Kultur : Der letzte Walzer ist noch nicht getanzt

Sie sind Visionäre einer anderen Stadtplanung und wollen den Palast der Republik öffnen: die Urban Catalysts

Stefanie Müller-Frank

Der Lack ist ab, der Asbest entfernt. Vom Innenleben sind nur noch Zahnstocher übrig: Fünf Stockwerke mit dreizehn Restaurants, einer Diskothek, Theater, Bowlingbahn und dem berühmten Volkskammersaal – bis auf das Stahlträgergerippe ausgeweidet. Wäre der Palast der Republik ein überdimensionierter Ozeandampfer, er müsste sinken. So harrt er, am Schlossplatz gestrandet, wie ein Wrack der unvermeidlichen Sprengung.

Seitdem der Abriss vom Bundestag beschlossen ist, entfaltet der „Palazzo Prozzo“ allerdings eine ungeahnte Sogwirkung: Jeder möchte den Glanz des Untergangs ausschlachten, bevor es zu spät ist. Wie jüngst das Designerduo „Licht + Werk", das die ehemalige DDR-Volkskammer in Anlehnung an seinen Spitznamen „Erichs Lampenladen“ ein letztes Mal erleuchten wollte.

Zwar ist der Bund bereit, das Gebäude für eine kulturelle Zwischennutzung zu öffnen – aber nur wenn es den Staat nichts kostet. Da ist guter Rat teuer. Allerdings nicht zwangsläufig, behauptet das Studio Urban Catalyst, ein Team von fünf Architekten an der Technischen Universität. Sie haben ein Konzept entworfen, wie man ohne große bauliche Eingriffe und mit minimaler Investition sowohl die Grundinfrastruktur bereitstellen als auch für Sicherheit garantieren könnte – und hat großes Aufsehen erregt mit seiner von Kulturstaatsministerin Christina Weiss unterstützten Intiative einer befristeten Wiederbelebung.

Darüber ist die Gruppe mit dem merkwürdigen Namen ganz in Vergessenheit geraten. Wer sind diese Leute? Was bewegt sie, sich für das ungeliebte Bauwerk einzusetzen? Seit zwei Jahren setzt sich das von der EU geförderte Forschungsprojekt schon mit Alternativen zur klassischen Stadtplanung auseinander und ist spezialisiert auf die Zwischennutzung urbaner Brachflächen wie das RAW-Gelände am Ostbahnhof oder das Haus des Lehrers am Alexanderplatz. Für das denkmalgeschützte Hochhaus konnte zunächst kein Käufer gefunden werden, und so entschied sich der Bezirk, es unsaniert zu verpachten – statt es mit Bauzäunen absperren und verfallen zu lassen. Die 30 Zwischennutzer – vorwiegend Grafikdesigner, Filmproduzenten, Sound-Gestalter und Künstler, die hier ihre Existenz gründeten – entschleunigten den Prozess. Indem sie die vorgefundenen Räume und Materialen des Traditionshauses ,recycelten’, verlangsamten sie dessen Hinfälligkeit.

„Gerade wenn – wie in Berlin nach dem Fall der Mauer – der Zusammenbruch eines politischen Systems im Stadtbild Zwischenräume hinterlässt, die nicht sofort wieder besetzt werden können, greift die traditionelle, zumeist kapitalorientierte Stadtplanung nicht mehr“, erläutert Klaus Overmeyer, Mitbegründer des Forschungsprojekts. So herrschte in den Neunzigerjahren zwar eine große Euphorie unter den Stadtplanern, Berlin als Hauptstadt „wieder dicht zu machen". Doch längst können die vielen Brachflächen nicht mehr vom Markt absorbiert werden. Viele neu entstandene Bürogebäude stehen heute leer.

Die Idee, Immobilien nur noch temporär zu nutzen, ist dagegen attraktiv geworden. Bestes Beispiel für deren Erfolg ist die Berliner Clubkultur: Allein das WMF ist seit seiner Gründung 1991 nicht weniger als sieben Mal in Berlin-Mitte umgezogen, die Wiederverwendung von aufgegebenem DDR-Mobiliar, wie der gigantischen Bowling-Bar aus dem Palast der Republik, ist heute sein Markenzeichen. Nomadentum und Rotationsrecycling sind zu Daseinsprinzipien vieler Clubs geworden.

Die Architekten vom Studio Urban Catalyst haben vom WMF viel gelernt und einen Generalschlüssel entwickelt, der auf die unterschiedlichsten Projekte passt: Welcher Voraussetzungen bedarf es, damit eine Zwischennutzung überhaupt zu Stande kommt? „Mit Minimalintervention Räume zugänglich machen", so lautet für Overmeyer das „Sesam-öffne-Dich" kreativer Zwischennutzung. Für den Palast der Republik könnte das heißen: Rot-weiße Baustellenabsperrung statt teure Geländer, improvisierte Klohäuschen, keine optimierte Akustik und auch keine Heizung. Die Kosten für die Erschließung belaufen sich nach Berechnung des Studio Urban Catalyst dann nur noch auf 1,2 Millionen Euro – statt den von der Oberfinanzdirektion angesetzten 10 Millionen.

Der Ansturm auf den Palast der Republik aber löst bei Schlossbefürwortern heftige Abwehrreflexe aus. Da sowohl die Finanzierung als auch die Nutzung der 668 Millionen Euro teuren Rekonstruktion noch weitgehend ungeklärt sind, ist die Neubebauung des Schlossplatzes frühestens für 2006 geplant. Bis dahin aber könnte sich das öffentliche Interesse an der trostlosen Ruine gewaltig geändert haben. Schon jetzt fürchtet Antje Vollmer eine verheerende Entwicklung, wenn sich Berlins Kultur in der „schaurig-schönen DDR-Nostalgie" inszenieren dürfe.

Klaus Overmeyer wehrt sich vehement gegen diesen Pauschalvorwurf einer Parteinahme: „Die Arbeit des Studio Urban Catalyst ist nicht ideologisch motiviert. Unser Ziel ist nicht der Erhalt des Palastes. Aber wir wollen den Ort beleben und für Initiativen verfügbar machen – bis zum Zeitpunkt seines endgültigen Abrisses."

So könnte sich die Schlossfraktion eigentlich entspannt zurücklehnen und die Zeit für sich arbeiten lassen. Denn wer wollte dem eindringlichen Appell von Kaspar König, Leiter des Museums Ludwig in Köln, widersprechen, wenn er fordert: „Lasst den Palast der Republik nicht zu einem zweiten Tacheles werden, denn diese – von schweißenden Kunsthandwerkern besetzte - Ruine ist einfach saublöd."

Das Orchester auf der Titanic soll nie so schön gespielt haben wie im Moment seines Untergangs.

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