Kultur : Der lange Marsch ins Kochstudio

Joachim Geil fragt mal wieder, ob das richtige Leben im falschen nicht doch möglich ist.

Gisa Funck

Die rebellische Jugend der Sechziger hatte das Altern nie auf dem Plan. Doch nun welken sie, die einstigen Revoluzzer, und sind im System angekommen. Was tun? Diese Frage stellt nun ausgerechnet ein Autor, der 1970 geboren wurde, aber schon Erfahrung damit hat, sich in die Seelenlage einer älteren Generation einzufühlen. In seinem Debütroman „Heimaturlaub“ (2010) erzählte Joachim Geil von einem Wehrmachtssoldaten, der an der Ostfront ungewollt zum Kriegsverbrecher wird.

Nun also die Achtundsechziger. Bisher schrieben vor allem die Aktivisten über sich selbst: Uwe Timm, Peter Schneider, Erasmus Schöfer oder Bernd Cailloux. 1968 ist literarisch immer noch generationsbesetztes Terrain. Und wenn nachgeborene Autoren einmal auf die APO-Eltern zu sprechen kommen, dann in der Regel spöttisch. In den Büchern von Michel Houellebecq, Florian Illies oder Rainer Merkel treten sie als egoistische Besserwisser auf, die mit ihrem Ruf nach Freiheit vor allem die Befreiung von eigener Verantwortung meinen.

Geils alternder „Edelpenner“ Ernst Ewald Tischler wirkt sympathischer. Zwar protzt auch „Ernesto“ (wie ihn Freundin Uschi nennt) mit früheren, teils erfundenen Heldentaten. Trotzdem ahnt er früh, dass die Wortführer der Studentenrevolte oft weniger am kollektiven Wohl als am privaten „Schwanzvergleich“ interessiert waren. Oder, wie er seinem Mitstreiter Ulf erklärt: „Weißt du, ich habe all diese Kackärsche satt, die sich in Grüppchen organisieren, irgendwelche bürokratische Regeln aufstellen, sich zu Kadern erklären und dann die anderen abkanzeln. Dieses ganze maoistische Pack. Alles autoritäre Strukturen, und ich bin gegen autoritäre Strukturen.“

Wie in „Heimaturlaub“ erzählt Geil in Rückblenden. Denn der mittlerweile 61-jährige Tischler ist unheilbar an Krebs erkrankt. Nun will er sich bei einem „Auftritt“ in einer Fernsehkochshow ein letztes Mal Gehör verschaffen und zieht auf dem Weg ins TV-Studio bittere Bilanz. Nichts sei besser geworden, klagt er mit Blick auf die Gegenwart. Die Fußgängerzone wimmelt vor „Konsumtierchen“. Und im Cafe schlägt ihm der „Odem der Dummheit“ entgegen. Tischler ist zum Misanthropen geworden: „Alle gleich. Alle gleich beschissen.“

An der Frankfurter Uni hatte sich Tischler einst in die linksradikale Uschi verguckt. Ihr zuliebe war er auf Demos mitgelaufen und einer agitatorischen Theatergruppe beigetreten. Doch während Uschi in den bewaffneten Untergrund abtauchte, blieb Tischler ein „Theoretiker der Revolution“. Die Erschießung Benno Ohnesorgs, Antivietnamkriegsdemos, das Dutschke-Attentat, der Stammheim-Prozess: Vordergründig geht der Veteran noch einmal die entscheidenden Stationen durch. Tatsächlich jedoch ist sein Bericht ein wilder Erinnerungstrip. Denn so stringent sich die Rahmenhandlung auf der Gegenwartsebene zum Showdown im Kochstudio entwickelt, so sprunghaft und abschweifend sind Tischlers Gedanken.

Nicht genug, dass er gleich mehrere Proben seiner alten Theatergruppe schildert (die Peter Weiss’ Revolutionsstück „Marat/Sade“ einstudiert). Er rekapituliert auch seitenlang Uschis Familien- und Heimatdorfgeschichte. Zudem führt der ehemalige Adorno-Schüler ein surrealistisch anmutendes Traumtagebuch und kann sich erstaunlich gut an frühere Drogenräusche erinnern. Kurz: Im Bestreben, die Proteststimmung jener Jahre einzufangen, wirkt „Tischlers Auftritt“ (mit dessen Niederschrift Geil schon vor „Heimaturlaub“ begonnen hatte) stellenweise überfrachtet. Dennoch liest man den Roman gebannt, weil er um die alte Frage kreist, ob ein richtiges Leben im falschen nicht doch möglich ist.

Mit der Nebenfigur des Onkel Willi bietet der Roman außerdem eine charmante Antwort. Denn für Willi, den ehemaligen Wehrmachtsdeserteur, war Widerstand nie ein politisches Programm, sondern immer eine Lebenshaltung. Ähnlich wie Haseks braver Soldat Schwejk verfügt auch er über ein unerschöpfliches Reservoir amüsanter Anekdoten – und entzieht sich schelmisch jeder Vereinnahmung.

Seinem Lieblingsneffen Ernst rät der lebenskluge Hedonist: „Wenn eine Bewegung nur noch aus Betonköpfen besteht, dann gibt’s Risse im Beton, dann rappelt’s im Karton, dann rollen wieder Köpfe. (...) Also, vergiss es. Mach was anderes. Lern was Ordentliches oder mach Hörspiele.“ Ein Ratschlag, den Tischler letztlich befolgt.

Er wird Hörspielautor und macht als Verfasser bildungsgesättigter Kochbücher Karriere. Die wichtigste Lektion seines Onkels aber begreift der „Naschrebell“ tragischerweise zu spät: Der nachhaltigste Widerstand ist jener der kleinen Gesten und Genüsse. Gisa Funck

Joachim Geil:

Tischlers Auftritt.

Roman. Steidl Verlag, Göttingen 2012.

475 Seiten, 22 €.

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