Kultur : Der Letzte löscht das Licht

Zum Abschluss des Berliner Tanz-Winters präsentiert die Gruppe Les Carnets Bagouet „Matière première“

Franz Anton Cramer

Der diesjährige Tanz-Winter im Hebbel-Theater, jenes vor 13 Jahren gegründete Festival, wird wohl der letzte gewesen sein. Zumindest aber der letzte unter Leitung von Intendantin Nele Hertling, die den Schlüssel zur kommenden Spielzeit an ihren Nachfolger Matthias Lilienthal übergibt - weshalb ein wenig nostalgische Rückschau auf die in über einem Dutzend Jahren geleistete Arbeit beim Betrachten des Programms mitschwingt. So ist es kaum ein Zufall, dass im Februar 2003 der Tanz-Winter wenig jugendlichen Überschwang bot, sondern eher (Solo-)Stücke älterer Tänzer; dass das Programm also vom bitteren Ernst des Lebens geprägt schien.

1992 starb Dominique Bagouet. Der frühe Tod des französischen Choreographen markiert bis heute ein Trauma der Tanzszene jenseits des Rheins, sieht man in Bagouet doch einen der wichtigsten Wegbereiter des modernen Tanzes in Frankreich. Der Verein Les Carnets Bagouet hat sich zur Wahrung seines Angedenkens und zur Pflege seines choreographischen Erbes kurz nach Bagouets Tod gegründet. Mit einem Gedenkprogramm zum 10. Todestag des Meisters waren die Carnets jetzt im Hebbel-Theater zu Gast und gaben zugleich die Abschlussveranstaltung des Tanz-Winters.

Die zwölf in Rosa- und Orange-Schattierungen gewandeten Tänzer in „Matière première“ (zu deutsch Urstoff, Ausgangsmaterial) sind teils in reifem Alter. Sie gehen anfangs locker auf der Bühne umher, wie zum Aufwärmen. Zu einer wüsten Klangcollage von Klassik bis Klamauk beschäftigen sie sich dann gestikulierend mit sich selbst. Als wollten sie fragen: Kann man sich gegen die Fülle des Möglichen mit einer bestimmten Form behaupten?

Anscheinend nicht. Denn in der nun folgenden, gut einstündigen Aufführung zerfließt die choreographische Weihestunde zunehmend in fahrige Auftritte – einzeln, in Paaren, selten zu dritt. Die Tänzer schneiden Grimassen, erstarren zu albernen Posen, tanzen zu den Atemstößen eines bei allem gepflegt Traurigen unvermeidlichen Akkordeons und führen immerzu Sequenzen aus den Choreographien Dominique Bagouets vor: als zitathafte Aneignung, als behutsames Betasten, als ehrfurchtsvolles Verstehenwollen. Nur an ganz wenigen Stellen findet dieses tänzerische Parlando zu Glaubwürdigkeit, verdichtet sich zu persönlicher Ausstrahlung und kluger, formal gefasster Interpretation. Der Rest bleibt Befindlichkeit.

In einer hektischen Ensembleszene wuseln alle zwölf durcheinander, während mehrere Sätze über Bagouets Arbeitsweise, sich selbst wiederholend, über Lautsprecher abschnurren; darunter dieser: „Geschichten werden immer erzählt!“ Richtig. Es ist aber diese larmoyante Geschwätzigkeitsfalle, in die „Matière Première“, uraufgeführt vergangenen Dezember in Montpellier, hineintappt. Bis zum Ende. Da nämlich sind die Tänzer alle abgegangen, das Licht ist verloschen – bis auf ein blutrotes Rechteck in der Bühnenmitte. So viel Kitsch muss sein.

„Matière première“ beschließt ein Programm, in dem es unter vielfältigen Aspekten um die Bewahrung von Tradition ging und die Aneignung fremden Materials. Dominique Mercy etwa, altgedienter Tänzer bei Pina Bausch, hat mit dem schwermütigen Theaterhünen Josef Nadj ein Duett gezeigt, das auf allerhöchstem Niveau diesen Austausch-Prozess zeigte: wie ein Choreograph sich einem Tänzer gegenüber verhält, wenn beide schon die 45 überschritten haben. Für Aufgeregtheiten ist da kein Platz.

Anders präsentierte sich die Berliner Tanzszene. Von Tradition will hier ohnehin niemand etwas wissen. Aber vor lauter tagesaktueller Aufregung sind die Akteure inzwischen schon in einen Starrkrampf verfallen. Entscheidungen, gleich welcher Art – personal-, finanz- oder kulturpolitische –, werden nicht mehr gefällt, Gelder sind gesperrt, Spielpläne können nicht oder nur noch nach dem Zufallsprinzip entworfen werden. Gastspiele sind zu teuer, heimische Produktionen stagnieren. Die Künstler, vor allem die, welche das demnächt dem Hebbel-Theater zugeordnete Theater am Halleschen Ufer als Heimat hatten, stehen vor einem Scherbenhaufen.

Wohl denen, die, aus Frankreich kommend, Schutz und Segen einer verlässlichen Tanzförderung genießen. Der Tanz-Winter bot mit Catherine Diverrès, Carolyn Carlson, Nadj/Mercy, Les Carnets Bagouets ein schönes Panorama dessen, was durch kluge Tanzpolitik möglich ist. In Berlin dagegen wird, wenn alles so weiterläuft beim Ballett und der freien Szene, tänzerisch schon bald vieles unmöglich geworden sein.

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