Kultur : Der lachende Dritte

Dem Komponisten Mauricio Kagel zum 75.

Frederik Hanssen

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte – es gibt wohl nur wenige Menschen, die dieses Sprichwort so konsequent zu ihrem Lebensmotto gemacht haben wie Mauricio Kagel. In deutschen Nachkriegszeiten, als man entweder dafür oder dagegen sein musste, politisch wie ästhetisch, stand der aus Argentinien eingewanderte Komponist stets lächelnd am Rand der Schlachtfelder, auf denen sich die Intellektuellen die Köpfe heiß redeten. Dogmatismus kam Mauricio Kagel schon immer komisch vor. So wie das Leben an sich.

Vielleicht liegt es an seiner Herkunft: Am Heiligabend 1931 wird er in Buenos Aires in eine deutsch-russischjüdische Bildungsbürgerfamilie mit linksliberalen Ansichten hineingeboren. Entwurzelte Freigeister also waren die Kagels, und auch Mauricio Raúl wählt nie den geraden Weg: Er nimmt privat Musikunterricht, wird aber nicht am Konservatorium zugelassen. Also studiert er Philosophie und Literatur, stößt 1949 zum Avantgarde-Ensemble Agrupación Nueva Musica, versucht, ein Studio für elektronische Musik zu gründen, und nimmt 1955 als Brotberuf eine Chorleiterstelle am Teatro Colon an. Parallel arbeitet er als Redakteur für Film und Fotografie beim „Journal nueva visión“.

Ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes bringt 1957 die entscheidende Wende in seinem Leben: In Köln lernt Kagel die fantastischen Arbeitsmöglichkeiten kennen, unter denen Komponisten in Deutschland neue Klänge erforschen und lässt sich für immer am Rhein nieder. Mit der Chuzpe des Alleskönners profiliert er sich auf fast allen Gebieten der zeitgenössischen Kunst: „Staatstheater“, seine Satire auf den subventionierten Bühnenbetrieb von 1967, wird zu seinem größten Erfolg. In dem Film „Ludwig van“ nimmt er die Kommerzialisierung der Feierlichkeiten zum 200. Beethoven-Geburtstag 1970 aufs Korn. Sein Hörspiel „Ein Aufnahmezustand“, ebenfalls 1970 entstanden, gilt als moderner Klassiker und ist neben dem Beethoven-Film Teil der Geburtstagsedition, mit der das noble CD-Label „Winter & Winter“ den Tonkünstler zum heutigen 75. Geburtstag ehrt.

„Kagel plays and sings“ heißt die Box mit zwei CDs und DVD, denn keiner interpretiert seine Stücke besser als der Schöpfer selber: Schließlich werden bei Kagels „instrumentalem Theater“ nicht nur die Notenwerte, sondern auch Mimik, Gestik und Aktionen der Ausführenden genau festgelegt.

Wie auch viele politische Kabarettisten neigt Mauricio Kagel im Alter dazu, die Worttüftelei ins Extrem zu treiben: „Es war mir aufgefallen, dass die Anhäufung von kurzen, sinntragenden Vokabeln, mit ein wenig Singsang ausgesprochen, verblüffend ,chinesisch’ klangen: „Hau ab! Pass auf! Lass mich!“ erklärt er zu einem seiner jüngsten Werke, „Quirinus’ Liebeskuss“. Zwar gelang es ihm nicht, eine Textvorlage in dieser Art aufzutreiben, dafür brachte ihm ein Freund die Gedichte des exzentrischen Barockpoeten Quirinus Kuhlmann, die fast nur aus Einsilbern bestehen. „Ich hatte meine Textvorlage gefunden, fern jeder Chinoiserie, aber nicht minder verspielt.“ Eine Aufnahme der Vertonung mit dem Nederlands Kamerkoor und dem Schönberg Ensemble unter Reinbert de Leew hat das Label „Winter & Winter“ Mauricio Kagel nun ebenfalls zum Geburtstag geschenkt.

Das Arsenal im Filmhaus am Potsdamer Platz zeigt „Ludwig van“ am 27. und 30. Dezember sowie die Musikfilme „Match für drei Spieler“ und „Halleluja“ am 29. Dezember, jeweils um 19 Uhr.

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