Kultur : Der Leuchtturm Europas

MATTHIAS MOCHNER

So klang wahres Herrscherlob: "Die schnellen Segel bläht mit leisem Beben sanfter Südost. Nun treibt er mich an, ausgreifenden Schrittes zur Höhe zu eilen, wo Europas ragender Leuchtturm hell erblinkt: wo König Karl seinen mächtigen Namen bis an die Sterne verbreitet." Brillante Rhetorik gespickt mit antikisierenden Metaphern - solche Sprachpracht hielt der anonyme Verfasser des Paderborner Karlsepos "Karolus magnus et Leo papa" beim Schildern der Zusammenkunft von weltlichem und geistlichem Herrscher im Sommer des Jahres 799 in Paderborn für angemessen.Die Ausstellung "799 - Kunst und Kultur der Karolingerzeit. Karl der Große und Papst Leo III. in Paderborn" entfaltet historische Ereignisse entlang den 540 Versen des kurz nach 800 entstandenen Textfragments, dem unser Zitat entnommen ist. Die Ausstellung will Grundsätzliches über die Zeit in Europa vor 1200 Jahren aufzeigen. Verteilt ist sie auf drei Orte in Paderborn: die Städtische Galerie Am Abdinghof, das Museum in der Kaiserpfalz und das Erzbischöfliche Diözesanmuseum. 300 Objekte aus 180 Sammlungen weltweit sowie rund 600 archäologische Funde hat man hier versammelt - eine Schatzkammer. Leider war die einzige erhaltene Handschrift des Epos von der Zentralbibliothek in Zürich nicht ausleihbar.Doch eine derart umfangreiche Präsentation zur Karolingerzeit gab es zuletzt 1965 mit "Karl der Große" in Aachen. Ausstellungen wie diese haben Gewicht - sogar an den Katalogen läßt sich das messen. Fünf schwere Katalogbände begleiteten jene legendäre Ausstellung in Aachen. Nur zwei Bände waren für Paderborn geplant - immerhin umfassen sie mehr als 2000 Seiten. Am Ende entwickelte sich auch noch ein dritter aus dem Großprojekt: 744 Seiten "Handbuch" zur Geschichte der Karolingerzeit. Diese letzte Großausstellung zur Karolingerzeit vor der Jahrtausendwende ist gleichzeitig eine erste: Nämlich der Auftakt des fünfteiligen europäischen Projekts "Charlemagne - the making of Europe." Bis zum Jahr 2001 behandelt das von der Europäischen Kommission im Rahmen des "Raphael-Programms" geförderte Projekt die Gestaltung Europas durch Karl den Großen. Auch in Barcelona, Brescia, Split und York wird man Karolinger-Ausstellungen besuchen können. Die so modern wie rätselhaft klingende Charakterisierung des 747 geborenen fränkischen Königs als "pharus europae" (Leuchtturm Europas), weist dabei den Weg. 35 Jahre Forschung bereichern das Bild europäischer Geschichte um 800 um wesentliche Aspekte. Differenzierte Sichtweisen einer lange als "finster" geltenden Zeit flossen in die Konzeption der Ausstellung in Paderborn ein.Als Besucher in Paderborn begegnet man "Europas Leuchtturm" zunächst in einer audiovisuellen Präsentation: "799 - Aspekte einer Zeitenwende" zeigt die Städtische Galerie Am Abdinghof. Mittels assoziativer Montagetechnik collagiert eine Großprojektion auf einer dreifach gebrochenen Projektionsfläche Zitate aus der modernen Medienwelt mit historischen Äquivalenten - etwa Schauplätzen karolingisch-europäischer Geschichte. Die Ansichten und Panoramen auf den von allen Seiten frei zugänglichen Großleinwänden vereinigen sich zuweilen mit solchen auf einer vierten Leinwand zu einem Bild. Jederzeit können die Betrachters in die Endlos-Schleife dieser Großprojektion von Lothar Spree einsteigen oder aus ihr heraustreten. Als perfekte Multivisionsschau erinnert