Kultur : Der letzte Dreh

CHARLES LEWINSKY hat eine Romanbiografie über den Berliner Leinwandstar Kurt Gerron geschrieben. Sie liest sich wie eine Filmgeschichte der Weimarer Republik – und wie ein Stück Shoah-Literatur

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Er war ein gefeierter Star, ein Entertainer, ein Berliner Original und Mädchen für alles in den Studios von Babelsberg. Jetzt ist er nur noch der letzte Dreck und wartet auf seine Deportation – Kurt Gerron. Doch die SS braucht ihn noch für ihre letzte Perfidie. Ausgerechnet er, im Ghetto eingesperrt und als Jude beim deutschen Lichtspiel verfemt, soll im Auftrag des Theresienstädter Lagerkommandanten Rahm einen Film drehen über das angebliche Vorzeigelager der Nazis im besetzten Tschechien. Soll der Welt noch einmal die Dorfidylle vorgaukeln, mit der zuvor bereits eine Kommission des Internationalen Roten Kreuzes an der Nase herumgeführt worden ist. Soll die himmelschreiende Wirklichkeit der zum Abtransport nach Auschwitz Bereitgehaltenen umlügen in Heile-Welt-Propaganda mit Happy End.

Der Ideengeber ist die SS. „Jeden Tag wird hier etwas geboten. Kabarett. Schauspiel. Konzert. Sogar Oper. Ich habe ,Carmen’“ inszeniert. Ohne Orchester natürlich. Es war gar nicht so einfach, das Klavier auf den Dachboden zu hieven. Wir spielen oft auf Dachböden. Wir wollen hoch hinaus… Als ob irgendetwas, das wir hier tun, wirklich wäre. Als ob wir uns hier wirklich selber verwalteten. Wirklich zu essen bekämen. Wirklich eine Zukunft hätten. Wirklich lebten. Aber sie haben den Titel schon festgelegt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet… Theresienstadt ist jüdisches Siedlungsgebiet. Als ob.“

Das ist die Ausgangssituation für den Roman des Schweizer Schriftstellers Charles Lewinsky, dessen Figuren und deren Ende alles andere als frei erfunden sind. Kurt Gerron, 1897 in Berlin geboren, starb 1944 in Auschwitz. Lewinsky bringt einen Mann zum Sprechen, der die Film- und Theatergeschichte der Weimarer Republik mitgeprägt hat, der zu den wichtigsten Gesichtern des deutschen Kinos bis 1933 gehörte. Ohne Rührseligkeit errichtet er ihm ein ergreifendes Denkmal in Form eines langen Monologes, den das Ego des (Anti-)Helden vor sich selber hält, binnen weniger Wochen, in denen er den Film drehen soll. Der nicht zuletzt wegen seines Schicksals in der NS-Zeit nahezu Vergessene bekommt dadurch eine unverwechselbare Stimme, die bei seinen Erinnerungen an das eigene Leben und an das Kino als Lebensform immer wieder von der Brutalität der Lagergegenwart heimgesucht wird.

Dem ist nur noch mit zynischer Vernunft beizukommen. So redet sich Gerron die Schmach, der er ausgesetzt ist, die auf ihm lastende Todesangst sarkastisch von Leib und Seele, ohne sie doch bändigen zu können. Die Niedertracht der Vernichtungsmaschinerie sitzt ihm im Nacken, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch er ihr zum Opfer fällt. Um das vermeintlich Unabwendbare hinauszuzögern, hilft höchstens Zeit schinden. Kurt Gerron tut es zähneknirschend, mit dem Selbstbehauptungswillen des Hoffnungslosen. Dennoch lügt er sich nichts vor. Macht sich in seiner Erinnerung nicht besser oder schlechter, als das Leben mit ihm umgegangen ist.

Immer wieder kreist er um das eine Medium, das ihm Lebensinhalt war: den Film, das Rollenspiel, die Inszenierung. Dass die Wirklichkeit kein glückliches Ende kennen wird, ist für Gerron kein Grund, es aus seinen Inszenierungen zu verbannen. Drehplan und Schneideraum sind sein Element: „Ich habe immer Qualität geliefert. Das kann mir keiner nehmen. Reelle Ware fürs Geld. Sorgfältig bemalt, in den Farben der Saison. Unzerbrechlich und stoßfest. Habe produziert, was bestellt war. Wer das wahre Leben kennt, will im Kino Happy End. Die Wirklichkeit war nur dazu da, um den Puderzucker eines Lachers darüberzupusten. Damit sie vor Vergnügen strampelten im Gloriapalast. In einer Zeit, wo das ganze Land pleite ging, buchstabierten wir bankrott, als ob es kein lustigeres Wort geben konnte… Hier können wir stattdessen Hunger buchstabieren. H wie hilflos, U wie unterernährt, N wie nichts zu fressen. Und dann ein fröhliches Liedchen singen. Das hat schon bei der Ufa von miesen Drehbüchern abgelenkt.“

