Kultur : Der lange Schatten

Die Welt der Wiener jüdischen Kunstsammler ging 1938 unter. Doch die Odyssee der von den Nazis geraubten Schätze geht weiter – bis heute

Bernhard Schulz

Serena Lederer trat stets als Grande Dame der Wiener Gesellschaft auf. Als Anfang 1918, nach dem Tod des Malers Gustav Klimt, 200 Zeichnungen aus dessen Nachlass ausgestellt wurden, ließ sie sich in die Galerie chauffieren und den verdutzten Kunsthändler die Preise sämtlicher Blätter addieren. „Gekauft! Schicken Sie mir alles in die Bartensteingasse!“, war ihre knappe Anweisung.

Das dortige Palais der Sammlerin existiert noch; der 1715 erbaute Landsitz der Familie Lederer in einem Vorort von Wien wurde hingegen Anfang der Siebzigerjahre von der Gemeinde abgerissen und durch ein Kinderheim ersetzt. Auch das ist typisch für den Umgang des offiziellen Wien mit dem Erbe seiner jüdischen Sammler. Nach dem erzwungenen „Anschluss“ an das Deutsche Reich im März 1938 wurde ihr Besitz enteignet. Kunstwerke und bewegliche Habe wurden veräußert, Immobilien „arisiert“. Nach dem Kriegsende empfand sich Österreich als Opfer der NS-Eroberungspolitik. Scheinbar herrenloses Gut ging in den Besitz der wiederbegründeten Republik über. Kunstwerke ersten Ranges landeten in Museen, etliche mit Widmungen ihrer einstigen Besitzer versehen, denen sie nach 1945 zurückgegeben, durch gleichzeitiges Ausfuhrverbot aber faktisch ein zweites Mal enteignet und für geringe Summen abgekauft worden waren.

Doch die Vergangenheit lässt sich nicht auf ewig verdrängen. 1996 wurden 8000 Objekte, für die keine Erben ausfindig gemacht werden konnten, zugunsten der Israelitischen Kultusgemeinde versteigert, der Dachorganisation der jüdischen Gemeinden in Österreich. Die Auktion dieses „Mauerberg-Schatzes“ übertraf mit umgerechnet 12 Millionen Euro die Schätzwerte deutlich. Damit glaubte sich Österreich von aller Nazi-Last befreit. Doch 1998 erlebte es die Öffentlichkeit als Schock, als zwei an New Yorker Museen ausgeliehene Gemälde per Gerichtsbeschluss beschlagnahmt wurden. Nachfahren der Eigentümer hatten Erbansprüche geltend gemacht. Österreich wurde bewusst, dass hinter vermeintlich einwandfreien Besitztiteln auch von Museen das Unrecht der NS-Zeit verborgen liegt. Soweit es staatliche Einrichtungen – vor allem Bundesmuseen – betrifft, wurde die Rückgabe von Kulturgütern mit zweifelhafter Provenienz noch 1998 gesetzliche Pflicht.

Seither tritt das wahre Ausmaß der Teilnahme österreichischer Behörden an der auf die „Ostmark“ ausgedehnten Judenverfolgung des NS-Regimes immer deutlicher zutage. Das jüngste, beeindruckende Ergebnis der neueren Forschungen ist das von Sophie Lillie erstellte, unlängst erschienene „Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens“ unter dem Titel „Was einmal war“. Das Inventar von 148 privaten Sammlungen – großen wie jener von Serena Lederer und ihrem Mann August, aber auch kleineren, die kaum einem Kenner mehr geläufig sind – hat die 33-jährige Kunsthistorikerin rekonstruiert: aus den Akten von Behörden und vor allem Finanzämtern, die die Enteignung mit bürokratischer Präzision durchführten und protokollierten. Zu erahnen ist damit auch die enorme Zahl der Schreibtischtäter, die in den Prozess der materiellen Auslöschung der Wiener Juden einbezogen waren. Nicht von Nacht-und-Nebel-Aktionen der Gestapo handelt Lillies 1440 Seiten starkes Buch, sondern vom Alltag der Bürokratie, die willfährig, ja übereifrig die Direktiven der neuen Machthaber ausgeführt hat.

