Kultur : Der Mauerbau: Wir Augenwischer

Jaja, das war eine schöne Zeit, bevor es 13 schlug: Als der Otto Mayer vom Bezirksamt Wilmersdorf am Sonnamd noch mal eben in den Ostsektor fahren konnte, Opernkarten kaufen. Jene Zeit, in der man als Berliner "von Ost nach West fahren durfte, wenn man musste, und von West nach Ost, wenn man wollte, ohne daß man musste". Eine wunderbare Zeit - hätten nicht auf dem Autorücksitz Frau Mayers Pumps gelegen, vom Schuster in den Tagesspiegel eingewickelt; hätte nicht Otto Mayer, nach der Durchsuchung seines Wagens auf weitere Hetzblätter, Ost-Sprit getankt und den West-Grenzer, der das Vergehen notierte, zu bestechen versucht. Und wäre der Otto Mayer nur nicht beim Bezirksamt gewesen, wo man korruptionstechnisch wenig zu bieten hat, sodass er nun - "sehn Se, det is Benzin!" - strafversetzt wurde, ins Gartenbauamt. Ja, beinahe schön war die Zeit, bis es 13 schlug und sich die Schwestern Göbel aus der Bernauer und der Schönholzer Straße nur noch per Fernglas am Fenster sehen konnten: "Hier gilt keine Logik, nur Realität: 300 Meter - ein anderer Planet." 50 Stunden werden sie Bahn fahren, um die 300 Meter zu überwinden ... Auch der Filmkaufmann Holger, Frankfurt (West), muss sich nun, obwohl er nur zum Spaß spontan nach Dresden will, erst mal bis ins Ostberliner Ministerium vorkämpfen - wo er unverhofft den Kalinke trifft, aus seinem pommerschen Geburtskaff, den Sohn von "Kalinke mit dem Sechsereis". Der ihm schließlich die Beerdigung seiner eigenen Dresdner Tante anbietet, als Reiselegitimation! "Sie sehn, es geht alles im Leben", sagt der Genosse Kalinke.

Die surreale Laubenpieper-Stadt

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Die Mauer in Bildern Kann man über die Mauer witzeln, solange sie steht? "Bevor es 13 schlug" heißt das Vinyl-Dokument der Stachelschweine, aufgenommen 1963 vor einem hörbar belustigten Publikum. Die Satiriker erzählen Menschengeschichten als Berlinhistorie, ihre Moral ist das Durchschlängeln, ihr Held der kleine Mann, dem das große Ganze schnurz zu sein scheint. Ideologische Konfrontation dient ihnen nur als Pointenstoff, im Gegensatz zu den legendären Insulanern; deren Hoffnungstrotz war nach dem 13. August zunächst verstummt. "Die brutale Zerstückelung einer Stadt" sei kabarettistisch nicht mehr zu glossieren, schreibt in ihrem Buch "Der Insulaner verliert die Ruhe nicht" Regina Stürickow: "Durfte man jetzt überhaupt noch auftreten?" Als sich die Insulaner 1962 wieder melden, beschwören sie die Unvergänglichkeit Spree-Athens: "Wenn Ulbricht längst kassiert is / oder gar am Kinn rasiert is / bleibt Berlin - immer noch Berlin!" Den Stachelschweinen ist die antikommunistische Emphase weniger wichtig. Sie menscheln, um den Preis der Verharmlosung; manchmal kulminieren ihre Kodderschnauzen-Skizzen zu surrealen Milieu-Szenen einer beschränkten Laupenpieper-Metropole.

"Bevor es 13 schlug" funktioniert, neu gehört, als Bericht aus einer Zeit, in der die Politik für den Alltag eine garstige, doch vom Bürger noch reflektierte Rolle spielte; in der Generationen noch durch ungeteilte Vor-Geschichten einander verbunden waren; in der es einen Bürgertypus gab, der die Durchsetzung seines Privatvergnügens gegen den Staat nicht als Grundrecht, sondern als subversiven Befreiungsakt begriff; in der das Kabarett sich als Volkesstimme und Aufklärung verstand, den "totalen Staat jedweder Farbprägung" als "Hauptgegner" (Covertext) voraussetzend. Dieses klassische Brettlwesen und seine Werte mögen passè sein; wenig verändert haben sich die Enge des Frontstadt-Horizontes und die mentale Distanz zwischen Spree und Wessiland. "Von hier kann man selbst mit dem größten Dreh / nicht mehr nach drüben fahren. / Wer weiß das schon am schönen Rhein / und ist sich darüber im klaren." Wie weit weg der Westen war, belegt auch die ganz andere Tonlage eines Sketches der Münchner Lach- und Schießgesellschaft (LSG) aus einer Koproduktion mit den Stachelschweinen, zwei Wochen nach dem Mauerbau: über Kölner Stacheldraht-Exporte in die DDR. Eine beißende Analyse der Ost-West-Heuchelei! Die LSG ist nicht so nah dran, sie erkennt im Drama Berlin die Deutschlandgeschichten.

Jenes Land der unerfüllten Sehnsucht

Wer sich nicht distanziert, krepiert: Dass dem Gesamtdeutschen, zwischen Gefühlsstau und Wendeglück, mit den Mauer-Scherzen auch das Weinen abhanden kam, zeigt ein Programm von LSG und Leipziger Pfeffermühle am 31. 12. 1989. Der Schutzwall als Mordmeile, Volksknast, Biographie- und Rückgratspalter kommt darin nicht vor, erwogen wird nur das Urheberrecht: Stalin oder die Architekten Adenauer & Springer? Ein zynischer Rückblick, Lichtjahre entfernt vom Sentiment der 63er-Stachelschweine, die sich abmühten, ihre Schwestern Göbel zu vereinigen, auf dem Umweg über die Krim: "Und als der Zug in Kiew hielt, da war endlich es gelungen: Sie gingen auf einander zu, und hielten sich umschlungen." Seltsam, wie die holprigen Verse heute noch zu rühren vermögen; als wischten wir uns am Abend des 9. November verstohlen die Augen. Mauer-Erinnerungen: an das Paradies einer unerfüllten, kollektiven Sehnsucht.

Das mit dem Einander-Umschlingen übrigens hat sich dann ja bekanntlich bald geändert, wie leider so vieles, vom Umbau der Bezirksämter gar nicht zu reden: "Sie sehn, es geht alles im Leben." Ist das ein Trost? Heute wissen wir, es war eine Drohung.

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