Charles Lewinsky legt es Gerron unaufdringlich in den Mund: Schon das Engagement fürs Kino ist einer schiefen Wirklichkeit entsprungen, die aus den Fugen geraten war. Einer Generation von „Notabiturienten“ entstammend, die sich sinnlos für die flandrischen Schützengräben opferte, kehrt Gerron aus dem Ersten Weltkrieg nicht ohne lebenslang peinigende Beschädigung zurück – und ein Eisernes Kreuz II, das ihm den Vorzug einbringt, nicht gleich nach Auschwitz verschickt, sondern in Theresienstadt zwischengelagert zu werden.

Mit seiner Versehrung, die ihn zu Fettleibigkeit verurteilte, hatte er sich vor den Augen der Öffentlichkeit im Rampenlicht der Bühne verstecken können. Im Lauf seiner Karriere lernte er sie schließlich alle kennen, die Rang und Namen in der Kulissenwelt der Weimarer Zeit hatten. Selten bleibt ein gutes Haar an ihnen: Bertolt Brecht, der ihn in der Pariser Emigration einen „Haufen Scheiße, den nicht einmal Hitler hat wegräumen können“, genannt hat, auch wenn die Mackie-Messer-Moritat aus der „Dreigroschenoper“ in Gerrons Interpretation für beide zur großen, nur für Gerron letztlich fatalen Nummer geworden ist.

Heinz Rühmann, ein „Kumpel“ aus Ufa-Tagen, der ihn im Stich lässt, als er sich im Ghetto von Amsterdam Hoffnung macht, dass ihn der Goebbels-Günstling doch noch aufsucht und ein Wort für ihn einlegt. Max Schmeling, der wider Willen für die SS-Karriere eines im Boxsport Gescheiterten sorgt. Und Peter Lorre, der ihm, Gerron, fast sicher noch nach Amerika geholt hätte, zum Dank für eine lebensrettende Dosis Morphium – hätte Gerron nicht im entscheidenden Moment auf stur geschaltet.

Mit all diesen Geschichten und Details bildet Lewinskys Buch auch so etwas wie ein Mediengedächtnis des alten Ufa-Berlin: „Gerade weil es keinen mehr interessiert, ob ich im ,Blauen Engel’ mitgespielt habe oder nicht, gerade weil niemand mehr die alten Geschichten hören will, wer mit wem und wer gegen wen, an welchen Tisch man sich in der Ufa-Kantine setzen muss und an welchen auf gar keinen Fall, gerade weil das alles so weit weg ist und so total unwirklich, gerade weil mir niemand ein Stück Brot dafür gibt, gerade deshalb brauche ich es. Ich kann mir nur noch mit Erinnerungen beweisen, wer ich bin. Wer ich einmal war.“

„Gerron“ ist, ohne dass Charles Lewinsky dies hervorheben müsste, als Biografie und erinnerte Filmgeschichte auch ein Stück Shoah-Literatur. In der Figur des Komikers, der den Nazis die Pointen ihres miesen Spiels zu klauen sucht, wetteifert der Roman in gewisser Weise mit Benignis Film „La vita è bella“ oder Radu Mihaileanus „Train de vie“. Der von Gerron unter ständiger SS-Bewachung tatsächlich gedrehte Film über Theresienstadt spielt auf andere Weise eine tragende Rolle in W.G. Sebalds Romanrecherche „Austerlitz“. Worin sich Kurt „Gerron“ unterscheidet, das ist die Konzentration auf die reale Hauptfigur, die allen Widerständen zum Trotz für sich erzählen will.

Gerron will unterhalten, sich, die Mithäftlinge, die SS-Leute, ohne das Grauen aus dem Blick zu verlieren. Der letzte Film, den er dreht, ist ihm, so absurd das klingen mag, zugleich der letzte Ausweg, etwas von seiner Würde zu bewahren: „Man atmet anders, wenn man auf der Bühne steht.“ In der Unterhaltung mit sich selbst findet Gerron zur Zwiesprache mit seinem Gott: dem Film, der ihm die tödliche Wirklichkeit nicht geradebiegen wird.

Charles Lewinsky: Gerron. Roman.

Verlag Nagel & Kimche, Zürich 2011.

544 Seiten, 24, 90 €.

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