Kultur : Der letzte Ton?

Abschied von den Berliner Symphonikern

Udo Badelt

Es liegt ein Schleier über der Philharmonie an diesem Sonntagnachmittag, an dem die Berliner Symphoniker ihr letztes Konzert geben, Ernüchterung. Noch einmal hat sich das treue Publikum in Scharen aufgemacht, um ein Ensemble zu hören, das jetzt als erstes der großen Berliner Orchester den Finanznöten zum Opfer gefallen ist. Schlangen vor den Kassen verzögern den Beginn, lang anhaltender Applaus empfängt die Musiker: Anerkennung für ein Ensemble, das als „Bürgerorchester“ fast vierzig Jahre Basisarbeit in Sachen Klassikvermittlung betrieben hat. Geschäftsführer Andreas Moritz ergreift das Mikro und fährt einen Frontalangriff auf die Berliner Kulturpolitik und ihren Umgang mit einer der wichtigsten Ressourcen dieser Stadt. Senator Thomas Flierl würde genau das, was ihm zur Rettung anvertraut sei, gezielt zerstören: „Sie werden heute Zeuge, wie ein wichtiger Teil des Berliner Musiklebens zertreten wird“.

Und dann zeigen die Symphoniker noch einmal, was sie drauf haben. Die Ouvertüre von Glinkas „Ruslan und Ludmilla“ klingt wie ein trotziges Anspielen gegen das Schicksal, von Piotr Borkowski aus Warschau scharf, präzise, geradezu schneidig dirigiert. Ihr folgt Tschaikowskys populäres Violinkonzert D-Dur, das dem 17-jährigen Edoardo Zosi vom Mailänder Konservatorium ein perfektes Forum bietet: Schnell, sicher, mit enormer Strahlkraft jagt sein Bogen über die Saiten und lässt vergessen, dass Tschaikowskys erster Solist 1879 das Werk für unspielbar hielt.

Nach der Pause ein überraschendes Beispiel traditionellen Bürgersinns: Ein Besucher kündigt spontan an, dass er 1000 Euro spenden werde, und fordert das Publikum auf, es ihm nachzutun. Die Berliner Symphoniker geben noch einmal ihr Äußerstes bei Antonin Dvoráks Symphonie „Aus der Neuen Welt“ und werden zu einem einzigen spannungsgeladenen, konzentrierten Körper. Die grandiose landschaftliche Weite in dieser Musik, die sich mit stiller Freude und Hoffnung abwechselt – gibt es sie auch für die berufliche Zukunft der Musiker? Minutenlang stehende Ovationen. Eine Stadt verneigt sich.

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