Kultur : Der kurze Weg in die Dunkelheit

Hommage an Balanchine: Der Ballettabend „Without Words“ an der Staatsoper Unter den Linden spannt den Bogen von Tschaikowsky bis Samuel Beckett

Franz Anton Cramer

Wenn sich der Vorhang hebt zu George Balanchines großer Konzertetüde „Ballet Impérial“, geht ein Raunen durch den Saal: Das Corps de ballet steht in diagonaler Formation mit strassfunkelnden Kostümen, Diadem und Tutu vor Balanchines berühmtem blauen Rückprospekt. Vier Kristalllüster sorgen fürs kaiserliche Ambiente, das Licht strahlt golden und galant. Da braucht sich niemand mehr zu fürchten. „Ballet Imperial“ zu Tschaikowskys 2. Klavierkonzert schuf Balanchine 1941, als Petersburgs akademischer Prunkstil im Westen noch keineswegs selbstverständlicher Teil des Ballettlebens war.

60 Jahre später wirkt die brillante Aneinanderreihung von Bravourstücken, nobler Pose und wirbelnden Gruppenfomationen ziemlich hohl. „Ballet Impérial“ präsentiert die Formelhaftigkeit des klassischen Tanzes; ohne die erzählende Dramatik, ohne das Märchenhafte bleibt es vor allem Musterschau. Auch wenn Diana Vishneva die Bühne stupend beherrscht, wenn die Anspielungen auf Marius Petipas unsterbliche Werke nur so prasseln – echtes Leben will sich nicht zeigen. So ist das Beste an diesem Neo-Klassiker, dass die Bühne endlich einmal nicht verstellt ist von zopfigen Kulissen, sondern dass die ohnehin für großes Ballett zu kleinen Bretter der Staatsopernwelt den kristallinen Ballett-Eruptionen uneingeschränkt zu Füßen liegen. Diesen Freiraum wünscht man sich öfters.

Nacho Duato hatte ihn sich schon am Anfang des dreiteiligen Abends genommen. In seiner titelgebenden Choreographie „Without Words“ interpretiert er auf feinfühlige Weise sechs Schubert-Lieder in Transkription für Cello und Klavier. Die Gesanglichkeit der Vorlage überträgt der vielfach geehrte spanische Tanzschöpfer in sinnliche Linien, zarte Gesten des Anschmiegens, Verbergens und der Hingabe. Den Liedthemen – Liebe, Vorwitz, Vergänglichkeit, Sehnsucht – nachempfunden, ist das Stück für vier Paare (darunter Beatrice Knop und Vladimir Malakhov, deren virtuoser Stil sich zum Biedermeierlichen nicht recht fügen mochte) von seligem Schwingen und Gleiten, vom zarten Rieseln romantischer Innigkeit charakterisiert. Vor allem Sarah Mestrovic und Michael Banzhaf überzeugten in Duatos Stück durch die Feinheit ihres getanzten Schubert-Tons.

Zwischen diesen beiden durchaus gefälligen Arbeiten gab es die mit Spannung erwartete Uraufführung des Abends. Sie hatte viel deutsche Ballettprominenz in die Hauptstadt gelockt. Der junge Hauschoreograph des Stuttgarter Ballett, Christian Spuck, hat sich für neun Tänzer eine Verdichtung von Anton Weberns „Fünf Sätze op. 5“, gesetzt für kleines Streichorchester, vorgenommen. Dabei gestattet Spuck nichts Gemütvolles. Er zeigt den Tanz an seinen Grenzen, ebenso wie er den Raum der Bühne in einem Reich der Düsternis verebben lässt, der immer wieder Tänzer freigibt, nur um sie alsbald wieder zu verschlingen.

„this-“ ist inspiriert von Texten Samuel Becketts. Dessen Prosa über die Unmöglichkeit von Kommunikation inspiriert in letzter Zeit Choreographen unterschiedlichster Stilrichtungen zu überaus dichten Tanzstücken. Auch Christian Spuck ist diesen kurzen Weg zum Verstummen gekonnt gegangen.

Am Anfang ist die Bühne leer, in einem Fenster hinten steht jemand wie angewurzelt auf dem Boden und rudert mit den Armen. Davor liegen fünf Podeste in grell-kaltem Lichtkegel. Wer auf dieser Fläche Platz nimmt, wird vom Licht fast zerfressen. Daneben beginnt sofort die Dunkelheit. In kurzen, teils stummen Duetten, Gruppenbildern, dann wieder Solo-Sequenzen umkreist man das Thema des Schwankens, Fallens, des verlorenen Gleichgewichts. Tänzerinnen sinken einfach hin, plötzlich kommt aus dem Nichts eine Hand und stützt sie.

„this-“ ist ein Ringen um Annäherung und Halt, um Selbstvergewisserung. Und immer endet die Musik schon vor der Linie, immer bleibt der Tanz allein gelassen. Ein unheimliches Stück, in dem Nadja Saidakova durch reduzierte, verendende Solopassagen beeindruckt. Spuck lässt solche Bilder stehen; sie machen das Verstummen und Auslauten fast schmerzvoll deutlich. Und während die Podeste des Anfangs schon längst weggeräumt sind und Stoffbahnen den Raum immer weiter verengen, stehen zuletzt die Tänzer hinten im Wandausschnitt – am Boden festgenagelt, mit den Armen rudernd. Sie müssen das Tanzen einstellen.

Weitere Aufführungen: 6., 9., 17. Mai

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