Kultur : Der König zahlt die Zeche

Ruhrtriennale: Johan Simons inszeniert Calderóns Barockwerk „Das Leben ein Traum“

Dorothea Marcus

Eine Zeche braucht kein Bühnenbild, sie ist selber eins. Das ist eine der wichtigsten Gründungsideen der Ruhrtriennale, die ihre fünfte Spielzeit eröffnet hat. Es ist die zweite unter Jürgen Flimm, und er hat mit dem Barock eine auf dem Theater selten behandelte Zeit als Motto gewählt. Doch war es nicht wie heute eine Epoche der Kriege, der Sinnsuche, von Gegenwartsrausch und Jenseitssehnsucht? Die Ruhrtriennale ist mit über 30 Produktionen zu einem der größten europäischen Festivals geworden, neuer Werbeträger einer Region, die Arbeit und Sinn zu verlieren schien.

„Das Leben ein Traum“. Ein Albtraum. Nur kleine Details wurden für Johan Simons’ Inszenierung in der pittoresken Kulisse der Industriekathedrale der Zeche Zweckel in Gladbeck verändert, die aussieht wie ein verwunschenes Schloss aus anderer Zeit. Kaputte Grabplatten an der Wand, ausgestopfte Füchse und Puppen liegen vergessen herum, in der zweiten Etage tollt ein junger Sombreroträger vor dem Poster eines bärtigen Revolutionärs. Unten überdeckt ein persischer Riesenteppich gnädig die Schienen, auf denen der rechtmäßige Thronfolger Sigismund mit Foltertüte auf dem Kopf und hechelnd wie ein Tier hereingefahren wird.

Ein Kaspar-Hauser-Schicksal hat ihm sein Autor Calderón de la Barca zugemutet: Weil eine Prophezeiung seinem Vater, dem König Basilius, voraussagte, er würde grausam regieren, hat er ihn lebenslang in ein Verlies gesteckt. „Das Leben ein Traum“ ist das berühmteste aller Barockdramen und umso verwirrender, je mehr man darüber nachdenkt: surreales Märchen und Psycho-Experiment, gleichzeitig philosophische Reflexion über die Ununterscheidbarkeit von Traum und Wirklichkeit. Ein Plädoyer für die Freiheit des Willens – und endet doch fromm als Parabel über die Unentrinnbarkeit des Schicksals.

Weil König Basilius ein schlechtes Gewissen hat, lässt er seinen malträtierten Sohn einen Tag lang zur Probe regieren: Das geht erwartungsgemäß fürchterlich schief, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Sigismund wird vom aufsehenerregenden Aus Greidanus jr. gespielt, der den Abend auf sich fokussiert: ein Barockengel mit aufgerissenen Kinderaugen und zugleich ein wildes Tier mit epileptischen Anfällen, der mühsam das Sprechen lernen muss und sich auf Frauen wirft wie über Süßspeisen. Als er wieder ins Verlies zurückgefahren wird, könnte alles nur ein Traum gewesen sein.

Seine Läuterung beginnt – denn das Leben ist ein schwankendes Schattenspiel und das Glück flüchtig wie ein Wimpernschlag, warum nicht das Beste draus machen. Der Holländer Simons, seit Jahren einer der gefragtesten Regisseure auf deutschsprachigen Bühnen, inszeniert das Stück mit seiner Kompanie NT Gent als sphärische Trance, bei der die Wirklichkeitsebenen verschwimmen.

„Metaphysical“, so hat das Festival die Produktion betitelt, und auch wenn das albern klingt, passt es doch zur gelungenen Genreüberschreitung von Musik und Schauspiel, die auch ein Merkmal des Festivals ist. Die Musik von Peter Vermeersch ist ein steter, lieblicher Teppich, mal höfische Ablenkungsmusik, mal entrückte orientalische Klage, und immer wieder holen die repetitiven Kontrapunkte der Barockmusik beruhigend zur Zeche zurück - oder werden rhythmisch von Rockmusik gesprengt, als Sigismund vom Sombreroträger aus dem Verlies befreit wird. Wie ein Geist erhebt sich der gewaltige Tenor (Christoph Homberger) im rosa Anzug und begleitet den leicht debilen König (Steven Van Watermeulen) als Schutzengel und betörende Stimme, legt ihm tröstend die Hand auf den Arm, wenn er sich ermattet zurückzieht mit einem nassen Taschentuch auf dem Kopf. Begleitet wird der König noch von einem anderen Geist, den Koen Tachelet in den radikal veränderten Stücktext schrieb: die tote Königinmutter (Betty Schuurman) irrt in Weiß durch die Maschinenhalle und mahnt zur Wahrheit. Doch was ist schon Wahrheit in diesem schwebenden, rhythmisierten Reich zwischen Traum und Realität, verstärkt durch das sinnlich schleppende, überdeutliche Deutsch der holländischen Schauspieler.

Mit der Flüchtigkeit der Welt konfrontiert, wird Sigismund in der erneuten Gefangenschaft vom Tier zum Menschen oder: zum vernünftigen Realpolitiker. Bloß keine Utopien mehr. Und setzt den aufrührerischen Sombreroträger gefangen, der ihn doch befreite, leistet Triebverzicht auf die begehrte Hofdame Rosaura, nimmt die resolute Thronanwärterin Estrella (Ann Dours) zur Frau. Die gab sich kurz vorher noch entrüstet, willigt aber nun gerne ein – nicht ohne sich nach dem Kuss verstohlen den Mund abzuwischen. „Du hast dich selbst gezähmt“, raunt die Königin ihrem Sohn lobend zu.

Das könnte ein gediegen aufklärerisches Fazit sein, das humane Disziplin gegenüber animalischem Rausch ausspielt, doch: „Ich habe Angst“, ist Sigismunds letzter Satz. Angst vor den traurigen Konsequenzen der Moderne und einer Rationalität, die den Traum ausschließt? Johan Simons und seine Dramaturgen – Stefanie Carp erscheint nicht im Programmheft, hat die Produktion aber begleitet – haben die philosophischen Reflexionen des Dramas fast ganz gestrichen, das Ende ist frei erfunden.

Kein christliches Plädoyer gegen die Flüchtigkeit der irdischen Existenz, sondern geradezu eine antiintellektuelle Feier des Traums als Zustand, in dem sich der Zuschauer während der zwei Stunden einfach treiben lassen kann: in der absurden Schönheit der Zeche, der Musik, bei der man manchmal schräge Töne vermisst, in der lasziv schleppenden Spielweise der Schauspieler. Da kommt man gar nicht mehr dazu, darüber nachzudenken, wie ein philosophisches Barockdrama zur Aufklärungskritik geriet.

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