Kultur : Der Kunst auf den Grund gegangen

RONALD BERG

Schlichte Kehrseiten: Die Museumsakademie zeigt Editionen von Fritz BalthausVON RONALD BERGBalthaus wirkt in dieser Schau verständlicher denn je.Elf Editionen inklusive einer neuen Auflagearbeit bietet von ihm die Museumsakademie.Balthaus geht der Kunst buchstäblich auf den Grund, widmet sich ihren Voraussetzungen, dem Material, den Trägern, den Rändern, die die Kunst erst zur Kunst werden lassen.Die Ränder der Kunst wirken entscheidend bei der Herstellung, Wahrnehmung und Beurteilung des Kunstwerks mit.Isoliert man sie, gewinnen sie ästhetischen Eigenwert und erkenntniskritische Dimension.Zum Beispiel die Bilderrahmen: In 36 Holzschnitten (7200 DM) hat Balthaus die Profilleisten verschiedener Bilderrahmen dargestellt.Der Rahmen öffnet erst den Blick auf die in im begrenzten Werke, er steuert die Wahrnehmung.Der Rahmen konstituiert das Werk.Ebenso verhält es sich mit Material und Technik des Kunstwerks.Bei Balthaus werden sie zu Hauptdarstellern, etwa bei der Edition "23 in Bildhaltern gerahmte Holzschnitte in unterschiedlichen Maßen in Karton verpackt" (2500 DM).Zu sehen sind Rückseiten von Bildträgern, die sonst unsichtbare, der Wand zugewandte Seite der Bilder.Die schlichten Kehrseiten mit ihren Öffnungen für die Ösen und Clips sehen aus wie konkrete Kunst.Die Präsentation hat ihre eigene Ästhetik.Die Holzschnitte laufen auf etwa 50 Meter Länge als Band an den Wänden entlang.Eine Entscheidung, die die Hängung als ästhetisches Phänomen thematisiert.Denn alternativ dazu prangen die Holzschnitte auch in sogenannter Petersburger Hängung, also als lockerer Haufen an der Wand.Die grauen Kartons, in die jede Edition verpackt wird, finden sich, aneinandergereiht zu einem plastisch-voluminösen Feld, ebenfalls an den Wänden.Der Ausdruck "Konkrete Kunst" scheint hier tatsächlich konkretisiert, denn die Behälter haben einen konkreten Zweck: Aufbewahrungsort, Transportkiste und eben auch ästhetisches Objekt.Mit intelligenten Entscheidungen und einfachsten Mitteln sorgt Balthaus für eine Ästhetik der Ästhetik, für eine Denkonstruktion der Konstruktion.Erstaunlicherweise gebiert dieses produktive Prinzip ästhetische Objekte.Das liegt wohl nicht nur an der Konsequenz, mit der er sein Prinzip durchexerziert, sondern auch an seinem Geschmack.Selbst wenn Balthaus gar nicht unmittelbar Hand anlegt, sondern die Kunsttransportfirma Hasenkamp leere Wechselrahmen in bewährter Manier kreuz und quer mit blauen Klebestreifen versieht, sieht das Ergebnis, nun zum Selbstzweck geworden, besser aus als so manche Bemühung anderer Künstler, die selbst für ästhetische "Inhalte" sorgen. Museumsakademie, Rosenthaler Straße 39, bis 6.Juni; Dienstag bis Samstag 14-19 Uhr, Katalog 35 DM.

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