Kultur : Der kollegiale Star

SYBILL MAHLKE

The artist formerly known as Nigel Kennedy hat seinen Vornamen abgelegt, weil er ihn nach eigenem Bekunden niemals mochte.Also einfach nur noch Kennedy, Solist des Berliner Philharmonischen Orchesters mit dem Violinkonzert von Brahms.Es ehrt den zwischen Tiefen und Untiefen der Musik vagierenden Künstler, daß er den Auftritt in der Philharmonie, der sich ein wenig verzögert, nicht auf die leichte Schulter nimmt.Obwohl er vor 20 Jahren an der Seite seines Lehrers Yehudi Menuhin zum erstenmal Philharmoniker-Gast war, beim Doppelkonzert von Bach, hat diese Wiederkehr Debüt-Charakter.Denn eine grenzenlose Pop-Klassik-Jazz-Karriere liegt dazwischen: CD-Verkaufsrekorde, unbürgerliches Outfit, Vizepräsident eines englischen Fußballclubs.

Kennedy erscheint hier mit entzückend gestylter Frisur, in lockerer Kleidung, die ihm lieb ist.Wundersam, wie sich nun das Unkonventionelle als das Natürlichste darstellt.Daß Brahms das Konzertprinzip als ein wesentlich symphonisches begreift, ist Kennedy selbstverständlich genug, um immer wieder zum Lauschenden, zum Mitspieler zu werden.Er wendet sich ganz dem Orchester zu, Blickrichtung gleich dem Dirigenten, wenn der Solopart schweigt.Der Virtuose sucht Kontakt mit den Musikern und integriert sich.Das Verdikt eines Sarasate, "mit der Geige in der Hand zuzuhören, wie die Oboe die einzige Melodie des ganzen Stücks vorspielt", ist Kennedy ein musikimmanentes Gebot.Er weiß, was für einen Partner er in Albrecht Mayer hat, wenn er ihm zum Schluß glücklich die Faust entgegenschwingt.Kennedy denkt aus der Ganzheit der Musik.Er steht und dreht sich in ihr.Im gezackten Seitenthema des ersten Satzes, überhaupt bei doppelgriffigen Passagen vibriert der ganze Körper des Solisten, so daß Erinnerungen an Lennie Bernstein wach werden.Alle Bewegung schließt die Art Kennedys ein, die Musik ernst zu nehmen, in ihrem Singen beinahe feierlich.Rhythmisch nicht ganz berechenbar, hat er einen noblen Helfer in Roger Norrington, und so lächelt er dem Dirigenten zu, der die Kadenz vorbereitet.In ihr zeigt sich Kennedy keineswegs als Polystilist, sondern es klingt, als träume er den Brahms noch einmal nach.Der Glanz seines Violinspiels, die Hauptsache schließlich, ist Ausdruck.Wie erwartet, sitzt Kennedy im Saal, als die Philharmoniker unter der beflügelnden Leitung Norringtons die erste Symphonie von Elgar interpretieren, very british, mit Emphase.

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