die Installation künstlerisch fast an Arbeiten des Amerikaners Bill Viola.Ein paar Schirtte weiter, vorbei an der Rekonstruktion eines karolingischen Klostergartens, findet man das Museum in der Kaiserpfalz. Hier steht der authentische Schauplatz des Treffens zwischen König und Papst im Mittelpunkt. Die Entscheidung der Ausstellungsgestalterin Barbara Hähnel-Bökens für eine schlichte Präsentation der Exponate, der behutsame Einsatz multimedialer Technik sowie einige Inszenierungen, die das Treffen von 799 ironisieren - all das erweist sich hier als Glücksgriff. Sie sei, so versichert die engagierte Mitarbeiterin des 10-Millionen-Projekts, von der Persönlichkeit Karls des Großen "begeistert" gewesen. So begegnet uns auch gleich am Eingang symbolhaft die Statue Karls, digital verfremdet nach der berühmten Metzer Bronzestatue aus dem Louvre. Hier ist ihr ein anderes Pferd untergeschoben. Über einen roten Teppich - Anspielung auf das Gipfeltreffen König-Papst - gelangen die Besucher in die Aula der ottonischen Kaiserpfalz und immer tiefer ins Thema. Ausgewählte Objekte greifen das delikate Thema des westlichen Kaisertums Karls auf, das sicherlich Gegenstand der Gespräche zwischen König und Papst in Paderborn war. Zeichen dafür sind etwa die beiden Teile des als Karls Leichentuch geltenden byzantinischen Quadrigastoffes, die bekannte Darstellung Ludwigs des Frommen in einem Buchstabengedicht des Hrabanus Maurus, eine Säule aus der Pfalz in Aachen oder die antike Statue einer Wölfin. Übersichtskarten dokumentieren die dramatischen Ereignisse der Flucht Papst Leos III. über die Alpen, die Stimmen seiner Gegner wie Parteigänger sind akustisch in Zitaten der Zeit hörbar. Und Reste von Wandmalerei sowie formschöne Glasobjekte erzählen neben Modellen und Architekturfragmenten vom einstigen Innenleben der in den siebziger Jahren ausgegrabenen karolingischen Pfalz.Weniger visuell transparent als die Gestaltung der Kaiserpfalz ist die Präsentation christlicher Kunst der Karolingerzeit im Diözesanmuseum südlich des Doms. Die verwinkelten Räume dort gleichen einem Wunderkabinett voll funkelnder Kostbarkeiten, dessen Glanz zwar die Sinne betäubt, jedoch nur wenig von ihrer mittelalterlichen Bedeutung - geschweige denn mögliche Bezüge zur Gegenwart - vermittelt. So nimmt es auch nicht Wunder, daß man sehr unvermittelt auf einen der Höhepunkte der Ausstellung stößt: das vollständige Lorscher Evangeliar mit beiden Elfenbeintafeln des Einbandes. Allen an mittelalterlicher Geschichte Interessierten dürfte angesichts der hier versammelten Objekte das Herz höher schlagen. Da ist der Grimfridus-Kelch, da sind bedeutende Handschriften - allein 18 aus dem Vatikan -, Reliquiare, Elfenbeinarbeiten und liturgische Geräte bis hin zum antiken Proserpina-Sarkophag aus Carrara-Marmor, in welchem sich die Gebeine Karls des Großen bis zu seiner Heiligsprechung im Jahre 1165 befanden. Mit 1200 gebuchten Ausstellungsführungen bisher haben jedoch schon rund 40 000 Interessierte, fast die Hälfte der kalkulierten 100 000 Besucher, ihr Interesse an den Karolingern bekundet. Sie suchen die Brücke vom Mittelalter zur Gegenwart, vom Glanz der Schätze zum Verständnis.

Paderborn, drei Ausstellungsorte, bis 1. November. Katalog im Verlag Philipp von Zabern, 2 Bände 80 DM, mit Handbuch 148 DM. Im Buchhandel Kat. 165 DM, Handbuch 125 DM.

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