Kultur : Der Magier, der Maler, der Maestro

Er war fasziniert vom damals modernsten aller Medien. Und er misstraute den Moden der Moderne: Die Berlinale widmet dem großen deutschen Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau ihre Retrospektive

Julian Hanich

Das knapp vier Meter hohe Sandsteingrabmal ist verwittert. Unter den Metallbuchstaben der Inschrift ziehen sich grünblaue Schlieren. Das von Eiben und Rhododendren gesäumte Rasenstück, unter dem sich die Gruft mit dem Sarg befindet, ist übersät von Zweigen und welkem Laub. Ein riesiger Baumstumpf liegt entwurzelt daneben.

Das Grab auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof an der Stadtgrenze Berlins, dort, wo auch Zille, Corinth und Werner von Siemens ruhen, ist ein Sinnbild: Friedrich Wilhelm Murnau, der vielleicht bedeutendste Regisseur, den Deutschland hervorgebracht hat, ist in Vergessenheit geraten. Seine Filme sind – abgesehen von „Nosferatu“ (1921) – selten zu sehen. Die Literatur über ihn, zumal die deutsche, ist dürftig. Selbst gebildete Leute schütteln oft den Kopf, wenn man nach Murnau fragt. Nicht mal ein Ehrengrab hat er bisher.

Doch so, wie das Grab bis Ende Februar restauriert sein soll – der Eingang der Gruft ist derzeit mit Planen verhüllt – , so steht auch Murnau selbst, neben Fritz Lang und Georg Wilhelm Pabst der unsichtbare Dritte im cineastischen Triumvirat der Weimarer Republik, vor der Wiederentdeckung. Bereits 2001 hatte „Shadow of the Vampire“, ein fiktiver Film über die Dreharbeiten zu „Nosferatu“, Murnau vielen ins Gedächtnis zurückgerufen. Das Berliner Filmmuseum wird demnächst, wie es aussieht, den Nachlass als Dauerleihgabe erhalten. Ein Teil davon ist derzeit in der Murnau-Ausstellung zu sehen (vgl. Tagesspiegel vom 23. Januar). Und heute nun startet, begleitet von einem umfangreichen Katalog, die große Berlinale-Retrospektive.

Murnau (1888-1931) war ein Zauberer, der aus dem Zylinderhut des jungen Mediums Film immer wieder neue weiße Kaninchen springen ließ. In „Phantom“ (1922) setzte er Maßstäbe für die Visualisierung des menschlichen Innenlebens. Die Bilder verschwimmen zu Wunschvorstellungen des Protagonisten. Der Tag fängt an zu taumeln und fällt in einen Strudel aus knappen Einstellungen und Kamera-Schaukeleien. Eine Häuserfront neigt sich, droht auf den schuldgeplagten Helden niederzustürzen und jagt ihm alsbald als Schattenwurf hinterher. Überhaupt, die Schatten! Sie sollten Murnau nicht mehr loslassen. Schon gar nicht in „Nosferatu“, dem expressionistischen Urbild aller Horrorfilme. Dort invertiert sich durch Negativprojektion plötzlich die Schattierung der Welt, und die Montage bekommt telepathische Züge: Im fernen Transsylvanien beugt sich der Vampir über sein Opfer; zu Hause, in Deutschland, schreckt die Gattin schreiend aus dem Schlaf empor. Murnau, der Magier des Kinos.

Ohne Zwischentitel

„Erfindet bitte etwas Neues, auch wenn es verrückt sein sollte“, hatte der Ufa-Produzent Erich Pommer einmal von Murnau und seinem Team verlangt. Daraufhin zauberten sie einen Stummfilm hervor, der ganz ohne Zwischentitel auskam: „Der letzte Mann“ (1924). „Der perfekte Film braucht keine Zwischentitel“, davon war Murnau überzeugt. Legendär ist seine Kamera, die – von ihren Fesseln befreit – durch den Film glitt und flog. „Der letzte Mann“ brachte Murnau in Hollywood den Durchbruch: Sein späterer Studioboss, William Fox, der das Image seines Studios mit Murnaus Namen aufpolieren wollte, jubilierte über das „German genius“. Murnau verließ Berlin, wohin er 1907 zum Studieren gezogen war und wo er ab 1919 in einer Villa in der Douglasstraße 22 gelebt hatte, und ging nach Los Angeles. Dort entstand „Sunrise" (1927). Für viele sein Meisterwerk. In der Fachzeitschrift „Sight and Sound“ wurde das Werk unlängst zum siebtbesten Film aller Zeiten gewählt.

