Kultur : Der Mensch im Bann der Maschine

KLAUS KLEINSCHMIDT

Das Römisch-Germanische Museum in Köln zweigt das Werk des amerikanischen Fotografen Lewis Hine VON KLAUS KLEINSCHMIDT

Der Amerikaner Lewis Hine gilt für viele als frühester Vertreter einer engagierten Fotografie, die den Menschen und seine Arbeitskraft in den Mittelpunkt der Darstellung rückt.Aber nicht der Mensch an sich, vielmehr der Arbeiter in seiner von Armut unberührten Anmut und Würde fesselte Hine.Bei aller Anteilnahme blieb der Fotograf ausgesprochen nüchtern in der Betrachtung.Von seinem Vorgesetzten im Schuldienst zur Fotografie angeregt, wollte Hine 1905 Sympathie für das Los der armen Einwanderer wecken, um der damals fremdenfeindlich gesinnten Regierung seines Landes Einhalt zu bieten.1907 ging er gegen die Kinderarbeit an - zu einer Zeit, als dies unbequem war. Hines Fotos entfalteten die Suggestivität von "Beweisen", so sehr überzeugten sie.Daran hat das direkte Licht, das er zur Aufnahme benutzte, einen nicht geringen Anteil.Hine setzte sich damit demonstrativ von der Lichtführung der "pittoresken Schule" ab.Coburn, Steichen, Stieglitz oder Getrude Käsebier konnten noch die Kunst mit ihrem diffusen Licht, niemals aber die soziale Wirklichkeit der amerikanischen Gesellschaft reflektieren.Eben darum ging es Hine.Er, dessen Werk das George Eastman House erstmals im Römisch-Germanischen Museum am Kölner Dom zeigt, avancierte vom Lehrer zum Soziologen mit der Kamera.Hine wollte seine Berichte nicht mit dem Bleistift, sondern lieber mit der Linse "schreiben".Der Fotoapparat schien ihm ein zuverlässiger registrierender Zeuge als die Schrift.So war er selbst für jene, die er Tag für Tag auf Zelluloid festhielt - die vielen Ausländer, Analphabeten und einfachen Tagelöhner - verständlich.Und sie verstanden. Geboren wurde Lewis Wickes Hine 1874 in der Stadt Oshkosh - im Staat Wisconsin.Gerade als er sein Abitur bestand, starb sein Vater an den Folgen eines Unfalls.So mußte sich der noch nicht Volljährige einen Job in einer Polsterfabrik suchen - vier Dollar Lohn täglich bei dreizehn Stunden harter Arbeit.Er lernte das Leben der einfachen Lohnarbeiter kennen und schlug sich in der Nähe seiner Stadt ein paar Jahre leidlich durch.Doch Hine hatte mehr vor.Er zog fort, wollte studieren.Mit Hilfe eines Professors der Pädagogik gelang es ihm, einen der begehrten Studienplätze an der Universität Chicago zu erlangen.Er lernt eifrig und war 27 Jahre alt, als er 1903 die Hochschule verließ, um an der New Yorker Ethical Culture School Lehrer zu werden.Als der Direktor seiner Schule, ein Liebhaber der Fotografie, eine Plattenkamera erwarb, bat er Hine kurzerhand, er möge sich künftig doch dem Medium der Fotografie widmen, um die Technik zur Dokumentation im Schuldienst einzusetzen.Der neugierige Soziologe schlug begeistert ein und schoß bald schon über das ihm gesteckte Ziel hinaus. Schnell entstand ein ganzer Zyklus von Porträts und Gruppenfotos.Hine nannte das Werk "Sozialfotografie" - vergleichbar mit August Sanders "Antlitz der Zeit".Wobei Hine nicht Berufsporträts, sondern den Menschen selber in seiner Arbeitswelt darstellen wollte.So galt sein Augenmerk den Rechtlosen am Rand der Gesellschaft.1907 begann er sein Projekt im Auftrag des National Child Labor Committee - eine Fotoserie über Kinderarbeit. Ähnlich wie später in den 30er Jahren mit dem legendären Fotogroßprojekt der Farm Security Administration (FSA) in den Südstaaten, aus dessen Arbeit etwa ein Walker Evans oder eine Dorothea Lange hervorgingen, wurde beim NCLC die Fotografie als visuelles Argument zur Beweisaufnahme genutzt.Auf Hines Bildern gingen selbst kleinste Kinder ihrer schweren Arbeit nach - meist sahen ihre Gesichter dabei erwachsen aus.Diese Fotos der Frühphase (1905-1915) rüttelten die Öffentlichkeit wach.Der amerikanische Kongreß reagierte mit Verboten und Gesetzen gegen die Kinderarbeit - für Hine ein Erfolg. Später wurden aus den Dokumenten von sozialer Sprengkraft formal bestechende Motive von großer Intensität.Nach Hines engagierter Frühphase ging es ihm nun darun, die Beziehung zwischen Arbeiter und Maschine sichtbar zu machen.Diesen Stil nannte er selbst "Interpretierende Fotografie".Der "Mechaniker im Elektrizitätswerk" von 1920 sollte ihn auf einen Schlag berühmt machen: Ein junger Mann zieht, den Oberkörper vorgebeugt, die muskulösen Arme entblößt, in der Hand einen riesigen Schraubenschlüssel, die Sicherungsmuttern eines Maschinenkessels fest. Hines Ruf als Fotograf der humanen Sache eilte ihm nun bereits voraus.Bevor er im Jahr 1918 für das amerikanische Rote Kreuz nach Paris ging, hinterließ Hine für das NCLC einige Tausend Aufnahmen von Kindern, die in zahllosen Bergwerken, Fabriken, Glashütten, Spinnereien oder Webereien des Landes für ihr Überleben hart arbeiten mußten. Auf einer Reise durch Serbien entstand 1920 das Fotobuch "The Human Costs of War", das die Folgen des Krieges für die Zivilbevölkerung dokumentiert.Diese und die Bilder über die Aktivitäten des Roten Kreuz in Paris zeugen von einer modernen Bildsprache, wie sie dann später für die Fotoreporter der Weimarer Republik vom Schlage eines Erich Salomon zum Vorbild wurde. Über zwei Jahrzehnte lang verfolgte Hine mit seinem Fotoprojekt "Menschen bei ihrer Arbeit" eine lückenlose Dokumentation des Arbeitslebens.Ihn interesierte nicht bloß der individuelle Einzelne, sondern der Mensch in seinem Arbeitsumfeld, das oft "feindlich" war.Auch ging es ihm - im Gegensatz zu Sander - nicht um eine Erweiterung der Möglichkeiten des Porträts, sondern um eine Demonstration der zunehmend engeren Liaison von Mensch und Maschine.Dafür fand er Bilder, die sich später trotz der überaus profanen Sujets zu wundersam mythischer Schönheit geadelt sahen. Eine Art Soziogramm der Gesellschaft war seine erklärte Absicht, doch es wurde mehr - anfangs noch kunstvolle Optik des Mitleids, später eine prophetische Sichtung des Individuums im Industriezeitalter.Der Mensch im Bann und Schatten der Maschine - ein Motiv, das Lewis Hine zeitlebens ansprach.Bis zu seinem Tod im Jahr 1940 ließ es ihn nicht mehr los.Mit 66 Jahren starb er in New York an den Folgen einer Operation.

Römisch-Germanisches Museum, Köln, bis 24.November.

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