheit ablesen, ob man bleiben oder nicht doch lieber gleich gehen und in die nächste Kneipe wechseln soll.

Balkenhols Skulpturen sind Denkmäler der Normalität, Personifikationen von Herrn (oder Frau) Mustermann.Sie bieten sich geradezu an als Projektionsfläche für die Banalität des Alltags.Wo immer man sie aufstellt, sie würden sich in nahezu jede Situation einfügen.

Zugleich gelingt es ihnen, unsere Wahrnehmung des realen Geschehens ringsum zu verändern.Je geringfügiger die Nuancen der Abweichung vom Gewohnten, umso effektiver werden herkömmliche Sichtweisen in Frage gestellt.Balkenhols Werke zeigen einen lakonischen, subtilen Humor, einen verhaltenen Zug zu Ironie.Die Figurengruppe "Vier Männerakte auf Stämmen" war im vergangenen Jahr auf Balkenhols Ausstellungstournee in Wuppertal, Bremen und Kleve zu sehen.Die Galerie Löhrl präsentiert dazu nun die weiblichen Pendants.Allein aus Platzmangel umfaßt die neue Gruppe auf mächtigen Baumstämmen stehender, armhoher Frauenakte nur drei Figuren.Balkenhol zielt auf das Absurde in der Normalität des Gewöhnlichen.

Ihr Schmunzelfaktor läßt sich aber noch steigern.Eine Ente an sich ist noch nicht komisch (bringt aber beste Voraussetzung mit).Ein kleiner Mann in korrekter Anzughose und weißem Hemd auch nicht."Mann reitet auf Ente" hingegen ist in seiner Hölzernheit ebenso witzig wie Balkenhols "Mann mit heruntergelassener Hose".Beide Skulpturen, wie selbstverständlich auf das Podest hoher Kunst gehoben, wirken zwerchfellerschütternd - und auch ein bißchen deplaziert.Ulrich Rückriem, Balkenhols Lehrer an der Hamburger Kunsthochschule, beschrieb vor vielen Jahren die Figuren des damaligen Schmidt-Rottluff-Stipendiaten einmal so: "Keine expressive Betonung mit tiefem Sinn.Kein Verstecken von Details, keine Bewegung im Sinne von Rodin, keine tektonische Geschlossenheit im Sinne von Maillol, keine gefaßte tragische Haltung, die Lehmbrucks Figuren zeigen.Sie scheinen auf ihre Bedeutung zu warten, ohne sichtbare Anstrengung, und werden einfach älter."

Galerie Löhrl, Auguststraße 19, bis 25.Mai; Mittwoch bis Freitag 14 - 19 Uhr, Sonnabend12 - 16 Uhr.

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