Kultur : Der Mann, der gegen alles ist

Mit Harold Pinter ehrt die Akademie einen Meister des Dialogs – und einen politischen Wüterich

Gregor Dotzauer

Wieder ein Theatermann. Mit ihrem Nobelpreisvotum für Harold Pinter hat die schwedische Akademie die Literaturwelt erneut überrascht. Aber falls sie den Nobelpreis als Empfehlung eines unterrepräsentierten Autors ans Publikum verstanden wissen möchte, ist der britische Dramatiker eine schlechte Wahl. Denn der 75-jährige Pinter ist nach wie vor auf Studiobühnen und Stadttheatern in aller Welt zu Hause – das allerdings zumeist mit Stücken von vor dreißig, vierzig, fünfzig Jahren. „Der Hausmeister“ (The Caretaker) von 1959, dieser psychologische Ringkampf zwischen einem zurückgebliebenen jungen Mann, dessen Bruder und einem Penner: immer noch eine sichere Bank für die theaterkulturelle Grundversorgung. „Die Geburtstagsfeier“ (The Birthday Party) von 1957, dieses Symboldrama über den Einbruch der existenziellen Angst ins Kleinbürgerleben: immer noch gediegen gespenstisch, absurdes Theater für den Hausgebrauch.

Von seinen jüngeren Stücken, in denen das Unheimliche politisch konnotiert wird, hört man wenig. In ihrer Kürze – „Berg-Sprache“ (Mountain Language) von 1988 dauert etwa eine halbe Stunde, „Asche zu Asche“ (Ashes to Ashes) rund eine – füllen sie nicht mal mehr einen ganzen Abend. Es fehlt nicht viel, und man könnte sagen: Der Literaturnobelpreis 2005 ist der erste, der an einen Autor geht, dessen Kunst sich überlebt hat.

Falls der Preis dazu dienen sollte, einen Schriftsteller von einzigartiger Statur auszuzeichnen, dann ist Pinter eine noch schlechtere Wahl. Lest die Originale: Lest Pinters Hausheilige, Kafka, Beckett, Joyce! Zwar hat er es in Verbindung mit seinem Namen zu dem schönen Adjektiv „pinteresk“ gebracht, das man außerhalb der engeren Theaterkreise mit den Worten übersetzen könnte: Holt schon mal den Schlüsseldienst, da haben sich ein paar Idioten in ihrer Wohnung eingesperrt! Was es heißt, wenn ein Text joycelt oder eine Situation sich kafkaesk anfühlt, ist schon eher sprachliches Gemeingut. Und pinteresker als Pinter selbst sind inzwischen jüngere englische Dramatiker wie Martin Crimp.

Falls es der Akademie darum ging, einen Mann von unzweifelhafter politischer Reputation zu küren, ist Pinter eine ganz und gar unmögliche Wahl. Zwar unterstützt er, wie seine Website www.haroldpinter.org dokumentiert, zwanzig ehrenwerte internationale Organisationen, darunter Amnesty International, die Cuba Solidarity Campaign, die Haiti Support Group, das Kurdish Human Rights Project oder die Initiative „Speak Out Against Racism – Defend Asylum Seekers“. Es gibt kaum ein politisches Krisengebiet, in dem er nicht publizistisch interveniert hätte. Er gehörte zu den entschiedensten Gegnern des Irakkriegs, und er hat es riskiert, es sich von Maggie Thatcher bis Tony Blair mit allen politischen Führern Großbritanniens zu verderben. Aber über all den offenen Briefen, Petitionen und Polemiken, die seine Unterschrift tragen, hat der Titan des Protests zuletzt wohl doch ein wenig den Überblick verloren.

Wie sonst ist es zu erklären, dass er auch für die Freilassung des serbischen Diktators Slobodan Milosevic unterschrieb: Pinter gehört zu den Mitgliedern des „International Committee to defend Slobodan Milosevic“ – ein Engagement, zu dessen Entschuldigung sich höchstens sagen lässt, dass Pinter, anders als andere, nicht auf der Unschuld des Diktators beharrt, sondern nur die Legitimität des Gerichts in Den Haag in Frage stellt: Für ihn, den haltlosen Wüterich gegen die neue amerikanischen Weltordnung, betreibt es politische Auftragsjustiz.

Eine erstklassige Wahl wäre Pinter nur, wenn es darum ginge, den Literaturnobelpreis künftig für unermüdlichen Fleiß und Vielseitigkeit zu vergeben. In der Tat dürfte es wenige Künstler seines Bekanntheitsgrads geben, die sich als Dramatiker, Schauspieler, Regisseur, Lyriker und Prosaist zugleich betätigen. Im Theater- und Filmfach hat Pinter dabei nach handwerklichen Maßstäben auch glänzend reüssiert. Er ist ein Meister dichter, rhythmisch und gedanklich präziser Dialoge, und er kennt den Moment, wann er eine dramaturgische Schlinge zuziehen muss. Als Lyriker jedoch bleibt er ein Naivling: im Privaten privatistisch – und im Politischen ein Agitpropagandist. Warum ihm für sein Bändchen „War“ (auf Deutsch als „Krieg“, übersetzt von Peter Zadek und Elisabeth Plessen bei Rogner & Bernhardt) zuletzt der Preis der Wilfred-Owen-Stiftung zuerkannt wurde, wissen nur Gesinnungsprüfer. Nach 16 Ehrendoktoren und etwas mehr literarischen Auszeichnungen hätte es eine Schüssel Porridge am goldenen Bande auch getan – als fragwürdige Krönung eines englischen Lebenswerks.

„Harold Pinter“, so die schwedische Jury in ihrer Begründung, „hat in seinen Dramen den Abgrund unter dem alltäglichen Geschwätz freigelegt und ist in den geschlossenen Raum der Unterdrückung eingebrochen.“ Aber reichen solche blumigen Formulierungen, um Pinters Beitrag zum Wohle der Menschheit, wie ihn die Richtlinien des Nobelpreises fordern, zu definieren? Umstrittene Entscheidungen hat es bei der höchsten Ehrung, die diese Welt für die Literatur zu bieten hat, oft genug gegeben. Da gab es offensichtliche Missgriffe, man denke nur an den italienischen Polittheaterclown Dario Fo (1997) oder den portugiesischen Romancier José Saramago (1998). Und es gab etliche streitbare Entscheidungen wie für den im Pariser Exil lebenden Chinesen Gao Xingjang (2000) oder im vergangenen Jahr für die in ihrem postfeministischen Männerhass verharrende Elfriede Jelinek. Diesmal hätte jedes weniger von mäßig mutigen politischen Erwägungen getragene Votum der Jury besser angestanden. Und im Reich der Literatur wäre sie auch schnell fündig geworden.

Nun ist der Dramatiker vor Glück überwältigt und hat in London mit seiner Frau bei einer Flasche Champagner gefeiert. Schöner wäre: Harold Pinter selbst ruft zum Sturz der Akademiejury auf. Die nötige Militanz hat er immer noch. Regime change now!

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