Murnaus Filme sähen ganz anders aus ohne den Einfluss der großen Namen der Kunstgeschichte: von Altdorfer und Rembrandt über Caspar David Friedrich und Arnold Böcklin bis zu Wilhelm Busch und Edvard Munch. „Mit Eisenstein und Dreyer gehört er zu den wenigen Filmern, deren photographische Konzeption der Malerei der Museen mehr verdankt als volkstümlichen Bildvorstellungen“, hat Eric Rohmer einmal geschrieben. Das wurde oft damit begründet, dass Murnau, der seinen Geburtsnamen Plumpe abgelegt und sich nach dem oberbayerischen Refugium der „Blauen Reiter“-Künstler benannt hatte, vor dem Ersten Weltkrieg Kunstgeschichte in Berlin und Heidelberg studierte. Doch es war auch Murnaus kluger Schachzug, die Anerkennung des Kinos mit Hilfe einer etablierten Kunstform zu steigern. Am besten ist das zu sehen in „Faust“ (1925). Dort rüstet er die bewegte Photographie mit malerischen Kompositionen aus und fordert so die klassische Literatur zu einem Wettstreit der Künste heraus. Von den ersten vier Kamera-Oscars gingen später zwei an Murnau-Filme: „Sunrise“ und „Tabu“. Murnau, der Maler des Kinos.

Klingendes Schweigen

Nur dem Tonfilm stand Murnau immer skeptisch gegenüber. Seine Filme schwiegen. Statt dessen brachte er durch geschicktes Hantieren mit Kameraeinstellung und Montage die Töne im Stummfilm zum Klingen. In „Tabu“ (1931), vier Jahre nach Einführung des Tons bewusst als Stummfilm gedreht, arbeitet sich die Kamera in vier Schnitten an den Mund eines schreienden Mannes heran – der Ruf scheint dabei immer schriller zu werden. Synästhesie nennt man dieses poetische Verfahren. Murnau dirigierte seine Filme darüber hinaus mit musikalischem Gespür für Rhythmus. Darauf verweisen schon die Titelergänzungen von „Nosferatu“ und „Sunrise“: „Eine Symphonie des Grauens“ und „A Song of Two Humans“. Murnau, der Maestro des Kinos.

Magier, Maler, Maestro… Doch damit keine Missverständnisse aufkommen: Murnau war nie ein solitäres Originalgenie. Der auteur ist beim Gemeinschaftskunstwerk Film schon immer ein Ausdruck bürgerlicher Kunstreligion gewesen. Murnau standen schlichtweg die besten Leute dieser größten Zeit des deutschen Kinos zur Seite. Die Drehbücher schrieben der begnadete „Caligari“-Autor Carl Mayer und Fritz Langs Ehefrau Thea von Harbou. Neben ihren Originalgeschichten verwendeten sie Weltliteratur wie Molières „Tartüff“ und das „Faust“-Motiv oder adaptierten deutsche Naturalisten wie Hauptmann und Sudermann. Hinter der Kamera tüftelten Virtuosen wie Karl Freund oder Fritz Arno Wagner. Und vor der Kamera brillierten einige der bekanntesten Gesichter der zwanziger Jahre: Conrad Veidt, Lil Dagover und Emil Jannings. Für „Tabu“ tat er sich sogar mit Robert Flaherty zusammen, dem amerikanischen Urvater des Dokumentarfilms.

Murnau war vernarrt in das modernste aller Medien. Gleichzeitig durchzieht seine Filme ein Misstrauen gegenüber den Neuerungen der Moderne: Sie distanzieren sich von der Urbanisierung, vom wilden Konsum, von der Emanzipation der Frau. Warum dreht jemand in dieser Zeit des rasenden Umbruchs Filme über Vampire und die Pest, über Pakte mit dem Teufel, über einen verfluchten „Brennenden Acker“ (1922)? Warum sind seine Protagonistinnen selbstaufopfernde Neurotikerinnen, brave Mütterchen oder hysterische femmes fatales? Die Filme spielen in der zeitlichen Ferne des deutschen Biedermeiers und des Mittelalters. Sie entschwinden in die geographische Ferne von Tahiti und des sonnigen Mittelmeers. Sie sind Fluchten aus dem Weimarer Hier und Jetzt.

Doch Murnau war kein Reaktionär. Der Widerspruch zwischen Technikbegeisterung und Skepsis gegenüber der Moderne steckte in vielen Filmen der Weimarer Zeit. Man denke an „Caligari“, an „Der Golem“, an „Metropolis“. Doch diese Diskrepanz sticht bei niemandem stärker ins Auge als bei Murnau. Nirgends schrieben sich die Erschütterungen der Epoche deutlicher fest, als in den seismographischen Filmen dieses sensiblen Romantikers. Bringt man in Sachen Murnau neben der Lust an visueller Überwältigung auch historisches Gespür mit, dann schweigen seine Filme sehr beredt von Modernisierungsängsten und den Traumata nach dem Krieg.

Von den 21 Filmen, die er zwischen 1919 und 1931 gedreht hat, sind neun verschollen. Wahrscheinlich für immer. Das ist die eine Tragödie, die man mit Murnau verbindet. Die andere ereignete sich am 10. März 1931. Murnau war an der Pazifikküste unterwegs, als sein Wagen von der Straße abkam und die Böschung hinunterstürzte. Wie James Dean und Jackson Pollock, wie Albert Camus und Roland Barthes wurde Murnau Opfer eines Verkehrsunfalls. Im Morgengrauen des nächsten Tages war er tot. Murnau – in Bielefeld geboren, gestorben in Santa Barbara – wurde nur 42 Jahre alt.

Täglich um 20 und 22.30 Uhr im Cinemaxx 9, heute „Der Gang in die Nacht“ und „Tabu“.

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