Kultur : Der Mensch ist entziffert: Interview mit Molekularbiologe André Rosenthal

Wie kann die Entschlüsselung des Genoms dabei

André Rosenthal ist Geschäftsführer der "Metagen" und Professor für Molekularbiologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.



Wie kann die Entschlüsselung des Genoms dabei helfen, Krankheiten zu heilen?

Das kann sie nicht direkt und nicht sofort. Dennoch haben wir ein Tor zu einer völlig neuen Medizin aufgestoßen. Die Entschlüsselung des menschlichen Bauplans ermöglicht es jetzt, die Funktion dieser Gene zu erschließen. Gene, die eben auch mit Krebs, Alzheimer und anderen Volkskrankheiten zusammenhängen. Aber die genaue Analyse dieser Gene wird noch mal zehn bis 20, vielleicht auch 30 Jahre in Anspruch nehmen.

Dürfen wir für alle genetisch bedingten Krankheiten auf Heilung hoffen?

Da muss man unterscheiden. Eine Krankheit wie Krebs ist das Ergebnis vieler Einflüsse, der Umwelt, aber auch des Erbguts. Krebs und andere Volkskrankheiten werden außerdem nicht nur durch ein einzelnes defektes Gen verursacht, sondern durch das Zusammenspiel zahlreicher Gene. Hier sind neue Heilungsansätze möglich. Daneben gibt es auch seltenere Krankheiten, die nur durch ein einziges verändertes Gen verursacht werden können, etwa die Mukoviszidose. Für diese Krankheiten wird es auch auf lange Sicht keine neuen Therapien geben.

Warum ist eine Therapie eher möglich, wenn viele Gene betroffen sind als wenn nur ein einziges Gen defekt ist? Das klingt paradox.

Das ist kein Widerspruch. Bei der Mukoviszidose kennen wir seit über einem Jahrzehnt die Genetik der Krankheit genau, trotzdem gibt es noch keine wirksame Therapie. Das hat zwei Gründe. Einerseits bieten die auslösenden Gene bei monogenen Erkrankungen oft keine Ansatzmöglichkeiten für Medikamente. Zudem sind die Krankheiten so selten, dass sich die Entwicklung neuer Wirkstoffe nicht rechnet. Das ist eine bittere Erkenntnis, aber so ist es leider. Bei der Entstehung von Krebs sind wohl mehrere Hundert Gene beteiligt. Gerade weil so viele Gene betroffen sind, hat man einen größeren Spielraum, auch solche Gene zu finden, die einen Therapieansatz zulassen.

Kann eine Therapie in die Gene eingreifen?

Es gibt solche Strategien, aber noch technologische Schwierigkeiten. Vor wenigen Jahren hoffte man, ein funktionierendes Gen in die Körperzelle schleusen zu können, um das defekte zu ersetzen. Der Vorgang wird somatische Gentherapie genannt. Das Ergebnis wäre, dass das defekte oder fehlende Eiweiß gebildet werden würde. Die meisten Krankheiten entstehen, weil durch das geschädigte Gen zu viele, schlecht funktionierende oder keine Eiweiße produziert werden. Die Gene sind nicht direkter Auslöser, sondern die Genprodukte, die Eiweiße. Leider funktioniert die somatische Gentherapie nicht. Deshalb setzen Therapien nicht an die Gene an, sondern an Eiweiße. Durch die Entschlüsselung des Erbguts können die Eiweiße in Zukunft besser identifiziert werden.

Welche Folgen hat das für die Entwicklung von Medikamenten?

Wir können die Anzahl der Angriffsmöglichkeiten für Medikamente verfünf-, vielleicht sogar verzehnfachen. Insgesamt gibt es etwa eine halbe Million menschlicher Eiweiße. Erst jetzt können wir schätzen, dass es bis zu 5000 Eiweiße gibt, die sich als Ansatzpunkte für Wirkstoffe eignen. Von denen kennen wir heute nur 500. Wenn wir diese 5000 Angriffspunkte entdeckt haben, wird das zu einer Flut neuer Arzneimittel führen. Das meine ich mit dem Tor zu einer neuen Medizin.

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