Kultur : Der Metropolen-Meister

Tradition als Katalysator: zum Tod des japanischen Architekten Kenzo Tange

Ulf Meyer

„Wie kein Zweiter konnte er der Zukunft einen Ausdruck geben, zuversichtlich und verführerisch“ – so charakterisierten seine Schüler Kenzo Tange, der 1913 in der Kleinstadt Imabari auf der japanischen Insel Shikoku geboren wurde. Den berühmten Pritzker-Preis bekam der Altmeister der japanischen Architektur erst 1987, im Alter von 74 Jahren. Im selben Jahr entwarf er das neue Riesenrathaus von Tokyo, dessen Doppelturm zum Wahrzeichen der Stadt geworden ist. Dazwischen liegt eine Karriere, die die Architektur der zweitgrößten Industrienation der Welt maßgeblich geprägt hat. Am Dienstag starb Tange in Tokio 91-jährig an Herzversagen.

Seine Bewunderung für Le Corbusier hatte Tange veranlasst, 1935 ein Architekturstudium in Tokio aufzunehmen. Der Beginn seiner Karriere war zugleich der Beginn der Moderne in Japan nach dem Zweiten Weltkrieg. Es hätte dafür keinen symbolischeren Auftrag geben können: Den Wiederaufbauplan für die von der Atombombe verwüstete Stadt Hiroshima. Tanges zentraler „Peace Park“ von 1956 wurde zum Ausdruck eines neuen, friedlichen Japans. Im Entwurf des Zentralgebäudes verwob Tange erstmals die Moderne mit fernöstlicher Raumauffassung. Schon in seinen frühen Meisterwerken verband er gekonnt den westlichen Geist mit seinem tiefen Verständnis für die japanische Kultur. „Tradition beeinflusst den Entwurf als Katalysator, ohne hinterher sichtbar zu sein", so Tange.

Das Schicksal Tanges blieb mit dem Japans verknüpft. Als Tokio 1964 Austragungsort der Olympischen Spiele wurde, was als Symbol für die Wiederaufnahme Japans in die Völkergemeinschaft galt, bekam Tange den Auftrag für zwei große Hallen. Die Bauten verbanden modernen Ingenieurbau mit einem starken und originellen Raumkonzept und machten Kenzo Tange weltberühmt.

Neben der Architektur war die Stadtplanung stets sein wichtigstes Betätigungsfeld. Schon das Thema seiner Doktorarbeit 1959 hieß „Raumstrukturen in einer großen Stadt“ und war eine Interpretation der Metropole auf Grundlage der Verkehrsströme der Berufspendler. Tanges epochaler „Plan für Tokio“ von 1960 war die logische Folge. Sein Konzept einer dichten Stadt, die entlang vorgegebener Service- und Transporttrassen wuchert, machte ihn zur Galionsfigur der Metabolisten. Tange entwickelte eine Stadtstruktur, die schnelles Wachstum und raschen Wandel erlaubt. Weltweite Aufmerksamkeit erfuhr der Plan, weil er eine Megastruktur über der Bucht von Tokio vorsah, in der Brücken künstliche Inseln und Pontonflächen verbinden.

Im Medienzentrum im japanischen Kofu verwirklichte Tange 1966 erstmals seine neuen Ideen. Das Haus ist um 16 runde Treppenhaus- und Fahrstuhlschächte herum organisiert. Die Büroflächen zwischen diesen Türmen wurden entlang einer internen Erschließungs-Straße eingehängt. Die Leerflächen ermöglichen eine spätere Expansion. Terrassen und Dachgärten lassen sich problemlos in weitere Innenräume verwandeln.

Tanges städtebauliche Ideen fanden bald ihren Weg nach Europa. Dem Plan für Skopje 1966 folgte der Entwurf für die neue Messe in Bologna und eine Neustadt für 60000 Bewohner auf Sizilien.In den Siebzigerjahren veränderte sich Tanges Architektur. Anstelle von industriellem Rationalismus traten Gefühl und Sinnlichkeit, die nach Tanges Meinung architektonisch sprechende, symbolische Gebäude verlangten. So entstanden postmoderne, zunehmend eklektizistische Hotels, Museen, Kulturzentren und Universitäten überall in Japan. Dem Erfolg daheim folgten Aufträge in den USA, Kuwait, Singapur und Frankreich. Mit Tanges Tod verliert Japan nicht nur seinen wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts, sondern auch einen weitsichtigen Theoretiker und Planer.

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