„Die Sammlung August und Serena Lederer ist als die wichtigste und größte Privatsammlung des Werkes von Gustav Klimt in die Kunstgeschichte eingegangen“, urteilt Sophie Lillie knapp. Drei Jahre hat sie an ihrem magnum opus gearbeitet – ohne Auftrag, ohne entsprechende Anstellung. Sie tat es, sagt sie im Gespräch, „weil ich das Unrecht klar gesehen habe.“ Und will beim Thema bleiben: „Es gibt keine Alternative.“

Zwei der drei skandalumwobenen Wandgemälde Klimts für die Wiener Universität zählten zur Sammlung Lederer. Auch und vor allem der Beethoven-Fries, den Klimt 1901/2 für das Gebäude der „Secession“ geschaffen hatte; dazu ein Dutzend Gemälde und mindestens 200 Zeichnungen. Ein Großteil der Sammlung, die 1939 beschlagnahmt und 1944 ausgelagert worden war, ist vermutlich bei Kriegsende verbrannt. Der Beethoven-Fries als eines der wenigen über die Zeit geretteten Werke wurde seit 1950 mit Ausfuhrverbot belegt und damit für den emigrierten Sohn des Sammlerpaares Lederer unerreichbar. Der österreichische Staat erwarb das in Österreich zwangsverbliebene Werk im Jahr 1973. Einige Alte Meister wurden 1999 aufgrund der neuen Rechtslage aus Museumsbesitz an die Erben restituiert.

Die Geschichte der Sammlung Lederer ist exemplarisch. Die künstlerische Avantgarde Wiens, voran die Maler Gustav Klimt und der eine Generation jüngere Egon Schiele, zugleich aber die „Wiener Werkstätte“ der Architekten-Gestalter Josef Hoffmann und Kolo Moser, fanden ihre engagiertesten Unterstützer und Sammler im Großbürgertum wohlhabend gewordener Industrieller. Sie waren zumeist jüdischer Herkunft. In der Regel handelte es sich dabei um assimilierte und bisweilen konvertierte Juden, wie Tobias Natter belegt, der in seinem Buch „Die Welt von Klimt, Schiele und Kokoschka“ die Zeit der Wiener Sammler und Mäzene wieder auferstehen lässt: „Wer sich in Wien um 1900 als ,jüdischer’ Sammler verstand“, so der Autor, sammelte Bilder „mit gemütvollen Darstellungen aus der Welt des Ostjudentums“. Nicht in Frage kamen für sie die skandalträchtigen Bilder von Gustav Klimt und anderen Vertretern der Avantgarde.

Es war eine verschworene – und eben auch verschwisterte und verschwägerte – Gemeinschaft, die die modernen Künstler förderte. Emil Lederers Tante Jenny Steiner zählte dazu. Sie erwarb 1916 von Egon Schiele dessen Gemälde „Landschaft in Krumau“ und schenkte es ihrer Tochter Daisy Hellmann. Das Ehepaar Hellmann konnte unmittelbar nach dem „Anschluss“ flüchten. Ihr Kunstbesitz wurde enteignet und in Teilen von der Vugesta, der „Verwertungsstelle für jüdisches Umzugsgut der Gestapo“, 1942 im Auktionshaus Dorotheum zur Versteigerung gebracht. Dort erwarb ein Kunsthändler das Schiele-Bild und veräußerte es Jahre nach dem Krieg an die Stadt Linz für ihre „Neue Galerie“. Eine Restitution, die die Hellmanns 1947 nach dem „Dritten Rückstellungsgesetz“ der wiederbegründeten Republik Österreich beantragten, wurde wegen gutgläubigen Erwerbs des Kunsthändlers abgewiesen. Erst im Jahr 2002 bequemte sich die Stadt Linz auf Grund der eindeutigen Sachlage, das Schiele-Bild an die Erben des Ehepaars Hellmann zurückzugeben. Im vergangenen Jahr erzielte die „Krumauer Landschaft“ in London den Schiele-Rekordpreis von 11,3 Millionen Pfund.

Für einen noch höheren Preis wechselte Gustav Klimts „Landhaus am Attersee“ von 1914 den Besitzer: 26 Millionen Dollar, erzielt vor zwei Monaten in New York. Das Bild hatte Jenny Steiner gehört, deren Eigentum das Wiener Finanzamt Innere Stadt im Oktober 1938 eingezogen hatte. 1950 wurde ihr das Schiele-Gemälde „Mutter mit zwei Kindern“ zugesprochen, doch zugleich mit Ausfuhrverbot belegt, so dass die inzwischen 87-jährige Eigentümerin es für 20000 Schilling der Österreichischen Galerie Wien verkaufte. Das Museum zählt zu den Hauptnutznießern der nach dem Krieg verhängten Ausfuhrverbote – die, so lässt sich heute urteilen, gegen jede tatsächliche Rückgabe gerichtet waren. So ist mit den Erben der Familie Bloch-Bauer – gleichfalls bedeutende Klimt- Sammler und -Förderer – ein Rechtsstreit um sechs Gemälde anhängig. Das „Landhaus am Attersee“ freilich, das zunächst als Leihgabe, später als Schenkung ins Haus kam, gab der österreichische Staat als Träger dieses Bundesmuseums aufgrund seines Rückgabegesetzes von 1998 an die Erben zurück.

Sophie Lillies Buch verzeichnet zahllose solcher Einzelschicksale, die bisweilen in Nachrichten vom aktuellen Auktionsgeschehen ihre Fortsetzung finden. Oder aber ungelöste Fragen aufwerfen: So zählt Egon Schieles Gemälde „Häuser am Meer“ aus der Sammlung Jenny Steiners heute zu den Glanzstücken des Leopold Museums, das der Staat für die von ihm erworbene, allerdings in der Rechtsform einer Privatstiftung geführte Sammlung Leopold im Wiener „Museumsquartier“ errichtet hat. Sie fällt daher nicht unter die Gültigkeit des Bundesgesetzes. Rudolf Leopold beruft sich bei all seinen Erwerbungen, die er mit beneidenswerter Kennerschaft seit den frühen Fünfzigerjahren getätigt hat, auf Gutgläubigkeit. In der Tat war die Geschichte der jüdischen Sammler Wiens damals vergessen, ihre Spuren durch Beschlagnahmung und Weiterveräußerung getilgt.

Doch eben nicht vollständig: Sophie Lillie hat die Gemälde für die Mauersbach-Auktion 1995 noch in ihrer ursprünglichen Verpackung gesehen, auf den Rückseiten „Galeriezettel und Arisierungsvermerke“: „Das hat damals niemanden interessiert“. Die Kunsthistorikerin begann, sich für das Thema zu interessieren und entdeckte, dass die gängige Behauptung, es gebe keinerlei Unterlagen, grundfalsch ist. In Wien fand sie rund 50000 „Vermögensanmeldungen“, die nach dem „Anschluss“ vorgeschrieben waren, und mehr als 100000 Akten der Finanzlandesdirektion Wien, Niederösterreich und Burgenland. Dazu 16500 Ausfuhrersuchen von jüdischen Eigentümern, die geflohen waren oder verzweifelt zu emigrieren suchten. Nach Kriegsbeginn 1939 – anderthalb Jahre nach dem auf dem Heldenplatz begeistert gefeierten „Anschluss“ – verblieben bei Wiener Speditionen 5000 so genannte „Umzugslifts“, also für die Ausfuhr freigegebenes Umzugsgut. Diese Lifts wurden 1941 qua Verordnung „zugunsten des Deutschen Reichs“ enteignet, Kunstobjekte über das Dorotheum versteigert oder im Freihandverkauf verschleudert.

Doch die Sammler moderner Kunst, wie sie Tobias Natter in seinem Buch porträtiert, waren in der Minderzahl. In der Regel handelte es sich bei den Eigentümern nicht im eigentlichen Sinne um Sammler, sondern um wohlhabende Bürger, die ihre Wohnungen standesgemäß ausstatteten. Hoch im Kurs standen Künstler des 19. Jahrhunderts wie etwa der Vedutenmaler Rudolf von Alt, den auch Hitler bewunderte. Die vermögendsten Sammler bevorzugten Renaissance und Barock – wie auch die Sammler, die MuseumsGeneraldirektor Wilhelm von Bode im Berlin der späten Kaiserzeit beriet. Der Berühmteste aus dieser Oberschicht der Wiener Sammler war Alphonse Rothschild, dessen in Lillies Buch abgedrucktes Sammlungsinventar 3444 Positionen umfasste. 1999 gelangten die restituierten Stücke – Rothschilds Sammlung war die erste Rückgabe nach dem neuen Bundesgesetz – in London zur Auktion. Die Welt der jüdischen Wiener Sammler ist Vergangenheit.

Sophie Lillie: Was einmal war. Handbuch der enteigneten Kunstsammlungen Wiens. Czernin Verlag, Wien 2003. 1440 S., 354 Abb., 69 €. Tobias Natter: Die Welt von Klimt, Schiele und Kokoschka.Sammleru.Mäzene.DuMont Verlag, Köln 2003. 304 S., 280 Abb., 49,90 €.

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